Die CO2-Männlichkeit

Klimakritik ist immer auch die Kritik an einer bestimmten, als männlich geltenden Lebensweise. Das verhärtet die Fronten.

Motorenleistung als Teil des männlichen Egos: Szene aus «Fast & Furious 5» mit Paul Walker und Vin Diesel. Foto: Alamy

Motorenleistung als Teil des männlichen Egos: Szene aus «Fast & Furious 5» mit Paul Walker und Vin Diesel. Foto: Alamy

Beat Metzler@tagesanzeiger

Die Menschen der Zukunft werden einst darüber rätseln, wer ihnen diese heisse Erde beschert hat. Eine Antwort lässt sich jetzt schon geben: Männer aus dem 20. Jahrhundert.

Wissenschaftler in den USA erhalten regelmässig E-Mails, in denen die menschengemachte Klimakrise bestritten wird. Dabei haben die Forscherinnen festgestellt: Mit grosser Mehrheit stammen solche Mails von Männern. Die Kommentarspalten von Schweizer Onlinemedien zeigen Ähnliches. Positionen, die am Klimawandel zweifeln oder Gegenmassnahmen für sinnlos erklären, werden oft von Kommentatoren verbreitet, die unter männlichem Namen auftreten. Studien bestätigen diese Beobachtung.

Umgekehrt gestaltet sich das Geschlechterverhältnis in der Klimabewegung. Deren Galionsfiguren heissen Greta, Luisa, Xiye Bastida oder Isra. 70 Prozent der jungen Menschen, die bei den «Fridays for Future»-Demos mitlaufen, sind weiblich. Das ergab eine internationale Umfrage.

Wer den steigenden CO2-Ausstoss bekämpft, greift stets eine gewisse Form männlicher Identität an.

Natürlich gibt es Männer wie Al Gore, der schon 2006 einen Film über die Erderhitzung produzierte. Und es gibt Frauen wie Alice ­Weidel, die noch 2019 die «Sonnen­aktivität» als Grund für die Erwärmung angibt. Trotzdem: Eine Tendenz besteht.

Sie erklärt sich wohl aus einem Männerbild, das in der Industriegesellschaft vorherrschte. Dieses läuft quasi mit Erdöl – als männlich gilt unter anderem: starke Autos fahren, Geschwindigkeit lieben, um die Welt jetten, viel Fleisch essen. Der Männlichkeitsstatus wird so direkt mit CO2-Verbrauch verknüpft. Man benötigt zudem viel Selbstvertrauen, um eine grosse Mehrheit der Klimawissenschaftler des kollektiven Irrtums zu bezichtigen. Auch dieses schöpft sich aus einer klassisch männlichen Berufenheit.

Wer den steigenden CO2-Ausstoss bekämpft, greift folglich stets eine gewisse Form männlicher Identität an. Einige Männer fühlen sich dadurch in einem seelischen Intimbereich getroffen. Das offenbart sich an den heftigen Beschimpfungen, mit denen sie Greta Thunberg überziehen.

Gibt es etwas Männlicheres, als die Welt zu retten?

Das traditionelle männliche Selbstverständnis steht gleichzeitig an einer zweiten Front unter Beschuss. Junge Feministinnen schleifen gerade eine Reihe maskuliner Machtanmassungen. Manche Männer haben Mühe mit dem rasanten moralischen Verfall von Verhaltensweisen, die sie als selbstverständlich kennen gelernt haben. Das, was sie teilweise ausmacht, soll auf einmal doppelt toxisch sein – für die Mitmenschen und die Umwelt. Eine harte Diagnose. Als Ausweg deuten sie die Kritik am erderhitzenden Lebensstil als Finte einer feministischen Internationalen. Das erlaubt es ihnen, Gas zu geben wie bisher. Und sich dabei als Rebell zu fühlen gegen die politische Korrektheit.

Um solche Männer für den Kampf gegen die Klimakrise zu gewinnen, wird vor allem auf die Ersatzmethode gesetzt. Man entwickelt vegane Burger, die genauso bluten wie solche aus Tieren. Man baut Stromautos, die ebenso mächtig daherrollen wie Diesel-SUVs. Der Lebensstil geht weiter – einfach in Grün. Ob dieser Weg funktioniert, ist unklar.

Wirksamer wäre es wohl, CO2-arme Männerbilder stärker zu fördern. Zusätzlich könnte man die Anhänger klassischer Männlichkeit an die eigenen Grundsätze erinnern. Ist es nicht unmännlich, sich der Wirklichkeit zu verweigern? Und gibt es etwas Männlicheres, als die Welt zu retten?

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