«Als Mutter machst du immer alles falsch»

Ellen und Bastien Girod sind Mitte dreissig, haben zwei kleine Kinder und ein Problem. Im Interview sprechen sie über den Versuch, Ideale in die Realität zu retten.

Alles eine Frage der Organisation: Nationalrat Bastien Girod und Bloggerin Ellen Girod haben zwei Töchter im Alter von 3 und 1. Foto: Fabienne Andreoli

Alles eine Frage der Organisation: Nationalrat Bastien Girod und Bloggerin Ellen Girod haben zwei Töchter im Alter von 3 und 1. Foto: Fabienne Andreoli

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Wie haben Sie sich Ihr Leben mit Kindern vorgestellt, als Sie noch keine Kinder hatten, Frau Girod?
Ellen Girod: Ich wollte immer kinderlos und unverheiratet bleiben.

Jetzt haben Sie einen Mann und zwei Töchter. Wann hat Ihre Vorstellung geändert?
Ellen Girod: In jenem Moment, als ich Bas kennen gelernt habe. Kitschig, ich weiss. So richtig über Kinder nachgedacht habe ich erst, ein halbes Jahr bevor ich schwanger wurde. Mir war immer klar, dass ich später weiterarbeiten wollte, am besten gleich viel wie mein Mann – 80/80. Ich las «Lean In» von Facebook-Chefin Sheryl Sandberg, wo sie schreibt, man solle sich dafür zuerst den richtigen Mann suchen. Und da hatte ich Glück. Als ich dann schwanger war, bereiteten wir alles dafür vor. Die Kita war organisiert, die Grossmütter standen in den Startlöchern. Es war alles bereit!

Und doch kam es anders.
Ellen Girod: Ja. Als ich meine Tochter zum ersten Mal in den Händen gehalten habe, war mir klar: Ich will sie nicht nach vier Monaten in die Krippe bringen. Es war ein Bauchentscheid. Wir gingen dann über die Bücher, ich kündigte meine Stelle, startete meinen Blog und ging mit der drei Wochen alten Tochter an die Uni. Ich wollte einen Weg finden, um bei meiner Tochter zu sein und trotzdem beruflich weiterzukommen.

Wie haben Sie sich Ihre Familie vorgestellt, bevor Sie Kinder hatten, Herr Girod?
Bastien Girod: Ich habe mir nie fixe Vorstellungen gemacht, alles auf mich zukommen lassen.

Das ist eine sehr männliche Antwort.
Bastien Girod: Was für mich immer klar war: Ich will meine Kinder nicht nur abends und am Wochenende sehen.

Was während der Sessionen schwierig sein dürfte.
Bastien Girod: Ja, Sessionen sind nicht sehr papa- oder mamafreundlich. Da war ich für einmal einig mit der SVP: Sie wollte den Freitag als Sessionstag abschaffen.
Ellen Girod: Flexibilität ist entscheidend. Ich arbeite von zu Hause aus, das hilft sehr. Und wir haben fixe Regeln. Wenn Bas an einem Samstag oder abends unter der Woche Termine hat, wird die Zeit mit den Kindern nachgeholt. Geht er am Samstag an die Delegiertenversammlung der Grünen, darf ich am Sonntag an meinem Blog arbeiten. Wir haben einen Google-Kalender, da lassen sich diese Blöcke einfach verschieben.

Das Idealbild vor der Familiengründung war 80/80, nun scheint Ihr Modell eher wieder klassisch. Sie sind beide Serienfans. Wäre das Modell der dänischen Premierministerin aus «Borgen» – fünf Jahre macht sie Karriere, fünf Jahre er – für Sie eine Option?
Bastien Girod: In der Serie funktioniert das Modell ja nur bedingt – die Familie zerbricht. Wichtig sind nicht Zahlen, 80/80 oder 100/0, wichtig ist, dass es für die Familie aufgeht und alle dabei glücklich sind – auch die Kinder.
Ellen Girod: Ich finde es schwierig, wenn immer nur weibliche CEO oder Spitzenpolitikerinnen mit ihrem Familienmodell exemplarisch gezeigt werden. Es gibt viele Durchschnittsmütter wie mich, die für ihre Familie aufkommen. Gleichzeitig macht es das schwierig, sich in der Leistungsgesellschaft als Hausfrau zu outen.
Bastien Girod: Es ist schon sehr typisch, dass man immer nur über die Frauen redet. Als Mann machst du Karriere. Super. Oder du kümmerst dich als Hausmann um die Kinder. Auch super.
Ellen Girod: Als Mutter machst du immer alles falsch. Als ich meine erste Tochter nach vier Monaten nicht in die Krippe brachte, da erntete ich einen kleineren Shitstorm in meinem Umfeld.

Was auch mit Ihrem städtischen Lebensumfeld zu tun hat, nicht?
Ellen Girod: Nein. Eine Freundin von mir hat ihr Kind nach eben vier Monaten betreuen lassen, ging voll arbeiten und war dann die Rabenmutter. Anstatt Mütter so unter Druck zu setzen, sollte man ­Eltern ermutigen, das Familienmodell zu wählen, das sie als lebenswert empfinden.

