Fasten macht frei, aber auch schlank?

Genug geschlemmt und getrunken: Der Verzicht auf Fleisch und Süsses gehört seit je zum Frühling. Der gesundheitliche Nutzen der Enthaltsamkeit ist wissenschaftlich bewiesen, ihr Effekt gegen Übergewicht jedoch umstritten.

Welche Leichtigkeit! Wer richtig fastet, lernt meist ein neues, positives Lebensgefühl kennen.

Welche Leichtigkeit! Wer richtig fastet, lernt meist ein neues, positives Lebensgefühl kennen. Bild: Fotolia

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Entschlacken, entgiften, entsäuern, reinigen: Fasten sei Frühjahresputz für den Körper, heisst es in unzähligen Ratgebern. Alles Quatsch!, sagt die seriöse Wissenschaft: Im menschlichen Organismus fallen keine Schlacken an, Darm und Blutgefässe sind keine Ofenrohre oder Abflussleitungen, die gesäubert werden müssen, und der Körper benötigt keinen Ölwechsel wie ein Auto. Dennoch kann Fasten heilsam sein, räumen auch Wissenschaftler ein, vor allem, wenn es unter ärztlicher Aufsicht geschieht.

Die Ursprünge des Fastens gehen auf religiöse Rituale zurück. Moses ging vierzig Tage auf den Sinai, bevor er die Gesetzestafel von Gott bekam. Mohammed zog sich auf den Berg Hira zurück und fastete ebenfalls vierzig Tage, bis ihm der Koran offenbart wurde. Und Jesus fastete vierzig Tage lang in der Wüste, um sich auf seine Mission vorzubereiten.

Aber schon Hippokrates (460–370 vor Chr.) setzte das Fasten als medizinische Therapie ein: «Wenn die Krankheit auf ihrer Höhe ist, dann muss die knappste Nahrungszufuhr erfolgen», empfahl der Vater der wissenschaftlichen Medizin.

Trinken ist erlaubt

Man sieht: Die Enthaltsamkeit beim Essen ist keine moderne ­Erfindung. Allerdings bediente sich die alte Medizin des klassischen Naturheilverfahrens, ohne genau zu wissen, was das Fasten im Organismus bewirkt. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Fastentherapie durch Vertreter der Lebensreformbewegung neu belebt. Als am häufigsten angebotene Methoden haben sich vor allem das Heilfasten nach Dr. Otto Buchinger und die Therapie nach Dr. F. X. Mayr durchgesetzt.

Ein Meilenstein in der Renaissance des klassischen Naturheilverfahrens war die Aufnahme des Fastens in die ärztliche Zusatzausbildung Naturheilverfahren im Jahr 1975. Heute bieten in den deutschsprachigen Ländern viele Kliniken Fastentherapien an. Nach Schätzungen der Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung führen allein in Deutschland jährlich rund 10 000 Patienten eine Heilfastenkur durch.

Fasten bedeutet einen Verzicht auf feste Nahrung und Genussmittel für einen begrenzten Zeitraum, verbunden mit reichlich Flüssigkeitszufuhr, regelmässiger Darmentleerung und ausreichender Bewegung. Unterschieden wird präventives Fasten für Gesunde mit einer Dauer von fünf bis zehn Fastentagen vom stationären Heilfasten zur Behandlung von Menschen mit klar definierten Krankheitsbildern. Die Durchführung der letzteren Form kann nur von entsprechend ausgebildeten Ärzten verantwortet werden.

Lange Zeit galt eine Nulldiät, bei der nur Tee und Wasser erlaubt sind, als der Königsweg des Fastens. Mittlerweile haben sich aber verschiedene modifizierte Fastenkonzepte etabliert, die sich in der Höhe der Energieaufnahme, der Auswahl der Lebensmittel und Getränke sowie der Begleittherapie unterscheiden. Die meistverbreiteten Formen sind:

kohlenhydratmodifiziertes Fasten wie Buchinger-Fasten, Saftfasten, Suppenfasten und Schroth-Kur;

proteinmodifiziertes Fasten wie Molke-Trinkkur und Formulad-Diäten.

Positive Effekte belegt

Dem therapeutischen Fasten werden bei einer Reihe von Beschwerden nützliche Effekte ­zugeschrieben. Wissenschaftlich am besten belegt sind seine Wirkungen auf den Stoffwechsel und bei entzündlichen Erkrankungen. So ist ein bis zu einundzwanzig Tage andauerndes Heilfasten bei rheumatischen Erkrankungen, chronischem Schmerzsyndrom, Bluthochdruck und beim metabolischen Syndrom wirksam. Bei der Behandlung der rheumatoiden Arthritis zeigte eine Metaanalyse von 31 Studien nachhaltige positive Effekte des Fastens für Patienten – besonders, wenn sie anschliessend auch noch ihre Ernährung auf vegetarische Kost umstellten.

