Frau Doktor kocht am besten

Porträt

Marcella Hazan, die weltberühmte Kochbuchautorin, ist tot. Ihre Tomatensauce und ihre Zitronenhähnchen bereichern auch bei uns viele Haushalte.

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Simone Meier

Noch am Samstag – so wusste die «New York Times» in den frühen Morgenstunden vom Montag – hat sie für sich und ihren Mann Victor Trofie mit Basilikumpesto gekocht, und natürlich hatte sie das Basilikum selbst gezüchtet, in ihrem Garten in Longboat Key, Florida. Am Sonntag starb Marcella Hazan mit 89 Jahren an Kreislaufbeschwerden. Amerika hat seine liebste Kochbuchautorin verloren, und mit Amerika auch so mancher europäische Haushalt.

Da ist Marcella Hazans Zitronenhähnchen! Und ihre wunderbar feine Bolognese, in der sich neben Fleisch auch überraschend viel Gemüse findet. Und erst ihre Tomatensauce! Also die einfachste, schmackhafteste, sämigste Tomatensauce der Welt, ganz schlicht aus Tomaten, Butter, Salz und einer Zwiebel. Sie machte als Erste Balsamico bekannt. Und sie überlieferte die fast verschwundene, wunderbare «Granita di caffè con panna», also den gefrorenen, zerstampften Kaffee mit Rahm. Sie war – neben Sophia Loren – die wichtigste Botschafterin italienischer Kultur in den letzten sechzig Jahren.

Lieber lebendige Hühner

Als die promovierte Biologin 1955 mit 31 Jahren frisch verheiratet nach New York kam, hatte sie noch nie gekocht. Aber ihr Mann, ein italienischstämmiger, in New York aufgewachsener sephardischer Jude, wollte gut essen. Und Marcella Hazan machte sich auf, eine anständige Köchin zu werden. Doch zuerst war sie schockiert über das, was die Amerikaner für italienische Küche hielten, nämlich Spaghetti mit angereichertem Ketchup, in Stroh gepackte Chianti-Flaschen und viel, viel Knoblauch. Sie hatte auch kein Verständnis für alles, auf das die Amerikaner in ihren praktischen Nachkriegsjahren besonders stolz waren: Dosenfutter! Fertiggerichte! Am schlimmsten traf sie jedoch die grundsätzliche Qualität der Produkte. «Ich habe in Italien noch nie einen Supermarkt gesehen», sagte sie 2010 in einem Interview, «die Hühner kamen vom Bauern und waren lebendig. Und im Supermarkt waren sie sehr tot. Sie waren eingepackt. Wie in einem Sarg. Nichts war natürlich.»

Über China nach Italien

Sie war allerdings fasziniert von der chinesischen Küche und besuchte Kochkurse und stellte sich so geschickt an, dass sie von ihren Klassenkameraden gebeten wurde, selbst zu unterrichten. 1970 wurde sie vom Food-Redaktor der «New York Times» entdeckt, «seither musste ich mir keine Gedanken mehr darüber machen, wie ich mich beschäftigen soll», schrieb sie 2008 in ihren Memoiren «Amarcord: Marcella Remembers».

1973 erschien «The Classic Italian Cookbook», insgesamt sechs hat sie hinterlassen, alle schrieb sie auf Italienisch, und ihr Mann übersetzte. Die beiden waren bis zuletzt ein derart kochmissionarisch besessenes Paar wie Julia Child und ihr Mann, und genau so, wie Julia Child Amerika mit der französischen Küche vertraut machte, importierte Marcella Hazan die italienische. Neben Victor, der sich als Weinkenner einen Namen gemacht hat, hinterlässt sie ihren Sohn Giuliano und dessen Frau. Die beiden leben in der Nähe von Verona und betreiben in einem alten Kloster eine Kochschule. Ganz im Sinne der Mamma.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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