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Das meistunterschätzte Gemüse der Welt

Es leben die Krautstiele. Eigentlich sollte jeder Gartenanfänger welche anpflanzen.

Als Beilage zum Mittagsmenü gibt es Krautstiel, und mein Kollege sagt «Wäh!». Eine Erinnerung an früher blitzt in mir auf, der schlimme Tag, als ich bei einer Schulfreundin zu Mittag ass und ihre Mutter in einer Auflaufform etwas Undefinierbares auf den Tisch stellte. Dann schaufelte sie mir weisse Stiele mit weisser Sauce, hie und da verziert mit einer braunen Kruste, auf den Teller. Krautstielgratin. Aus Höflichkeit würgte ich die Riesenportion hinunter, spülte mit reichlich Wasser nach. Ich hasste Krautstielgratin. Ich hasste Krautstiele. Weil ich gar nicht wusste, dass es Krautstiele noch anders geben kann als überbacken und an einer weissen Sauce, schleimig und erdig schmeckend.

Dabei sind Krautstiele grossartig, denke ich am nächsten Tag. Ich sitze hinter dem Haus, habe einen grossen Eimer mit im Brunnen gewaschenem Krautstiel neben mir und trenne zuerst Stängel vom Grün, bevor ich beides klein schneide. Eine repetitive Arbeit, fast meditativ, und zufrieden sage ich zu mir: Krautstiel ist das meistunterschätzte Gemüse der Welt. Warum, um alles in der Welt, brauchen die meisten Leute hierzulande nur die Stängel, nicht aber das Grün? Erst gemischt schmeckt das Gemüse zitronig und erdig zugleich.

Eigentlich sollte jeder Gartenanfänger Krautstiel anpflanzen. Es gibt wohl kaum eine pflegeleichtere Pflanze, Krautstiel ist ein typisches Einsteigergemüse. Man kauft einen Setzling, pflanzt ihn und freut sich während des ganzen Sommers an einer üppigen Ernte. Das Einzige, worauf der Neogärtner schauen muss: Krautstiele sollten erst gepflanzt werden, wenn es nachts nicht mehr Bodenfrost gibt – sonst kann er aufschiessen. Und manchmal befallen Blattläuse die Blätter, dann wartet man, bis die Marienkäferchen kommen und sie vertilgen – oder braucht halt doch nur die Stängel.

In diesem Jahr habe ich Krautstiele erstmals selbst ausgesät. Bisher fand ich, das lohne sich nicht für die zwei, drei Pflanzen, die in meinem Garten Platz fänden – und die allein schon eine reichliche Ernte ergaben. Eine Freundin schenkte mir jedoch den Samen. Im April steckte ich ihn direkt ins Beet. Es guckten schon kleine Keimlinge zum Boden raus, als es nochmals kalt wurde.

O weh, dachte ich, jetzt werden die Krautstiele aufschiessen. Doch sie wuchsen weiter. Direkt gesäte Krautstiele sind robuster. Das Resultat: Meine momentanen Krautstielvorräte scheinen unendlich. Und ich sitze hinter dem Haus und sorge für den Winter vor. Krautstiel lässt sich gut einfrieren. Immer Stängel und Grün gemischt. Haben Sie schon einmal Spätzli mit Krautstiel, gemahlenen Haselnüssen und Emmentaler Käse gemischt? Grossartig! Und ein perfektes Menü für kalte Tage.

Im Sommer bin ich hingegen fast süchtig nach Krautstielsalat. Dazu muss ich Stängel und Blätter nur grob schneiden, kurz dämpfen, etwas abkühlen lassen und mit einer Vinaigrette, Tomaten und etwas Feta mischen.

Jetzt fehlt eigentlich nur noch eins: Ich sollte mal wieder einen Krautstielauflauf mit weisser Sauce probieren. Nur um zu erfahren, ob ich ihn immer noch hassen würde.

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