Am Ende der Träume

Daniel Küblböcks Verschwinden wirft unbequeme Fragen zu den Langzeitfolgen von Castingshows auf.

Der Pöbel-Juror und sein Paradiesvogel: Dieter Bohlen mit Daniel Küblböck während der ersten DSDS-Staffel 2003. Foto: Daniel Biskup (Laif)

Der Pöbel-Juror und sein Paradiesvogel: Dieter Bohlen mit Daniel Küblböck während der ersten DSDS-Staffel 2003. Foto: Daniel Biskup (Laif)

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Ein «unheimlich lustiges Kerlchen» sei er gewesen. Aber auch «unheimlich traurig und unheimlich depressiv». Und wie schnell das hin und her gegangen sei mit ihm! So weit die Einschätzung von Dieter Bohlen zu Daniel Küblböck, einem ehemaligen Finalisten der Castingshow «Deutschland sucht den Superstar», kurz DSDS.

Bohlen war bereits 2002, als der damals 17-Jährige bei der allerersten DSDS-Show antrat, gefürchtet als Pöbel-Juror («Du kneifst die Augen zusammen wie ich beim Kacken»). Küblböck fiel als schräger Typ auf. Er sang falsch und quäkend, weinte, als eine Konkurrentin ausschied. Am Sonntag wurde bekannt, dass Küblböck bei Neufundland über die Reling eines Kreuzfahrtschiffs gestürzt ist. Vermutlich mit Absicht, wie Passagiere gesehen haben wollen. Inzwischen haben die Rettungskräfte die Suche aufgegeben. Daniel Küblböcks Familie hofft «auf ein Wunder».


Video: Küstenwache stellt Suche ein

Die wichtigsten Stationen im Leben des Reality-Stars Daniel Küblböck. Video: Wibbitz/Tamedia


Küblböcks Person und Bohlens Reaktion werfen ein Licht auf ein Thema, über das man wenig weiss: die möglichen psychischen Auswirkungen von Castingshows auf ihre Teilnehmer. Die Formate sind gerade bei jungen Zuschauern nach wie vor populär. DSDS ist in der 15. Staffel und mit fünf Millionen Zuschauer pro Sendung ein Flaggschiff der deutschen TV-Unterhaltung. Heidi Klums «Germany’s Next Topmodel» gibt es seit 13 Jahren, die aktuelle Staffel ist mit zwei Millionen Zuschauern pro Folge die erfolgreichste seit 2013.


Video: Bohlen entschuldigt sich für Pulli-Wahl

Nach dem Shitstorm für seinen «Be one with the ocean»-Pullover entschuldigt sich Dieter nun für die Wahl seines Hoodies. (Video: Instagram: dieterbohlen)


Heikle Instant-Öffentlichkeit

Während die Beliebtheit von Castingshows bei den Zuschauern vielfach ergründet wurde – Hauptmotive sind die Freude am Fremdschämen und Ablästern, aber auch die Erfolge und Misserfolge der Kandidaten –, ist die Teilnehmerperspektive unbekannt. Dass der erhoffte Karriereschub eine Illusion ist, darüber sind sich die meisten Teilnehmer im Klaren. Doch was macht die Erfahrung der Instant-Öffentlichkeit mit ihnen?

Karikatur vergrössern

Maya Götz vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen in München hat in einer Studie von 2014 ehemalige Castingshow-Kandidaten befragt. Resultat: 45 Prozent der befragten Kandidaten beschreiben die Teilnahme positiv. Knapp ein Drittel blickt mit gemischten Gefühlen auf die Teilnahme zurück, und für ein Fünftel ist sie negativ belegt. 60 Prozent der männlichen Teilnehmer beschreiben die Erfahrung als positiv, bei den Frauen sind es 30 Prozent.

Weil Castingshow nicht gleich Castingshow ist, hat Götz die verschiedenen Formate auf dem Markt untersucht. Die meisten negativen Erfahrungen fallen auf die Shows DSDS und «Popstars». Gemischt oder rein negativ beschreiben die Teilnehmer von «Das Supertalent» ihre Erlebnisse. Nur positiv äussern sich die Teilnehmer des Formats «Star Search». Unter jenen, die gute Erinnerungen an ihre Teilnahme haben, seien vor allem Leute, die von der Produktionsfirma eingeladen wurden, weil sie bereits im Musikbusiness tätig waren, so Götz im Gespräch.

