«Green Gourmet» – ein Bestseller der Küche

Das neue Kochbuch der Migros hat sich in Rekordtempo bereits 200'000-mal verkauft. Was sind die Gründe für diesen Erfolg?

Praktisch und unprätentiös: Spargelpfanne aus «Green Gourmet».

Praktisch und unprätentiös: Spargelpfanne aus «Green Gourmet».

(Bild: PD)

Die Migros hat ein Kochbuch herausgegeben, auf Deutsch, Französisch und Italienisch, in einer Auflage von insgesamt 300'000 Exemplaren. Es heisst «Green Gourmet» und es hat sich innert weniger Wochen mehr als 200'000-mal verkauft. Wie ist das möglich? Ein Schriftsteller schafft, wenn er auf einer Erfolgswelle reitet, in der Schweiz vielleicht eine Auflage von 20'000 Stück. Aber 200'000? Bei der Inflation von Kochbüchern aller Art und aller Welt, die Jahr für Jahr auf den Markt gebracht werden?

Preis, Inhalt, Titel

Drei mögliche Gründe fallen auf: Preis, Inhalt, Titel. Der Migros-Genossenschaftsbund zählt rund zwei Millionen Mitglieder. Wenn nur schon ein Zehntel davon das Kochbuch zum Aktionspreis von 9 Franken kauft, braucht man eigentlich nicht mehr weitere Ursachen für den Erfolg zu ergründen. Nichtgenossenschafter zahlen 29 Franken für das Buch. Ein Schnäppchen, schaut man sich den Inhalt des 240 Seiten schweren Werkes an.

Zum Inhalt: Die Migros tritt selten als Original auf, Inspiration ist nicht unbedingt eine ihrer auffallenden Eigenschaften. Aber als Interpretin von Vorhandenem, von Markenprodukten zum Beispiel, die sie in Inhalt und Form nachempfindet: Mivella statt Rivella, Zaun statt Café Hag, Eimalzin statt Ovomaltine (uovo heisst Ei und malto Malz). Die Kopien sind kaum besser, aber günstiger, und das sollen sie schliesslich sein. Diesen Eindruck erhält man auch beim Blättern in diesem Buch. Rasch stellt sich ein Gefühl von Déjà-vu ein: Die Rezepte sind nicht neu, aber gut ausgewählt, sie fallen weder auf noch ab, sie sind praktisch, einfach und einleuchtend, unprätentiös, appetitlich; die Umwelttipps munter präsentiert, zum Teil aber etwas überholt (inklusive WWF-Auftritt, der für ein bisschen Ökosegen im Buch sein Signet platzieren durfte). Es sind «normale» Gerichte, keine eklektischen Winkelzüge eines Autorenkochs, sinnvoll, modern aufbereitet, rezeptiert im kreativen Bereich zwischen Betty Bossi und «Tiptopf» von der Lehrmittelzentrale. Übersichtlich gestaltet, herausragend fotografiert – inspiriert wohl nicht zuletzt vom Stil der französischen Fotografin Marie-Pierre Morel, die jahrlang die Delicatessa-Hefte von Globus ins Bild gesetzt hat.

Gourmet zu sein, ist keine Sünde

Punkt drei, der Titel: «Green Gourmet», ein echter Geistesblitz – mit Titeln wie «So kocht man heute» oder ähnlichen Weisheiten könnte man kaum dieselbe Botschaft vermitteln. Die lautet: Wer an die Zukunft des Planeten glauben will, muss ein grünes Herz tragen, und weil die Zukunft englisch klingt, ist das Herz eben green. Bewusstsein allein strengt an, Lebensfreude darf nicht verdorren wie die ausgelaugte Natur. Gourmet zu sein ist keine Sünde, im Gegenteil, das französische Wort drückt sinnlich Souveränität und stilvolle Tradition aus. Und als Schmankerl leuchtet kraftvoll das orange M aus dem Wort.

Tages-Anzeiger

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