Das Ohr isst mit

Lauschen, wie ein Restaurant klingt oder einem Gespräch mit einer Köchin zuhören: Essen im Ohr wäre eine schöne Sache. Nur ist es noch schwierig, entsprechende Sendungen zu finden.

Brot tönt auch: Geräusche spielen beim Kochen und Essen eine grosse Rolle. Foto: Getty Images, iStockphoto

Brot tönt auch: Geräusche spielen beim Kochen und Essen eine grosse Rolle. Foto: Getty Images, iStockphoto

Nina Kobelt@Tamedia

Das Ohr isst mit – seltsam, gibt es diese Redewendung nicht. Denn ähnlich wie das Auge daran beteiligt ist, dass einem etwas schmeckt, spielt auch der Hörsinn beim Kochen und Essen eine Rolle. Es knackt, es zischt und blubbert, und kann ein besonders gelungenes Essen nicht auch singen? Im Mund? Aus­serdem: Auch laut Forschung beeinflussen Geräusche die geschmackliche Wirkung eines Gerichts stark.

Irgendwie seltsam ist es deshalb auch, dass es so wenige Podcasts gibt, in denen es ums Essen geht. Podcasts sind in der Regel eine Serie von Audio- oder Videodateien, ähnlich wie Radio- und Fernsehsendungen, aber ohne fixe Sendezeit. Man kann sie abonnieren oder einfach hören, auf dem Handy etwa mithilfe von entsprechenden Apps. In Amerika hört bereits mehr als jeder Dritte Podcasts. Auch in Europa etabliert sich der Trend je länger, je mehr.

Grönemeyer mag es flach

Wohl auch im kulinarischen Bereich, wenngleich vorerst noch langsam: Deutschsprachige Podcasts zum Thema, das sind in erster Linie Ratgeber, in denen es um die Gesundheit geht, um Diäten, um Ratschläge allgemein. Oder es ist «Die Sendung mit der Maus», etwa mit dem Titel «Warum wollen Wespen unser Essen?». Gute Frage, ganz klar. Aber eben.

Gegessen wurde auch beim fast legendären «Alles gesagt?»-Podcast der deutschen Zeitung «Zeit», bei dem der Gast bestimmt, wann Schluss ist. Die Folge mit dem Musiker Herbert Grönemeyer dauerte 5 Stunden und 15 Minuten. Die Tischrunde ass dabei Alexanderkuchen, ein Lieblingsessen des Gastes. Man erfuhr, was ein Alexanderkuchen ist (Mürbeteig mit einer Füllung aus Quark und Aprikosen­marmelade), wieso ihn Grönemeyer lieber flach mag als hoch und noch einiges mehr. Ein kulinarischer Podcast war es trotzdem nicht.

Auch Cheyenne Mackay, vom Sonohr Radio & Podcast Festival, die die Schweizer Podcastszene gut kennt, bläst ins gleiche Horn: «Tatsächlich kenne ich auch nur ‹Tisch frei›», sagt sie. Und: «Spannend, dass es offenbar nur sehr wenige kulinarische Podcasts gibt.»

«Jedes Restaurant klingt anders»

«Tisch frei», den Cheyenne Mackay erwähnt, ist seit ein paar Tagen auf dem Markt. Die Sendung führt Zuhörer in Zürcher und Berner Restaurants. Musiker David Daniel und Produzent Paolo Domeniconi führen darin ebenfalls Tischgespräche, genau so wie die «Zeit»-Chefs, allerdings mit jeweils einer kulinarisch versierten Person. In der ersten Folge mit Heiko Nieder, dem aktuellen «Gault Millau»-Koch des Jahres.

Die Idee für die 50-minütigen Sendungen hatten die beiden, weil sie gerne essen und, wichtiger, weil es diese Form von Podcasts auf dem deutschsprachigen Markt noch nicht gab. «Jedes Restaurant klingt anders», sagen sie, die vor dem Treffen mit einer Person gründliche Recherche betreiben, über den Gast, die Gaststätte und andere Essenthemen. Trotzdem soll das Treffen eine Art Blind Date sein, bei dem auch Hintergrundgeräusche eine grosse Rolle spielen.

In der Folge stellen wir hörenswerte Podcasts unterschiedlicher Natur vor. Zwei davon in englischer Sprache – einfach, weil sie so köstlich sind.