Die Häme aus dem Umfeld
dauert jahrelang, da Videos im Netz abrufbar sind.

Auffällig ist, wie wenig Kritik ehemalige DSDS-Kandidaten am umstrittenen Format öffentlich äussern. Es scheint, als wolle sich niemand seine Chancen im Musikgeschäft verbauen. Auch die beiden Schweizer DSDS-Teilnehmer Luca Hänni und Jesse Ritch wollten auf Anfrage nicht über ihre Erfahrungen sprechen, die Schweizer DSDS-Siegerin Beatrice Egli war nicht erreichbar. Anders der Basler Baschi, dem es als einem der wenigen gelang, nach seiner «Musicstar»-Zeit eine langfristige Musikerkarriere aufzubauen. «Das Einzige, was wir unter Kontrolle hatten, waren die drei Minuten am Sonntagabend, als wir auf der Bühne standen», sagt er. Ansonsten sei man als Kandidat Fernsehen und Medien ausgeliefert.

«Die machen mit dir, was sie wollen.» Nur sehr geerdete Menschen würden dies schadlos überstehen. Es sei sein Glück gewesen, so Baschi, damals ein 17-jähriger KV-Lehrling, der zuvor erst im Schülerchor gesungen hatte, dass er «nur aus Jux» bei «Musicstar» mitgemacht habe und das Ganze nicht ernst genommen habe. Gleichzeitig weiss er: Ohne die Startrampe «Musicstar» hätte er es kaum zum Musiker gebracht. Schliesslich sei der Umgangston beim Schweizer Format «Musicstar» freundlicher gewesen; im Vergleich mit deutschen Formaten wie DSDS «war das ein Ponyhof».

DSDS-Finalistin Annemarie Eilfeld, 2009 als «sexy Zicke» inszeniert und von Dieter Bohlen als «Everybody’s Arschloch» bezeichnet, nahm an Götz' Studie teil: «Ich war 18 Jahre alt und kannte diese Art TV-Produktion nicht. Ich vertraute immer allen. Im Nachhinein war das naiv und hat mir und meiner Familie sehr viel Schmerz bereitet.» Eine andere DSDS-Kandidatin gab an: «Ich war damals erst 16 Jahre alt und konnte damit nicht umgehen, bekam später Depressionen und bekomme bis heute mein Leben nicht in den Griff.» Für Maya Götz typische Beispiele für die negativen Langzeitfolgen einer Castingshow. «Jeder Zuschauer hat eine Meinung von einem, weil Fernsehen ja scheinbar die Realität zeigt.» Tatsächlich aber geben die Teilnehmer – je nach Sendeformat – ihre Rechte weitgehend ab, haben keinen Einfluss auf das Drehbuch. Sie sind für die Produzenten menschliches Material.

«Freaks» leiden besonders

Laut Götz ist vor allem die Rückkehr ins normale soziale Umfeld problematisch, weil die Kandidaten mit dem Bild leben müssen, das von der Öffentlichkeit als echt und dokumentarisch eingeschätzt wurde. Besonders Kandidaten, die als «Freaks» inszeniert wurden, leiden darunter. Denn ihre TV-Persönlichkeit basierte darauf, wie falsch sie in ihrer Selbsteinschätzung lagen. Als Pardiesvögel durften sie für Unterhaltung sorgen – unheimlich lustige Kerlchen. Doch die Häme aus dem Umfeld dauert teilweise jahrelang, da die Videos im Netz abrufbar sind. Etwa in Videozusammenstellungen von ehemaligen Bewerbungen. Eine weitere DSDS-Kandidatin berichtet, wie jedes Mal «der ganze Scheiss wieder von vorne anfängt, dass man von jedem angesprochen wird».

Daniel Küblböcks Leben nach DSDS passt in die Kategorie «Freak mit Wiedereinstiegsschwierigkeiten». Auf der Suche nach Aufmerksamkeit tingelte der Bayer, der aus einer zerrütteten Familie kam, durch Casting- und Reality-TV-Formate. Er versuchte sich erfolglos im Filmgeschäft und behauptete, mit Investitionen in Ökostrom Millionen verdient zu haben. 2011 wurde er von der 70-jährigen Immobilienmillionärin Kerstin Elisabeth Kaiser adoptiert und nannte sich fortan Daniel Kaiser-Küblböck. Zuletzt besuchte er eine Schauspielschule. Sein Abschlussstück handelte von einer Frau, die ins Meer springt und ertrinkt. Auf dem Kreuzfahrtschiff trug Küblböck Frauenkleider und landete nach auffälligem Verhalten beim Schiffsarzt. Danach ging er über Bord.

