Bern entdeckt den kleinen Scharfen

Bern

Ein scharfer Likör erobert derzeit die Berner Szenebeizen: der Ingwerer. Erfunden wurde er in der Lorraine.

Peppe Jenzer und Simon Borchardt im Café Kairo. Barkeeper Peppe hat den Ingwer-Likör Ingwerer erfunden und produziert diesen.

Peppe Jenzer und Simon Borchardt im Café Kairo. Barkeeper Peppe hat den Ingwer-Likör Ingwerer erfunden und produziert diesen.

(Bild: Beat Mathys)

Es dauert ein wenig, bis der gelbliche Trunk seinen wahren Charakter zeigt: Erst liegt er süss auf der Zunge, dann breiten sich im Mund seine Zitrusaromen aus, und erst im Gaumen entfaltet sie sich, die wohlige Schärfe der dickfingrigen Knolle. Obwohl es den Ingwerer noch nicht lange gibt, hat er schon viele Berner Kehlen erfreut. Der Ingwerlikör wird zurzeit in acht Berner Beizen angeboten, darunter sind der Wartsaal, der Sattler oder das ISC.

War der Likör bei seiner Einführung vor anderthalb Jahren noch ein Geheimtipp, mausert er sich nun langsam zum hiesigen Kultgetränk: «Der Ingwerer verkauft sich gut, ja, er ist ein Highlight», sagt das Barpersonal in der Progr-Turnhalle. Fast immer werde er pur im Schnapsglas getrunken, seit neustem sei er aber auch in Form eines Drinks zu haben.

Am Sonntag wird produziert

«Es funktioniert immer gleich: Die ersten zehn Flaschen trinkt das Barpersonal, und so kommt es zu den Kunden», sagt Philip Jenzer, genannt Peppe, grinsend – er hat den Ingwerer erfunden.

Begonnen hatte alles, als er bei Freunden einen Ingwerschnaps probierte. Die Idee des Produkts fand er zwar gut, der Geschmack aber überzeugte nicht. Das kann ich besser, sagte sich Peppe – und begann neben seiner Arbeit als soziokultureller Animator verschiedene Mischungen auszuprobieren. Nicht zu scharf und nicht zu süss sollte sein Getränk sein, und die Gewürze sollten den Ingwergeschmack nicht überdecken.

Mit der Zeit fand der 29-jährige Stadtberner den richtigen Dreh, die entstandenen Flaschen verschenkte er jeweils. Erst sein Bekannter Simon Borchardt, der heute sein Geschäftspartner ist, brachte ihn auf die Idee, dass er seinen Ingwerer auch verkaufen könnte. «Wenn du etwas daraus machen willst, bin ich dabei», sagte der Ökonom, und schon war das kleine Start-up-Unternehmen geboren.

Produziert wird in der Küche des Café Kairo in der Lorraine, wo Peppe nebenberuflich als Barkeeper arbeitet. 8,5 Kilo Bio-Ingwer verarbeiten die beiden dort jeden Sonntag zu 90 Flaschen Ingwerer. Diese verkaufen sie an Beizen oder für 38 Franken direkt an Kunden, die durch Mundpropaganda den Weg zu ihnen finden. Und das sind einige: «Vor Weihnachten waren wir komplett ausverkauft und mussten auf Bestellung noch Sonderschichten schieben, um die Nachfrage zu decken», erzählt Peppe.

Dass der spezielle Ingwergeschmack nicht jedem Schweizer Gaumen mundet, ist ganz offensichtlich kein Problem. «Klar, wenn man Ingwer nicht ausstehen kann, wird man auch den Ingwerer nicht lieben», sagt Peppe. Aber auch erstaunlich viele ingwerkritische Leute würden den Likör mögen.

Ein Trick ist dabei, dass man die Schärfe variieren kann: Lässt man die Flasche eine Weile stehen, sinken die Scharfstoffe ab, und der Likör wird milder. Schüttelt man die Flasche, heizt einem der Ingwerer so richtig ein. (Apropos: Ingwer gilt auch als Aphrodisiakum.)

Biel, Luzern, Wien

Obwohl das Getränk gut ankommt, suchen die beiden nicht die Massenproduktion. «Wir wollen das Geschäft langsam wachsen lassen, sodass wir den Überblick und auch den Spass dabei behalten», sagt Borchardt. «Wir haben einfach Freude, unsere Idee zu verwirklichen, und sind allen, die uns dabei geholfen haben, sehr dankbar.» Immerhin: Die laufenden Investitionskosten ihres Start-ups können sie bereits decken. Lohn beziehen sie aber keinen. «Es wäre natürlich toll, wenn es so weit kommt», sagt Peppe.

Die Zeichen stehen jedenfalls nicht schlecht: Bereits gibt es in Biel und Luzern Abnehmer für den scharfen Likör, und in Wien beginnen Freunde der beiden derzeit, den originalen Berner Ingwerer zu produzieren und zu vertreiben. Wer weiss, wie weit das Ingwerer-Fieber noch um sich greift. Ein Geheimtipp zum Schluss: Mit Ingwerer lässt es sich auch kochen.

Ingwerer kann man bestellen unter: peppe@ingwerer.ch.

Berner Zeitung

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