Der grosse Spendenklamauk

Vor Weihnachten jagen sich die humanitären Happenings. Wer Geld gibt und hilft, tut es nicht zuletzt für sich.

Bundespräsidentin Leuthard startet die Aktion «Jeder Rappen zählt».

Bundespräsidentin Leuthard startet die Aktion «Jeder Rappen zählt».

(Bild: Keystone)

Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Die Schweizer sind wackere Spender vor dem Herrn, rund 1,5 Milliarden Franken geben sie jährlich her. In der Adventszeit kulminiert ihr Wille zum Guten; allerdings ist festzustellen, dass auch der humanitäre Klamauk auf Weihnachten hin zunimmt.

In den letzten Tagen jagten sich die Shows und Einlagen, dass einen schwindelte: Tennis-Federer spielt einen Fun-Match gegen Nadal, der Erlös geht an Federers Stiftung für Kinder in Afrika. Zubin Mehta dirigiert in der Zürcher Tonhalle zugunsten einer israelischen Musikschule. Das Hotel Park Hyatt Zürich lädt mit einem speziellen Weihnachtsbaum zum Spenden für die Kinder-Spitex. Und DRS 3 bearbeitete seine Hörer soeben eine ganze Woche von früh bis spät mit der Kampagne «Jeder Rappen zählt».

Hysterischer Konkurrenzkampf

Die unzähligen Aktionen zeigen den hysterischen Konkurrenzkampf der Hilfswerke; in der Vorweihnachtszeit macht manches von ihnen die Hälfte des Jahresumsatzes. Alles hängt vom Goodwill des Spenders ab. Dieser denkt wohl gar nicht sonderlich weit. «Jeder Rappen zählt» etwa sammelte für Kinder in Kriegs- und Krisengebieten. Aber kaum ein Zahler wird in einem halben Jahr nachforschen, wo und wie sein Beitrag eingesetzt wird. Psychologen reden vom «warm glow». Der Mensch spürt beim Spenden eine angenehme Wärme im Herzen; das Schauspiel seiner eigenen Tugend ist ihm purer Instantgenuss.

Und natürlich betreibt jeder, der mitmacht, Eigenpromotion. Das gilt für Politiker wie Bundesrätin Doris Leuthard oder Bundesrat Johann Schneider-Ammann, den man schon fast vergessen hat. Und es gilt für unsere Popstars: Es kam nun wirklich jeder, der knapp eine Gitarre bedienen kann, zu den Radiomoderatoren auf den Berner Bundesplatz. Viele Boulevardprominente à la Jan Bühlmann profitierten ebenfalls und konnten ihre bescheidene Berühmtheit erneuern.

Es ist urmenschlich und verbindet bekannt und unbekannt: Wer anderen hilft, will auch sich selber helfen.

Tages-Anzeiger

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