Kein Castingshow-Verbot

Die Tragödie mit DSDS direkt in Verbindung zu bringen, wäre zu kurz gedacht. Castingshows und Reality-TV machen gesunde Menschen nicht zu kranken. Aber sie ziehen Letztere womöglich an und lassen sie alleine. Zwar will man psychisch labile Menschen auch bei einem knallharten Format wie DSDS nicht, dafür sorgt eine psychologische Beurteilung der Kandidaten. Doch die emotionale, psychische und körperliche Belastung ist enorm – viele Kandidaten seien sich dessen nicht bewusst, sagt Maya Götz. Anders als im Leistungs- und Wettkampfsport existiere hier ein rein kommerzieller Rahmen. Die Medienwissenschaftlerin will kein Castingshow-Verbot, schlägt aber eine psychologische Betreuung während und nach den Shows vor. Zudem könne der aggressive Inszenierungscharakter gewisser Formate abgeschwächt werden, zugunsten einer aufbauenden Haltung.

Es sind Vorschläge, die Sendungen wie «The Voice» oder «Die grössten Schweizer Talente» teilweise bereits umgesetzt haben. Ob DSDS nachzieht, darf bezweifelt werden. Dieter Bohlen trug bei seiner Videobotschaft zu Küblböck eine verspiegelte Sonnenbrille und ein Hoodie mit der Aufschrift «Be one with the ocean». Das sei aber «völlig falsch rübergekommen», entschuldigte er sich nach Protesten von Fans. «Daniel war echt ein Freund, den hab ich total lieb gehabt.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.09.2018, 09:13 Uhr

Was ist aus DSDS- und «Musicstar»-Kandidaten geworden?

Die Abräumer

Baschi (32)

Bild: Boris Macek

Was heute kaum noch einer weiss: Der Basler Popmusiker war einst «Musicstar»-Kandidat. In der allerersten Staffel belegte er übrigens gerade mal den sechsten Platz.

Alexander Klaws (35)

Bild: Morris Mac Matzen/Stage Entertainment

Ja, genau, der allererste DSDS-Sieger, der Traum aller Schwiegermütter. Inzwischen ist aus dem Langweiler einer der erfolgreichsten deutschen Musical­darsteller geworden.

Beatrice Egli (30)

Bild: Klaus-Dietmar Gabbert/Keystone

Nach wie vor gross im Business ist die DSDS-Gewinnerin von 2013. Ab Oktober geht die Schlagersängerin auf eine ausgedehnte Tournee durch die Schweiz, Deutschland und Österreich.


Die Dümpler

Luca Hänni (23)

Bild: Christoph Ammann

Der erste Schweizer, der DSDS gewann, fragt heute auf seiner Homepage: Wo soll ich 2019 vorbeikommen? Er spielt genauso gern in Mehrzweckhallen wie auf Dorffesten.

Daniel Kandlbauer (35)

Bild: Gaetan Bally/Keystone

Der zweitplatzierte «Musicstar»-Rocker von 2005 verdingt sich musikalisch nur noch im Berner Oberland (also dort, wo er wohnt). Sein Geld verdient er als Versicherungsagent.

Mark Medlock (40)

Bild: Sony BMG

Der DSDS-Gewinner von 2007 war Bohlens absoluter Liebling. Doch nach einem Senkrechtstart stürzte er ab, machte nur noch Schlagzeilen mit Drogen- und Gewaltdelikten.


Die Eintagsfliegen

Daniel Schuhmacher (31)

Bild: Getty Images

Doch, den gab es. Er gewann das DSDS-Finale 2009. Nach der ersten Single verabschiedete sich Dieter Bohlen allerdings von seinem Schützling – aus Zeitmangel.

Salome Clausen (32)

Bild: Gaetan Bally / Keystone

Die Walliser Coiffeuse gewann den «Musicstar» 2005. Was war schon wieder ihr Hit? Jedenfalls hat Salome Clausen seit zehn Jahren einen eigenen Coiffeursalon in Brig. Börni Höhn (32)

Bild: Gaetan Bally / Keystone

Die Mütze war ihr Markenzeichen bei «Musicstar» 2007. Und sonst? Börni nennt sich jetzt Vava Voom und hat Ende August eine Single veröffentlicht – haben Sie sie etwa verpasst? (lm)

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