Weniger essen, länger leben

Weitere Untersuchungen weisen auf die lebensverlängernde Wirkung des Fastens hin. So verlängerte sich die Lebensdauer von verschiedenen Tierarten um bis zu 40 Prozent, wenn sie ihre Kalorienaufnahme um ein Fünftel reduzierten. Altersbedingte Erkrankungen wie Diabetes, Krebs sowie Herz- und Hirnerkrankungen nahmen um 40 bis 50 Prozent ab.

Für die vorerst aktuellste, diesen Januar publizierte Studie liessen Mediziner der Universität Boston eine Gruppe ihrer Versuchstiere fasten, während die Laborratten der Kontrollgruppe weiter so viel fressen durften, wie sie wollten. Die anschliessende Untersuchung der Tiere ergab deutliche positive Veränderungen in den Insulin produzierenden Zellen der fastenden Tiere: Durch das eingeschränkte Nahrungsangebot würden Signale freigesetzt, die vor der Entstehung von Diabetes schützen können, so die Wissenschaftler.

Hellt die Stimmung auf

Ähnlich wirksam ist offenbar das intermittierende Fasten, bei dem Fast- und Esstage wechseln («Alternate Day Fasting»). Experimente von Biologen der Universität Graz haben gezeigt, dass Mäuse, denen 30 Prozent weniger Nahrung verabreicht wurde, rund ein Drittel länger lebten als ihre Artgenossen, die unbeschränkt fressen konnten.

Exemplarisch darstellen lässt sich die Wirkung des therapeutischen Fastens am Beispiel der rheumatoiden Arthritis. Die Esspause führt auch zu einem Pausieren des darmassoziierten Immunsystems. Die Zufuhr von ­immunaktivierenden und entzündungsfördernden Nahrungsbestandteilen wie Allergenen oder Arachidonsäure wird verringert. Typisch für das Fasten ist der Anstieg des Blutspiegels an entzündungshemmendem Cortisol, während sich diverse Entzündungsfaktoren reduzieren.

Die nachweislich höhere Verfügbarkeit des Botenstoffes Serotonin mit erhöhtem Endorphin- und Endocannabinoid-Spiegel hebt die Stimmung des Fastenden und setzt seine Schmerzwahrnehmung herab.

Nicht ratsam zum Abnehmen

Umstritten ist die Wirkung des Fastens aber ausgerechnet dort, wo sich die meisten Patienten eine Lösung ihres dicken Problems erhoffen: beim Abnehmen. So befürchten die Experten der Deutschen Adipositas-Gesellschaft durch strenges Fasten Einbussen an Muskelmasse und damit verbunden ein Absinken des Kaloriengrundumsatzes. Die Gesellschaft lehnt deshalb bei Adipositas das Fasten ab, zumal es bei Wiederaufnahme der gewohnten Kost zum gefürchteten Jo-Jo-Effekt komme.

Zu beachten sind auch die möglichen Nebenwirkungen des therapeutischen Fastens. Die Stoffwechselvorgänge werden so radikal umgestellt, dass eine ärztliche Überwachung unerlässlich ist. Als Gegenanzeigen für das Fasten gelten etwa mit Kräfteverfall einhergehende Grunderkrankungen, Mangelsituationen nach Operationen, Kortison- oder Chemotherapien.

Andrea Ciro Chiappa, der Leiter der Deutschen Fastenakademie in Schifferstadt, äussert sich dennoch optimistisch: Forschungsergebnisse würden dem the­rapeutischen Fasten derzeit ­starken Aufwind geben. Die integrierte Versorgung durch Fastenärzte sowie Ernährungs­beratungskräfte versetze den Patienten in die Lage, Verantwortung für sich selbst und seine Erkrankung zu übernehmen. «Das verbessert entscheidend den Verlauf und die Prognose seiner Erkrankung», ist Andrea Ciro Chiappa überzeugt.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 02.02.2016, 13:10 Uhr

Die andere Meinung

Mehr Risiken als Chancen: Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) empfiehlt das Fasten aus gesundheitlichen Gründen nicht. Gemäss Schulmedizin sei eine Entschlackung des Körpers unnötig, denn der Organismus reinige sich selbst, erklärt SGE-Ernährungsberaterin Sabine Oberrauch. Für Menschen, die abnehmen wollten, sei Fasten sogar kontraproduktiv. «Der Verzicht auf feste Nahrung stresst den Körper und steigert durch den Jo-Jo-Effekt das Gewicht langfristig, statt es zu reduzieren.»
Wer zur spirituellen Erfahrung oder als Auszeit vom Alltag fasten wolle, solle dies nur mit fachkundiger Begleitung tun, rät die Expertin.sae

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