Was können Männer tun, um dem entgegenzuwirken?
Bastien Girod: Man muss sich von den Stereotypen befreien. Und darauf hinarbeiten, dass sich jeder sein Idealbild seiner Familie selber wählen kann. Diese Wahlfreiheit ist heute immer noch eingeschränkt.

«Heute sind wir glücklich, wenn wir eine Stunde ungestört Netflix schauen können»: Die Girods. Foto: Fabienne Andreoli

Selbst wenn der Vater einen Papatag einlegt – die meiste Arbeit bleibt trotzdem bei Ihnen hängen, Frau Girod?
Ellen Girod: Wir haben uns einigermassen gut organisiert. Der Tag ist ja auch nicht fertig, wenn Bastien um 17 oder 18 Uhr heimkommt.
Bastien Girod: Wenn wir Krach haben, dann schon in diesem Bereich. Wie wohl die meisten Paare. Doch wir haben hier einiges optimiert. Früher ging ich zwei Stunden ins Fitnessstudio. Heute habe ich eine App mit Übungen, die ich auf dem Balkon machen kann. Und in den Pausen räume ich dann die Küche und die Stube auf.
Ellen Girod: Das fand ich am Anfang schon eher speziell . . .
Bastien Girod: Aber jetzt bist du froh drum!

Wie kommt man als junges Paar mit jungen Kindern zur Ruhe?
Ellen Girod: Gar nicht.
Bastien Girod: Irgendwann schlafen sie ja.
Ellen Girod: Früher gingen wir ans Filmfestival in Locarno, ein Film, fein essen auf der Piazza Grande. Heute sind wir glücklich, wenn wir eine Stunde ungestört Netflix schauen können. Das ist ja auch romantisch. Die Kinder sind 3 und 1, und natürlich ist das anstrengend. Doch das geht vorüber.

Sie haben gesagt: Wenn ein Kind kommt, dann liegt der Fokus auf der Mutter. Tragen Sie dazu mit Ihrem Mamablog nicht auch bei?
Bastien Girod: Wieso denn? Wenn ich es machen würde, dann wäre es ein Papablog.
Ellen Girod: Es gibt immer noch die Idee der Rubrik «Papa Poule am Herd». Er ist derjenige, der mehr kocht bei uns. Aber das musste bisher aus Zeitgründen noch warten.

«Ich bin eine Gluggere, und ich bin das gerne. Man muss das Bild positiv besetzen.»Ellen Girod

Das müsste man also noch verhandeln.
Ellen Girod: Er hat auch schon einen Artikel auf meinem Blog geschrieben . . .
Bastien Girod: . . . der ist sogar in der NZZ erschienen.

Worum ging es?
Bastien Girod: Um Stereotypen in Kinderbüchern. Zum Beispiel im «Schellen-Ursli». Bei der Taufe der älteren Tochter hat der Pfarrer das kapitalistische Denken im «Schellen-Ursli» kritisiert. Der geht hoch auf die Alp, weil er eine zu kleine Glocke hat, und am Schluss hat er die grösste Glocke und ist der Siebensiech. Doch wer hat dann die kleinste Glocke? Aber jetzt schweife ich etwas ab, im Artikel kritisierte ich die Rollenverteilung zwischen Flurina und Ursli. Flurina pflegt das Birkhühnchen, und Ursli holt sich die grosse Glocke.

Apropos Stereotyp: Sie nennen Ihren Blog «Chez Mama Poule», Sie nennen sich eine Gluggere. Weshalb?
Ellen Girod: Der Name war damals eine Antwort auf mein Umfeld. Weil ich meine Stelle nach vier Monaten kündigte, hiess es: Du bist eine Gluggere. Und das habe ich als abwertend empfunden. Es brauchte Zeit, bis ich selbstbewusst sagen konnte: Doch, ich bin eine Gluggere, und ich bin das gerne. Ich finde, man darf dieses Bild durchaus auch positiv besetzen. Ich versuche, Frauen Mut zu machen, zu sagen, Muttersein ist etwas Schönes, es ist keine Falle, es ist nicht nur blöd, auch wenn es herausfordernd und schwierig ist. Eine berufstätige Mutter, die für ihre Kinder aufkommt, kann dabei genauso eine Gluggere sein. Zudem kann auch ein Vater eine Gluggere sein.

Wie äussert sich das?
Bastien Girod: Ich bin gerne mit den Kindern zusammen. Und wenn Ellen am Blog arbeitet, bin ich oft allein mit den beiden. Auch am Wochenende, und ich geniesse das. Mit unseren zwei Töchtern ist es auch ganz einfach, Papa Poule zu sein. Oft wollen sie, dass ich sie beide gleichzeitig trage. Dann laufe ich schon fast wie eine Gluggere herum. Ich sagte mal irgendwo, es sei entspannend mit den Kindern, das fandest du gar nicht lustig. Was ich meinte: Es ist ausgleichend, ich bin bei der Arbeit viel ausgeglichener. Eigentlich auch produktiver, wenn ich arbeite.
Ellen Girod: Er hat wirklich wahnsinnig viel gearbeitet, als wir uns kennen gelernt haben. In den Ferien hat er jeweils den Laptop aufgeklappt, und ich fragte mich, was das jetzt soll. Die Kinder haben ihm da gutgetan.

