Todesmahl Big Mac? Ach was!

Bestsellerautor Bas Kast hat eine Herzkrankheit mit gesunder Ernährung überwunden. Wirklich? Die Kardiologie sagt etwas anderes.

Ungesunde Ernährung ist nur einer von vielen Faktoren, der zu Herzproblemen führen kann. Foto: iStock

Ungesunde Ernährung ist nur einer von vielen Faktoren, der zu Herzproblemen führen kann. Foto: iStock

(Bild: Getty)

Philippe Zweifel@delabass

Nochmals Glück gehabt. Als Bas Kast auf einer Joggingrunde einen Herzinfarkt erlitt, entkam er nur knapp dem Tod. Danach stellte der Wissenschaftsjournalist seine Ernährung um und schrieb ein Buch: «Der Ernährungskompass. Das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung». Hunderttausende Exemplare hat er inzwischen verkauft und thront damit seit Monaten auf der «Spiegel»-Bestsellerliste.

Wer das Buch liest, erfährt nicht viel Neues: Gemüse, Früchte, Olivenöl, Vollkorn und Fisch seien gesund. Junkfood und Alkohol ungesund. Wieso ist das Buch trotzdem ein solcher Erfolg? Das dürfte auch mit Kasts Storytelling zusammenhängen. In jedem Interview und Gastbeitrag erwähnt er es prominent: Wie Burger und Schokolade beinahe sein Leben beendet hätten. Obwohl er viel Sport trieb und nicht übergewichtig war. «Für meine Herzprobleme lag keine andere Erklärung näher als eine seit Jahren unüberlegte Ernährung», schrieb er in einem Beitrag für die «Zeit». Durch das Studium der Ernährungsstudien und die Ernährungsumstellung seien die Herzprobleme verschwunden.

Wirklich? Der erste Punkt ist schnell widerlegt. Niemand kennt alle wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung, geschweige denn kann er sie alle auswerten. Laut Kasts Anhang waren es ein paar Hundert – das dürfte über den Daumen gepeilt weniger als 0,1 Prozent aller Ernährungsstudien ausmachen.

Menschen mit Risikoprofil

Doch der problematischere Punkt ist Kasts Erweckungserlebnis. Gemäss eigenen Angaben litt er an einer Angina Pectoris, einer Herzverengung, die durch verkalkte Arterien entsteht. Doch lässt sich eine solche mit der Umstellung der Ernährung wirklich in den Griff kriegen?

Der Ernährungswissenschaftler und Autor Uwe Knop («Iss was du willst») erkennt darin «die typische Masche aller Besser-Esser-Gurus»: «Ich war vorher ein Fast-Food-Junkie, dann ist mir YYY passiert – und seitdem esse ich XXX, und mir geht es blendend.» Es gebe keinen Beweis, dass der Verzicht auf Fast Food irgendeine Krankheit kuriere.

Doch solche Erlösungsgeschichten funktionieren, weil sie die Menschen erstens berühren, aber ihnen auch Angst einjagen: Droht auch mir beim nächsten Big Mac ein Herzinfarkt? Derweil wiegen sich Menschen mit Risikoprofil vielleicht in falscher Sicherheit: Ich esse keine Würste, nur Gemüse – mir kann nichts passieren.

Für Professor Frank Ruschitzka, Direktor der Klinik für Kardiologie am Zürcher Universitätsspital, steht fest, dass der Zusammenhang zwischen Ernährung und Herzkrankheiten viel komplexer ist, als in Ernährungsratgebern oftmals dargestellt wird. «Solche Aussagen sind plakativ, publikumswirksam, aber leider wenig zielführend», sagt der Kardiologe. Nicht das Fast Food allein sei ernährungstechnisch das Problem, sondern ein Mangel an ausgewogener Ernährung.

Kasts Buch mag einige gesunde Rezepte beinhalten – das gelegentliche Fast Food brauchen Sie aber nicht zu hinterfragen.

«Reisserische Diätschlagzeilen helfen uns nicht weiter. Eine ungesunde Ernährung ist nur ein Teil des Problems», so Ruschitzka: Herzkrankheiten seien weiterhin die häufigste Todesursache in der Schweiz, da sollte man Symptome nicht auf die leichte Schulter nehmen. Da den meisten tödlichen Herzkrankheiten eine Arterienverkalkung zugrunde liege, müsse man in erster Linie die wichtigsten Herz-Kreislauf-Risikofaktoren, das Rauchen, Diabetes, den hohen Blutdruck und das schädliche LDL-Cholesterin, unter Kontrolle haben. Diskussionen darüber, wie schädlich Cholesterin tatsächlich sei, bezeichnet er als Unsinn: «Das LDL-Cholesterin ist Gift.»

Bloss: Den Cholesterinspiegel kann man über die Ernährung nur wenig beeinflussen, denn ein hoher Cholesterinspiegel ist zu einem wesentlichen Teil angeboren. Eine ausreichende Cholesterinsenkung, wie sie vor allem bei Patienten mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko zwingend notwendig ist, lässt sich mit einer Diät allein nicht erreichen, in der Regel sind hierzu Medikamente notwendig. Eine erstmalige Bestimmung des Herz-Kreislauf-Risikos, inklusive des Cholesterins und des Blutdrucks, sollte in der Schweiz bei Männern ab 40 und bei Frauen ab 50 Jahren erfolgen.

Kurz, Bas Kasts Buch mag leckere und gesunde Rezepte beinhalten – das gelegentliche Fast Food brauchen die meisten Menschen aber nicht zu hinterfragen. Und wer Risiken oder Symptome einer Herzkrankheit aufweist, sollte sich sowieso besser an einen Arzt wenden.

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