«Die Geografie des Weines verändert sich»

Der weltberühmte Weinkenner und Buchautor Hugh Johnson über Klimawandel, Naturweine und seine liebste Traubensorte aus der Schweiz.

Von Queen Elizabeth II für sein Werk geehrt: Der renommierte britische Weinautor Hugh Johnson. <nobr>Foto: Laif</nobr>

Von Queen Elizabeth II für sein Werk geehrt: Der renommierte britische Weinautor Hugh Johnson. Foto: Laif

Hugh Johnson ist der Weinpapst schlechthin. Keiner hat so viele Weinbücher verfasst und verkauft wie er, darunter etwa den Besteller «Der Kleine Johnson» oder «Der Weinatlas», der gerade in der achten, neu überarbeiteten Version erschienen ist. Der britische Autor feierte dieses Jahr seinen 80. Geburtstag und ist nach wie vor ein globaler Botschafter des edlen Rebsaftes. Ein Besuch in London.

Wo steht die Weinwelt heute?
Sie ist so fit wie nie zuvor. Ich weiss nicht, ob sie genügend Geld verdient, aber die Standards waren noch nie so hoch. Und zwar punkto Technologie, Hygiene, Ausbildung der Winzer, punkto Wettbewerbsgeist, der manchmal an den von Sportlern erinnert, und Marketing. Das betrifft auch schon junge Weinaspiranten, die neu dazustossen. Ihr Wissen ist auf einem unglaublich hohen Niveau.

Heisst das, dass es heute sehr viele gute Wein gibt?
Ja, wobei natürlich immer die Gefahr der Uniformität besteht. Wenn ein Winzer den Wein für den Markt vinifiziert und ihn nicht als Resultat seiner persönlichen Überzeugung belässt, kann es sein, dass Regionalität und Einzigartigkeit dabei verloren gehen. Das Interessante am Wein ist ja, dass es eines der wenigen Produkte ist, das die Handschrift des Produzenten trägt und seinen Charakter beinhaltet. Leider beeinflussen heute die Richtlinien und Vorstellungen bestimmter mächtiger Verkaufskanäle 95 Prozent des Weingeschäfts – aber zum Glück findet man immer noch Ausnahmen. Eine andere beunruhigende Entwicklung ist die, dass etwas Limitiertes fast blindlings als etwas Qualitatives angesehen wird.

Wie meinen Sie das?
Man spricht nicht mehr über den Wein selber, sondern nur noch darüber, dass er limitiert erhältlich ist oder dass man ihn fast nicht finden kann. Dass hebt ihn für bestimmte Weinsammler automatisch auf eine höhere Stufe. Das hat natürlich einen Einfluss auf den Verkaufspreis, der künstlich nach oben schnellt.

Ihr erster Artikel erschien 1960 in der «Vogue» – wie war die Weinwelt damals?
Ganz einfach: Sie war eher klein und konzentrierte sich auf wenige klassische Weinbauregionen. Die Basisweine waren schrecklich und kaum geniessbar – man nannte sie auch «Vins ordinaires» – natürlich kosteten sie auch kaum etwas, aber gut waren sie nicht. Bordeaux, Burgund und die Champagne waren zentral. Italienischer Wein existierte bei uns nicht, und Spanien war für uns Sherry. Interessanterweise waren die Rieslinge von der Mosel absolut in. Ging man zu einem wichtigen Nachtessen, wurde meist ein deutscher Riesling serviert. Damals war Weingenuss auch noch stark klassenabhängig – eine britische Spezialität. Die Arbeiterklasse trank kaum Wein. Das hat sich glücklicherweise verändert. Heute trinken 75 Prozent der Engländer Wein.

Was hat seither die Weinwelt verändert?
Eine der wichtigsten Entwicklungen war die Akzeptanz der Weine der Neuen Welt, also aus Kalifornien, Südamerika oder Australien. Sie haben geschmacklich neue Dimensionen offengelegt, aber auch dafür gesorgt, dass man plötzlich begann, über Traubensorten und nicht nur über Herkunft zu sprechen. Denn auf dem Etikett der klassischen europäischen Weine steht der geografische Name und kaum die Traubensorte.

Die Herkunft war also früher wichtiger als die Traubensorte?
Ja. Doch das hat sich inzwischen komplett verändert. 1959 war der eigentliche Wendepunkt, denn damals kündigte die «New York Times» auf der Titelseite an, dass das Jahr ein super Bordeaux-Jahrgang sei, dass sie aber Mühe hätten herauszufinden, welche Traubensorten im Wein verarbeitet wurden. Unvorstellbar heute! Eine weitere wichtige Entwicklung war die globale Bewegung. Man begann, mehr umherzureisen und Weine von überallher zu entdecken. Und dann natürlich die digitale Vernetztheit, die das Wissen aus aller Welt zugänglich machte.