Öffentliches Stillen als emanzipatorischer Akt: Hippies 1969 in San Francisco. Foto: Getty

Was hat Sie am Begriff «entspannend» gestört?
Ellen Girod: Es tönte für mich so, als würde er an seinem Papitag auf dem Sofa ein Buch lesen und ein bisschen entspannen. Und mit Kindern zu sein, ist ja alles, aber nicht entspannend. Man ist am Abend fix und fertig.

Sie hatten Angst, er kümmere sich nicht richtig um sie?
Ellen Girod: Nein, aber er zeichnete ein Bild, als ob er nichts machen würde, und dann bliebe doch alles an mir hängen. Schön, Papitag, ein bisschen in den Zoo und damit hat es sich. Ich finde nicht, dass Kinder entspannend sind, das ist das falsche Wort, ausgleichend, das finde ich besser.

Wäre es eine Option, etwas weniger zu arbeiten, Herr Girod?
Bastien Girod: Noch weniger? (lacht) Im Moment nicht, nein, nicht unbedingt. Ich arbeite wahnsinnig gerne. Das brauche ich schon.

Was muss sich gesellschaftspolitisch ändern in den kommenden Jahren?
Ellen Girod: Ich habe neulich ein Zitat von Remo Largo gelesen, das ich sehr treffend finde: «Die Schweiz ist nicht kinderfreundlich.» Es müsste sich gesellschaftspolitisch einiges bewegen, dass es Freude macht, Kinder zu bekommen.

Was genau?
Ellen Girod: Die Probleme sollten auch aus der Sicht der Kinder diskutiert werden, nicht nur aus der Sicht der Wirtschaft, der arbeitenden Mütter und ­Väter. Konkret sind es zwei Dinge: Einerseits braucht es spannende Teilzeit­stellen für Frauen wie für Männer, nicht, dass man nur mit 120 Prozent beruflich durchstarten kann. Das andere ist eine Elternzeit, eine wirkliche Elternzeit und nicht einen oder ein paar Freitage nach der Geburt.
Bastien Girod: Es wird stets diskutiert, was kurzfristig besser für die Wirtschaft ist. Statt zu diskutieren, was das Beste ist für das Kind und damit für die Zukunft. In der politischen Diskussion ist das Wohl der Kinder erstaunlich wenig präsent. Das zeigt sich auch daran, dass die Schweiz zu den wenigen Ländern gehört, wo es erlaubt ist, die eigenen Kinder zu schlagen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Teil der Familie, den Sie selber in der Hand haben? Und wie zufrieden mit dem, wo Sie auf die bestehenden Strukturen angewiesen sind?
Bastien Girod: Zürich ist einer der glücklichsten Orte, wo man als junge Familie mit Kindern leben kann. Darum hat die rot-grüne Politik in Zürich derart Erfolg, weil sie eine hohe Lebensqualität für Familien geschaffen hat.
Ellen Girod: Ich würde sagen, es ist ein riesiges Privileg, wirklich das machen zu können, was ich machen will. Ich habe meine Berufung gefunden, der Blog ist meine Leidenschaft. Ich kann orts- und zeitunabhängig arbeiten und gleichzeitig mit meinen Kindern zusammen sein, muss mich nicht beim Chef entschuldigen, wenn sie mal krank sind. Ich bin sehr zufrieden.
Bastien Girod: Zu Beginn mussten wir unsere neue Rolle finden, neue Strukturen schaffen, die für uns stimmen. Jetzt hat sich das eingependelt, wir haben gerade wunderschöne Ferien in den Bergen verbracht . . .
Ellen Girod: . . . die ersten Ferien, in denen wir nicht gestritten haben. (lacht) Das war bei uns sonst in den Ferien immer so. Diese Erwartungen, dass man dann alles machen kann – und die Ernüchterung, dass man eigentlich kaum etwas für sich machen kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.08.2018, 20:17 Uhr

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Diese Zahlen werden vom Bundesamt für Statistik bestätigt – nur eine Minderheit der Väter mit jungen Kindern arbeitet Teilzeit. Der grüne Nationalrat Bastien Girod gehört dazu, er hat einen fixen Papatag pro Woche. Dennoch entspricht das Modell des Politikers nicht unbedingt den Vor­stellungen, die sich das Ehepaar Girod vor der Geburt der Töchter gemacht hatte. Ellen Girod, ehemalige Miss Zürich, freie Journalistin und Betreiberin des Blogs Chezmamapoule.ch, wollte eigentlich auch 80 Prozent arbeiten.

Es kam anders – und doch sind alle zufrieden. (los/bra)

Serie: Summer of Love

In der Serie Summer of Love reden wir mit Menschen über die Liebe und darüber, was sich seit 1968 verändert hat. Bisher erschienen: Tamynique (20. Juli), Ruth Wipfli und Franz Steinegger (24. Juli), Jeans for Jesus (30. Juli), Gabriella Baumann-von Arx und Frank Baumann (6. August)

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