«Tisch frei»

Jede Folge startet mit der telefonischen Reservation beim entsprechenden Restaurant, darauf erfolgt das Treffen mit dem Gast – als Erstes also mit Sternekoch Heiko Nieder, Küchenchef im The Restaurant im Zürcher Hotel The Dolder Grand. Man trifft sich vor dem Restaurant , in diesem Fall dem Hooters in Zürich.

Dann setzen sich David Daniel, Paolo Domeniconi mit dem Spitzenkoch an einen Tisch. Und essen. Und reden. Oder auch nicht. Im Hintergrund Geräusche. Fragen wie «Ist Kochen Kunst?» werden besprochen («Kochen ist Handwerk», sagt Nieder) oder warum Spitzen­köche mit der Pinzette arbeiten oder wie oft sie auswärts essen gehen. Jeden Mittwoch wird eine neue Folge von «Tisch frei» aufgeschaltet, in der ersten Staffel unter anderen mit den Weinexperten Chandra Kurt und Carsten Fuss im Reb Wein in Zürich oder dem Autor und Fake-News-Journalisten Tom Kummer im Restaurant Chun Hee, Bern. In der zweiten Staffel wollen Daniel und Domeniconi in der ganzen Schweiz Restaurants besuchen.

www.tischfrei.ch

«Saftig & würzig»

Mit dem Radioprojekt «Saftig?&?würzig! Suffizienz in der Küche» versucht der Aargauer Radiosender Kanal K, das Thema Nachhaltigkeit an Jugendliche zu vermitteln. Das Projekt findet im Rahmen des Hauswirtschaftsunterrichts statt – als Endprodukt entsteht mit jeder Klasse ein Podcast mit mehreren Episoden. Zum Beispiel jene der Bez Wohlen, die Rezepte weitergibt, Interviews führt oder Umfragen macht.

www.kanalk.ch

«À point»

Während die Kanal-K-Häppchen (eine Folge dauert nur ungefähr 5 Minuten) eher als Apéro durchgehen, sind die Radiohörern bekannten Folgen von «À point – Wissen aus der Küche auf den Punkt gebracht» richtige Mahlzeiten. Die SRF-Sendung behandelt regelmässig knackig verschiedene Essthemen.

www.srf.ch

«Hobbykoch Podcast»

Ein Mann namens Kai Du beschreibt, was er kocht, gibt dazu Tipps und historische Fakten zu den Rezepten, die er jeweils behandelt. Dieser Podcast ist die klassische TV-Kochsendung – einfach fürs Ohr. Angenehm: Die einzelnen Folgen dauern ungefähr eine halbe Stunde, das heisst, man könnte dazu in Realzeit mitkochen – weil Kai auch beschreibt, wie ihm die Pfeffermühle explodiert ist, oder dass er den Rosmarin nicht findet.

www.hobbykoch-podcast.de

Radio Cherry Bombe

Cherry Bombe ist eine amerikanische Vereinigung von Frauen, die im gastronomischen Bereich tätig sind, es gibt ein Magazin, einen Shop, ein Kochbuch, Cherry Bombe organisiert Events und macht eben auch Radio. Die wöchentlichen Podcasts, die daraus resultieren, beinhalten Gespräche der Chefredaktorin Kerry Diamond mit Köchinnen, Autorinnen und vielen anderen Frauen, die im weitesten Sinne etwas mit Food zu tun haben. Radio Cherry Bombe ist nicht nur der grösste von Frauen betriebene Radiosender der USA, sondern auch der coolste. Finden wir.

www.heritageradionetwork.org

«The Food Programme»

Ach, wie mögen wir «The Food Programme» von BBC Radio 4! Diese Woche zum Beispiel haben wir dort gelernt, wie die Spaghetti bolognese nach England kam, die Folge trägt den Namen «The Secret Life of Spaghetti». Essen steht im Mittelpunkt, Zubereitungsarten, historische Tatsachen. Genau wie bei «Nordic Food Lab», einem schon älteren Format, in dem zum Beispiel Pilze namens Chaga vorgestellt werden, die auf Birken wachsen, von den Samen seit Ewigkeiten konsumiert werden und heute als Superfood gelten.

www.bbc.co.uk

www.nordicfoodlab.org

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