«Mein Standard-Wein ist Chablis. Kein spezieller, aber ein guter.»

Gibt es einen bestimmten Wein, der Sie bei Ihrer Berufswahl beeinflusst hat?
Die roten Burgunder waren sicher mit Schuld, aber es war vor allem auch Neugierde, die mich nie mehr verlassen hat. Zudem habe ich schnell erkannt, dass guter Wein von intelligenten und interessanten Personen in wunderschöner Umgebung kreiert wird, wo man meistens auch noch gut isst. Das motiviert mich auch heute noch. Ich hatte natürlich auch das Glück, dass es damals noch gar keine einfache Weinliteratur gab und man alles kreieren konnte. Eigentlich unglaublich, wenn ich denke, dass der «Kleine Johnson» eben in der 43. Auflage erschienen ist.

Welche Weine trinken Sie heute am liebsten?
Mein Standard-Wein ist Chablis. Nicht ein spezieller, aber ein guter. Inzwischen ist es auch weisser Bordeaux. Und zum Aperitif geniesse ich gern einen Riesling von der Mosel oder einen Manzanilla. Der Wein zu Krustentieren ist Muscadet, Rully oder Verdicchio, und zum Lamm öffne ich einen Fronsac oder Castillon, zum Beef Chianti oder Cairanne. Für den Nachmittag kann ich Port und natürlich Tokaji empfehlen.

Besitzen Sie ein eigenes Weingut?
Ja. Zusammen mit ein paar Partnern haben wir die Royal Tokaji Company gegründet. Wir unterstützen die lokalen Produzenten bei der Produktion dieses fantastischen Süssweins. Von einem der Rebberge gehört mir auch persönlich ein Stück. Kein anderer Süsswein hat derart viel Finesse, Grösse, Eleganz und so wenig Alkohol wie der Tokaji.

Ihre Frau Judy begleitet Sie immer auf Ihren Reisen. Trinken Sie dieselben Weine?
Absolut. Wir lieben beide Champagner und neuerdings auch Schaumweine aus England – sie sind vorzüglich. Da wir vermehrt Fisch essen, werden entsprechend mehr Weissweine entkorkt.

Sie haben ja nicht nur Bücher über Wein publiziert, sondern auch über Bäume.
Ich liebe die Natur und bin sehr neugierig zu sehen, wie etwas wächst. Beide Themen benötigen viel Geduld und Zeitgefühl, denn sie entwickeln sich nur ganz langsam. Auch muss man Visionär sein und auf Jahre vorausdenken können. Nichts passiert schnell. Ich liebe es, Bäume zu pflanzen, und habe in meinen Leben schon Tausende gepflanzt. Sie lassen die Landschaft faszinierend aussehen und sind ein wichtiger Bestandteil dieser Welt.

«Einem jungen Winzer würde ich raten: Lasse dich von Moden nicht beeinflussen.»

Apropos Pflanzen – was halten Sie von Naturweinen?
Es ist ein Trend, der nicht wirklich definiert werden kann. Es sind heute vor allem junge Weingeniesser, die darauf schwören. Ich finde es wichtig, dass man ihnen das Gefühl lässt, etwas verändern und die Welt wiedererfinden zu können.

Welchen Einfluss hat der Klimawandel in der Weinproduktion?
Einen sehr grossen. Wer jetzt nicht voraussieht, wird langfristig ein Problem haben. In der neusten Ausgabe des «Weinatlas» ist dies ein zentrales Thema. Im besten Fall sind die Weine besser geworden, da die Trauben besser reifen können, bei anderen muss ein Umdenken stattfinden, was etwa die Traubensorte betrifft, die Lage oder die Kultivierung der Pflanze. Die Geografie des Weins verändert sich. Es stehen uns drastische Veränderungen bevor. Ein global wichtiges Weingut, das das sehr ernst nimmt, ist Miguel Torres.

Was würden Sie einem jungen Weinproduzenten heute raten?
Generell würde ich sagen: Lasse dich nicht von Moden beeinflussen, höre auf deinen eigenen Instinkt und kreiere den bestmöglichen Wein in deinem Sinn.

Was ist für Sie ein qualitativ hochstehender Wein?
Einer der stimuliert, der Lust auf ein zweites Glas macht, Frische in sich hat und im Grunde genommen auch von seiner Herkunft spricht. Es muss kein perfekter Wein sein, aber er muss mir auch Geschichten erzählen können.

Was halten Sie vom Weinland Schweiz?
Ich liebe die Schweiz. Ich kann mir gut vorstellen, dass Trauben wie die Petite Arvine ein gutes Pendant zum Grünen Veltliner wären. Natürlich ist es eine Mengenfrage, aber ich verkoste immer wieder gerne Schweizer Weine.


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