Das zweite Kind kommt!

Eine Freude für die Eltern, schwierig für das Erstgeborene: Ein kleines Geschwisterchen kann schnell zu Eifersucht führen. Wie Eltern damit umgehen können.

Gemeinsam Zeit zu verbringen, fördert die Bindung zwischen den Geschwistern: Zwei kleine Schwestern. Foto: Getty Images

Gemeinsam Zeit zu verbringen, fördert die Bindung zwischen den Geschwistern: Zwei kleine Schwestern. Foto: Getty Images

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Mama ist ein zweites Mal schwanger. Der kleine Jakob wird sein Zimmer demnächst mit einem Schwesterchen teilen müssen. Jakob findet das ungerecht: «Das ist mein Zimmer! Ich war doch zuerst da.» Bei der Ankunft eines Geschwisters gerät die Welt des Erstgeborenen ins Wanken. Es steht nicht mehr im Mittelpunkt der Eltern, muss häufig warten oder gar verzichten. In dieser Situation erlebt das ältere Kind auch negative Gefühle, insbesondere Eifersucht. Doch Eltern können ihm die Veränderungen erleichtern.

Am besten beginnen Mama und Papa damit bereits vor der Geburt des Geschwisterchens, indem sie das Erstgeborene möglichst umfassend auf die Ankunft des Babys vorbereiten. «Besuchen Sie Freunde mit Babys», rät Sonia Jaeger, Psychologin mit eigener Onlinepraxis. «So bekommt Ihr Kind eine Vorstellung davon, was ein Baby ist, was es kann und wie es sich verhält.» Gerade kleine Kinder können mit dem Begriff Baby noch nicht viel anfangen.

Auch das gemeinsame Betrachten von Fotos des Kindes, als es selbst noch ein Baby war, ist hilfreich. Ihm ein Foto zu zeigen, auf dem es noch ein Neugeborenes war, hilft ihm zu verstehen, dass das neue Geschwisterchen nicht von Anfang an mit ihm spielen kann. Das Erstgeborene wird dann die Vorgänge bei der Ankunft des Geschwisters eher auf sich selbst beziehen, sie besser einordnen und begreifen – denn es war ja selbst einmal so klein.

Ebenso wichtig sind offene Gespräche. Das Neugeborene wird am Anfang viel schlafen, aber auch viel Lärm machen. Es wird gerne nach allem greifen, ziehen, festhalten und auch mal kneifen – und Mama und Papa gehörig auf Trab halten. Wenn die Eltern dem Erstgeborenen davon erzählen, es darauf in Gesprächen vorbereiten, können sie der Eifersucht etwas vorbeugen. Und auch anderen unschönen Gefühlen wie der Wut, etwa wenn das Baby sein Geschwisterchen zwickt.

Eine Sache des Alters

Wie aufgeschlossen oder eifersüchtig ein Kind auf das Baby reagiert, hängt auch mit seinem Alter zusammen. Schulkinder haben bereits Spielkameraden und Interessen. Sie sind unabhängiger von ihren Eltern als Kleinkinder – und dadurch oft auch weniger eifersüchtig. Ausserdem können sie ihre Befürchtungen und Wünsche rund um die Ankunft des Babys besser ausdrücken.

«Manchmal können die Grösseren den Kleinen durchaus ernsthaft wehtun.»Pamela Walker, Psychologin

Bei Kleinkindern ist das Bedürfnis nach der unmittelbaren Zuwendung der Eltern hingegen noch gross. Auch können sie ihre Gefühle noch nicht so gut regulieren wie Schulkinder. «Dadurch sind generell heftigere emotionale Ausbrüche zu erwarten», sagt Pamela Walker, Psychologin am Zentrum für Entwicklungspsychologie in Zürich. Und hier ist Vorsicht geboten. In der ersten Zeit ist es besser, das Baby nicht mit dem Geschwister zusammen unbeaufsichtigt zu lassen. «Manchmal können die Grösseren den Kleinen durchaus ernsthaft wehtun», sagt die Psychologin. Solche Ausbrüche seien nicht ungewöhnlich und legten sich üblicherweise wieder.

Denn merkt das Erstgeborene, dass Eltern auf seine Bedürfnisse eingehen, kann es lernen, zu warten und dem Kleinen den Vortritt zu geben. «Sich selbst zu beschäftigen und sich so als gross und selbständig zu erleben, kann das Kind dann mit Stolz und Selbstvertrauen erfüllen», sagt Pamela Walker. Es ist nicht mehr so abhängig von der unmittelbaren Befriedigung seiner Bedürfnisse, was es ausgeglichener macht.

Rituale beibehalten

Ein Neugeborenes bringt zunächst viel Unruhe ins Familienleben. «Eltern sollten sich jedoch darum bemühen, die Routinen ihres älteren Kindes aufrechtzuerhalten, etwa das allabendliche Ritual», rät Sonia Jäger. So muss das ältere Geschwister nicht aufgrund des Babys auf seine Lieblingsmomente mit Mama und Papa verzichten.

Wichtig ist, dass die Eltern dem älteren Kind zeigen: Du bist ein Teil der Familie und hast deine ganz eigene Rolle, wie jeder von uns. Das gelingt, indem sie das Kind beispielsweise in die Pflege des Babys einbeziehen: Das Ältere darf beim Wickeln einen frischen Body aussuchen, die saubere Windel reichen, ein Lied singen oder den Puder halten.

«Ruhigere Situationen bergen die Möglichkeit, mit dem Älteren über seine Eifersucht zu sprechen.»

Gemeinsam Zeit zu verbringen, kann nicht nur Eifersuchtsgefühle mildern, sondern die Bindung der Geschwister fördern. Lacht das Kleine, wenn es sein grosses Geschwisterchen sieht? Eltern sollten das Kind darauf aufmerksam machen: «Schau, das Baby ist glücklich, dass du bei ihm bist! Es freut sich über dich.»

Eifersucht ist natürlich

Eltern können ihrem Nachwuchs das Gefühl der Eifersucht nicht ganz nehmen. «Aber sie können ihrem Kind helfen, das Gefühl erträglicher zu machen und positiv mit ihm umzugehen», sagt Pamela Walker. Ruhigere Situationen bergen die Möglichkeit, mit dem Älteren über seine Eifersucht zu sprechen. Manche Kinder werden sich gleich zu Anfang des Gesprächs öffnen. Andere brauchen Ermutigung, wieder andere drücken ihre Gefühle im Spiel aus. «Eltern sollten dann möglichst emotional zugewandt und aufmerksam sein», sagt Pamela Walker.

Die Eifersucht darf nicht tabu sein. Sie ist auch für Erwachsene ein unangenehmes Gefühl – und deshalb wollen sie es bei ihrem Nachwuchs nicht sehen. So kann es Eltern passieren, dass sie das Ältere für sein Verhalten harsch kritisieren. «Es wäre jedoch wünschenswert, die Eifersucht in diesem Fall zu akzeptieren und gemeinsam nach Lösungswegen für diese Herausforderung zu suchen», sagt Pamela Walker – und fügt hinzu: «Das kann Zeit brauchen, aber es lohnt sich.» Denn so lässt sich langfristig nicht nur eine gesunde Beziehung zwischen Geschwistern, sondern auch zwischen Eltern und ihren Kindern fördern.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 12.02.2018, 14:17 Uhr

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