Interview

«Am gefährlichsten war es in Rotterdam und in East London»

InterviewDer Fotograf Robert Knoth ging entlang der ehemaligen Seidenstrasse einem tödlichen Stoff nach: Heroin. Im Interview erklärt er, was er dabei gesehen und gelernt hat.

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Herr Knoth, knapp 20 Jahre arbeiteten Sie mit Antoinette de Jong am Bildband «Poppy – Trails of Afghan Heroin». Eine ziemlich lange Zeit für eine fotojournalistische Arbeit.
1993 waren wir beide zum ersten Mal für einen Monat in Afghanistan und kehrten in den folgenden Jahren immer wieder dorthin zurück. Antoinette lebte bis ca. 2010 jeweils fast die Hälfte des Jahres in der Region. In dieser Zeit produzierten wir viele Geschichten – vor allem auch für holländische Medien. Auf das Thema Heroin fokussierten wir uns etwa 2004 und die Idee für das Buch und die Ausstellung konkretisierte sich erst 2007.

Warum wollten Sie sich gerade mit diesem Thema so intensiv auseinandersetzen?
Ich bin in erster Linie an spannenden Geschichten und Bildern interessiert. Das war und ist meine Hauptmotivation. Als ich die riesigen Mohnfelder in Jalalabad zum ersten Mal sah, fand ich das unglaublich, Schlafmohn wird hier so offen angebaut wie in Holland Kartoffeln. Zudem faszinierte mich die gewaltige globale Wirkung, welche diese schöne Blume verursacht: Die Probleme der Mohnbauern, die politischen Verstrickungen, das Leiden der Konsumenten. Es geht um Geld, Macht, Krieg und Politik.

Afghanische Politiker sind selber dick drin im Heroingeschäft?
Wer in Afghanistan politisch Einfluss nehmen will, braucht Geld, und das verdient man am einfachsten mit Opium und Heroin. Nicht nur in Afghanistan, überall wo Heroin seine Spuren hinterlässt, sind ranghohe Regierungskreise involviert. Wenn ich in den Jahren etwas gelernt habe: Es gibt nur eine scheinbare Trennung von offizieller Welt und Unterwelt. Selbst Antonio Maria Costa, Chef des UNO-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, erklärte 2009, er habe klare Beweise, dass während der Finanzkrise 2008 für einige Banken das einzige liquide Kapital gewaschenes Drogengeld war.

Trotzdem wird fast überall auf der Welt von offizieller Seite der Krieg gegen Drogen propagiert und geführt?
Wer heute noch nicht erkennt, dass die repressive Drogenpolitik gescheitert ist, verschliesst die Augen. Aber es verdienen viel zu viele Menschen, darunter auch sehr einflussreiche und mächtige, Geld damit.

Alkohol und Drogen sind in Afghanistan streng verboten, trotzdem ist das Land führender Produzent von Opium, dem Grundstoff von Heroin. Wie gehen religiöse Mohnbauern mit dieser Doppelmoral um?
In den heiligen Schriften des Islam wird der Anbau von Mohn nicht explizit verboten, das scheint den meisten als Rechtfertigung zu genügen. Zudem kommt auch in den Produktionsländern die Moral meist erst nach dem Fressen.

Es gibt vermutlich einfachere Aufgaben als in islamischen Ländern Drogenproduzenten und in Albanien Lager von Zwischenhändlern zu fotografieren. Wie gewannen Sie deren Vertrauen?
In Afghanistan, Pakistan, Tadschikistan und im Iran haben wir immer mit Mittelsmännern gearbeitet. Die stellten die Kontakte her und garantierten auch eine gewisse Sicherheit. Wir verfügen über ein sehr gutes Netzwerk. Alleine hätte ich wohl niemanden vor die Linse gekriegt.

War das nie gefährlich?
Interessanterweise erlebten wir die brenzligsten und gefährlichsten Situationen in Rotterdam und in East London. In London laufen die Deals in von aggressiven Gangs kontrollierten Häuserblocks ab, und diese Jungs verstehen eher wenig Spass. Wir waren sehr schnell wieder weg.

Jahrelang haben Sie sich mit Heroin beschäftigt, haben Konsumenten und Produzenten kennengelernt. Konnten Sie der Versuchung widerstehen, selber zu erfahren, wie Heroin wirkt?
Ja, Heroin ist eine der wenigen Substanzen, die ich nie probiert habe. Vermutlich auch, weil ich aus nächster Nähe gesehen habe, wie viel Leid sie verursachen kann.

Neben Talent, Mut, Geduld und Verhandlungsgeschick braucht es auch das entsprechende Equipment, um solch eindrückliche Bilder schiessen zu können. Gewähren Sie uns einen Einblick?
Ich fotografiere immer noch analog, die Farben und Kontraste sind meiner Meinung nach besser. In entlegenen Gebieten mit schlechter Stromversorgung hat die analoge Fotografie zudem den entscheidenden Vorteil, dass man sich nicht vor leeren Akkus fürchten muss. Im Gepäck habe ich eine Rolleiflex, eine Mamiya 7 sowie eine Konica Hexar. Für Schwarzweissbilder bevorzuge ich den Tri-X, mein Lieblingsfarbfilm Agfa Optima wird leider nicht mehr produziert, nun verwende ich einen von Fuji. Für die Bildbearbeitung scanne ich die Vorlagen ein und bearbeite sie digital. So habe ich quasi das Beste von beiden Welten. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.08.2012, 13:45 Uhr

Berühmter Handelsweg

Die Seidenstrasse verbindet seit jeher Ostasien mit dem Westen und war einst ein berühmter Handelsweg, über den nicht nur Güter, sondern auch Religionen und Kulturen ausgetauscht wurden. Heute ist die Strasse über weite Strecken tot und wird als Drogenroute genutzt. Der holländische Fotograf Robert Knoth und die Journalistin Antoinette de Jong haben diesen sogenannte Poppy Trail über zwei Jahrzehnte dokumentiert. Sie zeigen Gesichter von Schmugglern, Gefangenen, Prostituierten, Grenzsoldaten und Polizisten und erklären, wie Kriege in Asien und Afrika mit dem Mohnanbau in Afghanistan verbunden sind.

«Alleine hätte ich wohl niemanden vor die Linse gekriegt.» Robert Knoth über sein Netzwerk. (Bild: PD)

«Poppy - Trails of Afghan Heroin» von Robert Knoth und Antoinette de Jong, Verlag Hantje Cantz, Englisch, 384 Seiten.

Opium und Heroin

Opium ist der durch Anritzen gewonnene getrocknete Milchsaft unreifer Samenkapseln des Schlafmohns. Im Verlauf des Trocknungsprozesses entsteht aus dem Milchsaft eine braune bis schwarze Masse, das Rohopium. Opium ist ein Rausch- und Betäubungsmittel, die wirksamen Hauptbestandteile sind die Alkaloide Morphin, Codein und Thebain.

Morphin ist eines der stärksten Schmerzmittel und wird in der Medizin eingesetzt. Das synthetische Diacetylmorphin, allgemein als Heroin bekannt, ist das am weitesten verbreitete illegale Morphin-Derivat. Mit afghanischem Heroin werden jährlich geschätzte 50 Milliarden Dollar verdient. Es wird von weltweit etwa 15 Millionen Menschen konsumiert.

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