Alt und abgegriffen oder günstig und edel

Brockenstuben liefern Geschichten. Wir erzählen von unseren mehr oder weniger ergiebigen Besuchen. Und eines ist klar: Manche Brockis sind auch selber Fundstücke. 21 davon sind in einem neuen Buch gesammelt.

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Gelungene Bildauswahl
Mit 15 Jahren wünschte ich mir einen Spiegel mit goldenem Rahmen. Meine Mutter – kreativ und pragmatisch wie sie ist – schlug vor, im Brocki ein Bild mit hübscher Einrahmung zu kaufen, das Bild entfernen und einen Spiegel hineinschustern zu lassen. Im Brocki entschied ich mich für einen filigran geschnitzten Rahmen. Das Bild darin zeigte einen leicht apathischen, von wolligen Lämmern belagerten Jesus, der mit treuherzigem Blick in den Nachthimmel blickte. An der Kasse brachen die Brocki-Verkäuferinnen, allesamt ältere Damen, in kollektiven Jubel aus ob der gelungenen Bildauswahl dieses Teenager-Mädchens. Meine Mutter nickte stolz und verklickerte mir hinter einem Regal diskret, dass die Tatsache, dass das Bild entsorgt würde, besser unter uns bleibe. Den Spiegel habe ich übrigens immer noch. (Andrea Knecht)


Ausrangierter Stofflöwe
Kurz vor Weihnachten sah ich einen süssen Stofflöwen im Brockenhaus. Er roch frisch nach Waschpulver. Bei den Neuankünften wartete der kleine Löwe gemeinsam mit ausrangierten Bären und Hasen und Enten. Es war ein trauriger Anblick. Ohne lange zu überlegen, kaufte ich ihn und schenkte ihn dem vierjährigen Sohn zu Weihnachten. Als er ihn auspackte, konnte er es kaum glauben. Ein «Löieli», das sofort einen Namen bekam: Louis. Und bald darauf auch eine Geschichte. Immer wieder wollte der Sohn hören, wie Louis zu ihm gekommen war. Und weil ich merkte, dass er auf eine grössere Geschichte wartete, begann ich sie auszuschmücken: wie der kleine Löwe alleine in Afrika war und sich freute, dass ein kleiner Junge in der Schweiz auf ihn wartete. Wie er in einem Container übers Meer gebracht wurde, gemeinsam mit anderen Stofftieren und natürlich Futter. Wie er dann vom Kondukteur in den Zug verladen wurde und auf einem Fensterplatz durch die Schweiz fuhr. Wie ich am Bahnsteig wartete und ihn dort abholte, damit er nicht länger alleine wäre. Wie ich ihn einpackte, aber natürlich Luftlöcher in die Verpackung stach, damit der Löwe atmen konnte. Und wie er nun immer bei uns bleiben will. Ohne Louis kann mein Sohn nicht schlafen. Und die Geschichte will er immer noch hören. (Marina Bolzli)


Lieblingsbücher wieder gefunden
Die Rückenschmerzen trieben mir Tränen in die Augen. Bandscheibenvorfall, Lendenwirbelsäule, sagte mein Arzt. Einen Monat schrieb er mich krank. «Viel liegen und laufen», hiess es. «Ja nicht sitzen oder stehen.» Einer der zunehmend öden Spaziergänge führte mich am Bärner Brocki vorbei. Vom tagelangen Netflix-Marathon fühlte ich mich geistig gelähmt, gestern hatte ich zum gefühlt zwanzigsten Mal die Serie «Friends» von vorne angefangen. Vielleicht wäre es gut, wieder mal zu lesen, dachte ich. Und siehe da: «The Hobbit»! «Pride and Prejudice»! «1984»! Überall Klassiker, die ich früher verschlungen hatte und mittlerweile nicht mehr wusste, wie sie endeten. Einzelne Szenen tauchten in mir auf – Winston, wie er Julia verrät, als ihm ein Käfig voller Ratten vors Gesicht geschnallt wird. Elizabeth, wie sie den ersten Heiratsantrag von Darcy wutentbrannt abschmettert. Beflügelt vom warmen Gefühl der Nostalgie kaufte ich drei Bücher. Erst als ich zu Hause auf dem Sofa lag und sie aufschlug, merkte ich, dass die frühere Besitzerin ihre Bücher angeschrieben hatte. In blauem Kugelschreiber auf Seite 1 stand da: «Jessica King». Ich hatte meine ausgemisteten Bücher selber wieder eingekauft. (Jessica King)


