Ich koche, also bin ich

Anders als Affen müssen wir Menschen nicht ständig kauen – weil wir Nahrung erhitzen. Wie die Kocherei unser Hirn vergrösserte.

Zu dumm zum Kochen: Ein Gorilla genehmigt sich eine Mahlzeit. Foto: Getty Images

Zu dumm zum Kochen: Ein Gorilla genehmigt sich eine Mahlzeit. Foto: Getty Images

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Heute halten wir uns nicht mit kleinen Fragen auf, zum Beispiel jener nach der richtigen Zubereitungsmethode von Spargel oder der perfekten Temperatur von Weisswein. Heute geht es in die Vollen, nämlich zur ziemlich grossen, ziemlich entscheidenden Frage, wann in der Geschichte der Evolution der Mensch zum Menschen wurde.

Wenn Sie jetzt fragen, ob ich vorhabe, auf Anthropologie umzusatteln: Nein, habe ich nicht. Aber ich bin fasziniert davon, wie entscheidend der Prozess, rohe Nahrungsmittel in gekochte Nahrungsmittel zu verwandeln, zu unserer Menschwerdung beigetragen, ja, sie grundlegend definiert hat.

Zum Beispiel unterscheidet sich der Mensch von grossen Menschenaffen nicht nur dadurch, dass er sich kleidet und mit seinen Kopfhörern die Etüden von Philip Glass hört, sondern auch dadurch, dass er wesentlich weniger Zeit darauf verwenden muss, Nahrungsmittel zu kauen. Grosse Affen, schreibt der FAZ-Herausgeber und Wissenschaftsautor Jürgen Kaube in seinem faszinierenden Buch «Die Anfänge von allem», sind «etwa die Hälfte des Tages mit Kauen beschäftigt. [Das] macht beim Menschen nur noch etwa fünf Prozent seiner Zeit aus, die überwiegend auf gemeinsames Essen verwendet werden.»

Die evolutionären Folgen des Kochens können klar zurückverfolgt werden.

Der Grund für diesen entscheidenden Unterschied ist die Kulturtechnik, rohe Nahrungsmittel unter der Verwendung von Hitze in Nahrung zu verwandeln: sie zu kochen. Während die Menschenaffen jede Wurzel, jede Nuss, jede Frucht eines Getreidehalms so lange kauen müssen, bis die Zähne einen verwertbaren Brei hergestellt haben, gelang es dem Menschen, diese Prozedur entscheidend abzukürzen und die Liste seiner Grundnahrungsmittel entscheidend zu erweitern.

Denn das Feuer, so Yuval Noah Harari in seiner «Kurzen Geschichte der Menschheit», «veränderte ... nicht nur die Chemie der Nahrungsmittel, sondern auch ihre Biologie. Die Hitze tötete Bakterien und Parasiten ab und machte traditionelle Leckerbissen wie Früchte, Nüsse, Insekten und Aas leichter kau- und verdaubar.» Das liegt der Beobachtung des schottischen Anwalts und Reiseschriftstellers James Boswell zugrunde, als er den Unterschied zwischen Mensch und Tier so definierte: «No beast is a cook.»

Die evolutionären Folgen des Kochens können klar zurückverfolgt werden. Die Zähne des Menschen wurden im selben Ausmass kleiner, wie sein Gehirn grösser und sein Darm kürzer wurden. Der Zusammenhang zwischen Gehirngrösse und Darmlänge besteht gemäss Harari darin, dass beide enorm viel Energie brauchen, mehr als der Körper bereitstellen kann. «Die Aufnahme höherer Fleischanteile in den Speiseplan versorgte den Menschen mit Brenn- und Aufbaustoffen für seine Intelligenz», schreibt Kaube, «mehr Intelligenz war aber auch vorausgesetzt, um an das entsprechende Fleisch zu kommen.»

Die Beherrschung des Feuers rührt an die Grundfesten unseres Menschseins.

Unumstritten dabei ist die Rolle des Feuers, das der Homo erectus, so Kaube, «womöglich schon eine Million Jahre vor uns» beherrschen konnte. Beweise dafür gibt es nicht. Die ältesten nachgewiesenen Feuerstellen in Europa legen nahe, dass sie von afrikanischen Einwanderern stammen, die vor 300'000 bis 400'000 Jahren nach Europa kamen.

Ob es bereits davor Öfen und Herde gab, ob klimatische Veränderungen den Menschen zum Kochen gezwungen haben, ob das Kochen die anatomischen Veränderungen des Homo erectus erklärt, ob das Fleischessen die Menschwerdung beförderte oder nicht – darüber sind sich die Forscher uneinig. «Anthropologen», so zitiert Kaube eine ironische Wissenschaftssottise, «sind sich selten einig, aber manche von ihnen würden dem wohl widersprechen.»

Die Beherrschung des Feuers rührt also an die Grundfesten unseres Menschseins. Die Kulturtechnik, mittels Feuer Wasser zu erhitzen und Lebensmittel darin zu kochen, ist ungleich jünger. Sie setzt die Produktion von Keramik voraus, die erst für das Holozän, das vor 12'000 Jahren begann, nachgewiesen ist.

Es gibt aber auch Funde von Erdöfen, in denen Schichten von Steinen dafür sorgten, dass die Nahrung nicht direkt der Hitze des Feuers ausgesetzt wurde, und eine Reihe von Indizien dafür, dass Nahrungsmittel auch ohne feuerfestes Geschirr erhitzt, aber weder gebraten noch geröstet wurden. Jürgen Kaube stellt daher die Frage, ob der Frühmensch «nicht nur ein grillendes und backendes (...), sondern auch ein siedendes Tier war».

(Das Magazin)

Erstellt: 15.05.2018, 15:20 Uhr

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