Whiskygott beglückt Japan

Der Engländer Jim Murray hievt in seiner Whiskybibel einen Single Malt aus Fernost an die Weltspitze.

Sieht sich als Whiskygott: Der Engländer Jim Murray. Foto: PD

Sieht sich als Whiskygott: Der Engländer Jim Murray. Foto: PD

Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Schottland ist nach dem Nein zur Abspaltung von Grossbritannien gerade erst zur Ruhe gekommen – und schon ist da die nächste Turbulenz. Dies in Gestalt eines 56-jährigen Engländers, der gern einen Panamahut trägt, was ihm zusammen mit dem weissen Bart und den Wasseräuglein eine Boheme-Aura verleiht.

Jim Murray sieht sich als Whiskygott. Das belegt der Name seines jährlich erscheinenden Bewertungs­buches, «Jim Murray’s Whisky Bible». Die Ausgabe 2015 des Standardwerks erscheint diese Woche. Bereits aber hat die «Daily Mail» vermeldet: Weltbester Whisky ist diesmal einer aus Japan. Und: Unter den Top Five ist kein einziges schottisches Destillat.

Murray kritisiert, die Branche in Schottland, dem Herzland des Whiskys, stagniere: «Wo gibt es derzeit einen Blend mit verblüffenden Tiefenschichten? Wo sind die Malts, die einen auf eine haarsträubende Reise durch düster-dunkle Lagerkeller nehmen?» Hingegen attestiert er seinem neuen Liebling, dem «Yamazaki Single Malt Sherry Cask 2013» aus Japan, «fast unglaublichen Genius». Er sei «rund wie eine Billardkugel».

Die Reaktionen aus den Highlands klingen trotzig: «Schottland wird immer der Topproduzent für Whisky bleiben», schreibt einer online. Ein anderer warnt vor den Japanern: «Erinnert euch, wie sie unsere Maschinen-, Auto- und Motorrad-industrie zerstörten, indem sie zuerst kopierten, dann verbesserten und die Preise unterboten. Schottland, hüte dich!» Ein Dritter wird gemein: «Hat einer den japanischen Sieger auf radioaktive Strahlung getestet?»

Murray war einst Journalist. Er debütierte bereits als Teenager und schrieb später für grosse englische Blätter. Man schickte ihn nach Schottland, wo er den Whisky lieben lernte. 1992 verliess er den angestammten Beruf und wurde der weltweit erste Whisky-Vollzeit-Publizist. Seither hat er wohl mehr Destillerien besucht als jeder andere Mensch, und er hat vielbeachtete Bücher verfasst.

Heute ist er eine Marke. Ein Marktbeweger. Rund 1300 Destillate degustiert er pro Jahr neu. Ein Team assistiert ihm beim Testen für seine «Bibel», deren Auflage gut eine halbe Million Exemplare beträgt. 100 Punkte kann ein Whisky in dem Buch mit rund 4000 Einträgen erreichen, je 25 in den Schlüsselkategorien Nase, Mund, Finish, Balance. Der siegreiche Japaner bringt es auf 97,5 Punkte. Glücklich, wer jetzt noch eine Flasche zu gut 150 Franken kaufen kann; nur wenig von dem edlen Stoff kursiert.

Man kann Murray für eine Degustationsveranstaltung buchen; freilich bestimmt er die Regeln: totales Rauch- und Essverbot. Kein Parfüm und Rasierwasser an den Teilnehmern. Eis im Whisky «unter keinen Umständen». Fotografieren darf man, sofern man nicht zu aufdringlich wird. Hingegen sind Film- und Tonaufnahmen strengstens verboten.

So ist Whisky für Murray, der heute abwechselnd in England und Amerika lebt, vielleicht immer noch ein Vergnügen, sicher aber ein gutes Geschäft. Seine Reisen führen ihn an immer neue Orte. Vor vier Jahren entdeckte er in einem Whisky-­entwicklungsland einen Whisky «von ungeheurem Ausmass», der ihm «tiefe Ehrfurcht» einflösste. Es war der «Säntis Malt, Edition Dreifaltigkeit» aus Appenzell Innerrhoden, Schweiz. Jim Murray mag es exotisch.

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