Was für ein Schnäppchen!
Zwischen Schlaghosen und Ledergilets entdeckte ich im Brocki einen ausgesprochen bequemen und schönen Jumpsuit. Er kostete 15 Franken – für Brocki-Verhältnisse eher höheres Preissegment. Ich gönnte mir den Einteiler trotzdem. Zu Hause googelte ich aus Neugier die Marke – und stellte fest, dass der Jumpsuit ursprünglich rund 250 Franken gekostet haben musste. (Andrea Knecht)


Nicht alles Gold, was glänzt
Während Brocki-Besitzer gelegentlich Ware unter ihrem Wert verkaufen, verlangen Antiquitätenhändlerinnen teilweise horrende Preise für ihre Schätze und schmücken sie mit erfundenen Geschichten aus. So erging es mir in einem kleinen Geschäft in Paris mit einem Spiegel in geschwungener Form – mit Gold umrahmt. Echtes Gold, meinte der Verkäufer. Ich war skeptisch. Doch sein Kollege erzählte detailreich über die Machart der Vergoldung. Ausserdem habe der Spiegel bereits adeligen Familien gehört. Ich kaufte ihnen zwar die Geschichte nicht ab, dafür aber den Spiegel. Später musste ich immer an diese Geschichte denken, wenn ich mich selbst betrachtete. Bis eine Freundin beim Zügeln auf ihn drauf sass – seither hat mein Spiegelbild ein gespaltenes Gesicht, ein mit Gold umrahmtes. (Sabine Gfeller)


Staubig, mottig, säuerlich
Vor einigen Jahren wohnte ich vorübergehend bei einem Freund. Weil sich dessen Wohnung gleich in der Nähe eines Brockis befand und mein Zimmer so leer war, entschied ich, mir einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen und einen ordentlichen Schreibtisch zu kaufen. Und ich wurde fündig. Wunderschön war er nicht. Aber aus Holz, schön gross und, wie sich herausstellte, auch ganz schön schwer und gar nicht so teuer.

Die lieben Brocki-Mitarbeiter halfen mir – arg seufzend –, das Monstrum vor den Block und dann in mein Zimmer im ersten Stock zu tragen. Ich staubte ihn ab und ging danach in die Stadt. Als ich später nach Hause kam, freute ich mich schon darauf, den ersten Abend denkend, schreibend, rauchend, richtig weltmännisch an dem Tisch zu verbringen. Als ich aber das Zimmer betrat, stieg mir dieser eigentümliche, strenge Geruch in die Nase: staubig, mottig, säuerlich! Als ich die Schubladen öffnete, wurde es noch schlimmer. Ich konnte riechen, was das alte Holz in all den Jahrzehnten so alles in sich aufgesogen hatte. Mich schauderte. Kein Reinigungsmittel konnte da Abhilfe schaffen.

Eine Woche später ging ich wieder über die Strasse und fragte die netten Brocki-Mitarbeiter, ob sie mir tragen helfen könnten. Ich hätte da einen alten Schreibtisch fürs Brocki. (Martin Burkhalter)


Elefant im Porzellanladen
Es war nicht so, dass ich grundsätzlich eine Abneigung gegen Brockenhäuser empfand. Die Sammlung von allerlei Hinterlassenschaftenaus dem ausrangierten Alltag hat was. Doch es war immer da, dieses mulmige Gefühl inmitten von Tassen, Tellern und tausendTeilen, in diesen Schluchten der quälenden Vielzahl. Und daraus wurde Hass. Als ich eines Tages nach dem mittäglichen Lauftraining mit umgehängter Sporttasche ins nahe Brocki ging, um eine gebrauchte Kaffeetasse fürs Büro zu kaufen, passierte es: Nachdem ich mir eine Tasse für 1 Franken geschnappt hatte, wollte ich zur Kasse, doch als ich mich umdrehte, stiess ich mit meiner Tasche ein halbes Teeset vom Gestell, zwei Tässchen zerbrachen. Eine ältere Angestellte eilte mit Schaufel und Besen herbei und meinte: Macht nichts, das passiert hier immer mal wieder.

Damit nicht genug. Nachdem sie sich erst ein paar Meter entfernt hatte, klirrte es schon wieder. Ein Glas. Wieder meine Sporttasche. Wieder kamen Besen und Schaufel und der mütterlich-mitleidige Blick der Verkäuferin zum Einsatz. Und ich, der schlechteste Kunde aller Zeiten, zahlte 1 Franken und kam nie wieder. (Michael Feller)

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