Gelb würzt die ganze Nation

Bei den einen beliebt, bei den anderen verpönt: So oder so ist Aromat Teil unserer kulinarischen Schweizer Volksseele. Jetzt wird der gelbe Klassiker unter den Streuwürzen 60 Jahre alt.

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Eine geschwellte Kartoffel mit der Gabel zerdrücken, Mayonnaise und Aromat dazugeben, alles miteinander vermischen: So lautete das selbst kreierte Rezept zu meinem Lieblingsessen als Kind. Die zweijährige Tochter meiner Arbeitskollegin ist noch radikaler als ich damals: Sie verzichtet auf Kartoffeln und Mayo und macht sich mit Vorliebe direkt hinter die Streuwürze, wenn Mama ihr das gelb-grüne Döschen mit dem roten Deckel nicht geistesgegenwärtig wieder aus der Hand reisst. Und was lernen wir daraus? Knorrs gelbes Universalwürzmittel begleitet und prägt uns Schweizer schon in ganz jungen Jahren, und zwar mittlerweile bald in der vierten Generation.

Streng geheime Rezeptur

Vor 60 Jahren, 1953, wurde Aromat – allerdings ganz zu Beginn noch in Würfelform – auf den Markt gebracht. Ein gewisser Walter Obrist, damaliger Versuchskoch bei Knorr, hatte die streng geheime Rezeptur im Vorjahr noch unter dem Namen Knorr Pflanzenextrakt entwickelt. Als er vor drei Jahren in hohem Alter verstarb, nahm er das Rezept nicht mit ins Grab, sondern übergab es seinen Nachfolgern. Remo Walder, der heutige Chefkoch bei Knorr, beteuert, es gelte nach wie vor die Originalrezeptur der 50er-Jahre. Über all die Jahre seien höchstens mal die Mischmaschinen dem neusten Stand der Technik angepasst worden.

«Als ich vor 27 Jahren hier anfing», erzählt er, «musste ich jedes Mal ein Dokument visieren, wenn ich das Rezept aus dem Tresor nahm.» Im heutigen Computerzeitalter hätten natürlich verschiedene Mitarbeiter Zugriff darauf. Dennoch: «Ginge ich mit dem Rezept hausieren, würde ich wohl meinen Job aufs Spiel setzen.» Offiziell erfahrbar ist nur Folgendes: Aromat enthält hauptsächlich Speisesalz, ausserdem Milchzucker, Weizenstärke, Hefeextrakt, pflanzliche Fette und Öle, Zwiebeln, Antiklumpmittel, Gewürze, Gewürzextrakte, Pilzextrakt und Natriumglutamat – also Geschmacksverstärker.

Heute gehen in der Schweiz jedes Jahr mehr als 7 Millionen Aromat-Dosen über den Ladentisch. Das macht, grob gerechnet, fast eine pro Einwohner – Babys mitgezählt. Wenn sich auch nicht jeder Schweizer zu jenen zählt, die sich das gelbe Pulver zum Zvieri aufs Butterbrot streuen, so ist unsere Volksseele dem Gewürzklassiker doch ähnlich treu wie der Ovomaltine, dem Rivella oder der Toblerone. Gemäss Konsumentenforschung können 96 Prozent unserer Landesbevölkerung etwas mit dem Namen Aromat anfangen, tatsächlich im Gewürzschrank zu finden ist es in 28,8 Prozent der Schweizer Haushalte. Da mögen Sterneköche die Nase rümpfen, wie sie wollen.

Auf Schulreisen und bei Rentnerausflügen zugleich bekommt das legendäre Döschen im Rucksack einen Ehrenplatz neben Cervelat und Swiss Army Knife – die mitgebrachten Gurkenscheibchen wollen schliesslich geschmacklich aufgepeppt werden. Es soll ja sogar Leute geben, die das österliche Eiertütschen verweigern, wenn sie sich beim Würzen mit normalem Tafelsalz begnügen müssten. Andere klagen über Heimweh, wenn bei längeren Aufenthalten in der Fremde das Essen fade und kein Aromat greifbar ist. Remo Walder erzählt: «Hin und wieder ruft uns jemand aus dem fernen Ausland an, nach dem Motto: Seine Mutter sei gestorben, und er werde jetzt von ihr nicht mehr mit Aromat beliefert, ob wir ihm nicht ein Kilo oder zwei schicken könnten.»

Revolutionäre Haushalthilfe

Übrigens: Von den rund 2500 Tonnen Aromat, die jedes Jahr im Knorr-Werk in Thayngen SH produziert werden, geht etwas über die Hälfte durchaus in den Export – allerdings in einer etwas feinkörnigeren Version, wie Remo Walder anmerkt. Die Geschmäcker sind offenbar auch bei der Konsistenz des Doseninhalts verschieden; wir Eidgenossen als Erfinder des Gewürzklassikers mögens halt etwas gröber.

Eine Beiz ist keine richtige Schweizer Beiz, wenn dort nicht auf jedem Tisch die obligate Menage steht, mit Pfeffer, Salz, Maggi-Flüssigwürze, Zahnstochern – und Aromat. Die Geschichte dieses patriotischen Kultobjekts ist tatsächlich eng mit jener des Aromats verbunden, verschenkte doch Knorr nach der Produktlancierung 30000 Menagen an Schweizer Restaurants zwecks Ankurbelung der Verkaufszahlen. «Rückblickend war das eine phänomenale PR-Aktion», findet Chefkoch Walder. «Restaurantbesucher wollten diese revolutionäre Hausfrauenhilfe auch zu Hause haben.» Bereits neun Monate nach der Markteinführung lag die Bekanntheit von Aromat, so schreibt es der heutige Mutterkonzern Unilever, bei 80 Prozent der Bevölkerung.

Farbneutral und klumpfrei

In den Nachkriegsjahren, als zahlreiche neue Haushalt- und Küchenmaschinen sowie neue Fertigprodukte es den Frauen ermöglichten, ihren wachsenden Wohlstand etwas zu geniessen und etwas weniger lange hinter dem Herd zu stehen, kam Aromat wie gerufen. Bis zu jener Zeit hatte es nur Universalwürzmittel gegeben, die sich schlecht auflösen liessen, die einen starken industriellen Eigengeruch hatten und sämtliche Speisen braun verfärbten. «Beim Aromat gelang es zum ersten Mal, diese schlechten Eigenschaften auszumerzen», so Walder. Denn Aromat klumpt nicht, intensiviert lediglich den Eigengeschmack der Lebensmittel und kann somit für ziemlich alles eingesetzt werden: in der Salatsauce, der Fleischmarinade, im Tomatensugo oder auf dem Frühstücksei. «Einzig und allein für Süssspeisen würde ich Aromat nicht empfehlen», sagt der Chefkoch und schmunzelt. Zudem bewirkt das gelbe Pulver im Kochtopf keine farblichen Desaster.

Apropos Gelb: Wie kommt die Farbe ins Aromat, wenn dieses ja hauptsächlich aus Salz besteht? Walder erklärt: «Damit es beim Kochen nicht mit Salz verwechselt wird, hat man es mit dem Farbstoff der Kurkumawurzel, die auch in jeder Currymischung enthalten ist, gelb eingefärbt.» Und das schien zu gefallen. Denn hätten sonst sämtliche Nachahmer ebenfalls die Farbe Gelb gewählt? (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.04.2013, 13:41 Uhr

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