All die vielen Nüsse bleiben liegen

Herbstserie

Die Ernte wäre reich – doch richtig interessieren die Haselnüsse in diesem Herbst niemanden. Auch der professionelle Anbau steckt erst in den Kinderschuhen.

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Stephan Künzi

So viele Nüsse! Dicht an dicht liegen sie unter den grossen Haselsträuchern, die seit Jahr und Tag die Einfahrt des grossen Bauernhauses säumen. Die Ernte fällt so reich aus wie kaum je in letzter Zeit – das sagen alle, die heuer in irgendeiner Art mit Haselnüssen zu tun haben.

Oder besser – die Ernte würde reich ausfallen. Denn vielerorts bleiben die runden Dinger liegen, fallen hier auf eine Strasse und werden von den Autos platt gefahren, kullern dort auf einen Platz und werden für die Fussgänger zur gefährlichen Unterlage. Das Desinteresse erstaunt umso mehr, als Haselsträucher weit verbreitet sind, in der bäuerlich geprägten Landschaft zum vertrauten Bild gehören.

Swissness dank Nüssen

Jürg Maurer ist Leiter der Fachstelle Obst und Beeren am Inforama Oeschberg, und er bestätigt die Beobachtung. Die Haselnuss spiele in der Schweizer Landwirtschaft tatsächlich kaum eine Rolle, stellt er fest. Ein wirtschaftlicher Anbau sei schwierig – wahrscheinlich habe es genau damit zu tun, dass die grössere Baumnuss hierzulande eine weit längere Tradition habe.

Maurer ist dennoch überzeugt davon, dass die Haselnuss auch in der Schweiz als Nutzpflanze eine Zukunft haben kann. Zumal sie, ihre weite Verbreitung zeigt es, geringe Ansprüche an die Umwelt stellt und mit dem Klima gut zurechtkommt: Sie anzubauen, könne durchaus spannend werden, sagt er – wenn auch nicht für die Masse, denn dafür ist die einheimische Produktion zu teuer, sondern als Nischenprodukt für Spezialitäten. Für Schokoladen etwa: «Bei Produkten, die auf Swissness setzen, haben unsere Haselnüsse sehr wohl eine Chance.»

Von der Nuss zum Öl

«Die Nuss muss bei einem solchen Produkt klar im Zentrum stehen», sagt auch Ueli Ramseier. Der Nebenerwerbslandwirt aus Hinterkappelen gehört zu den Ersten in der Region, die auf die Haselnuss setzen. Im Frühling hat er auf rund 30 Aren Land gut 100 Haseln gepflanzt und in den letzten Tagen die ersten Nüsse geerntet. Allerdings nur zu Testzwecken, und das bleibt auch im nächsten Jahr noch so.

Unter anderem geht es dann darum, gemeinsam mit dem Abnehmer Produkte zu entwickeln, für die sich die Nüsse eignen. Seinen Partner hat Ramseier übrigens tatsächlich in der Schokoladenbranche gefunden: Er arbeitet mit Chocolatier Gysin in Bümpliz zusammen.

Generell sind im Moment rund um den Schweizer Haselnussanbau etliche Fragen offen. Maurer redet davon, dass man erst noch herausfinden müsse, welche Sorten gut gediehen und einen guten Ertrag garantierten. Nicht zu vergessen seien die Investitionen: Nur mit Auflese- und Knackmaschinen sowie einer Trocknungsanlage lasse sich das Geschäft wirtschaftlich führen.

Und die reiche Ernte, die heuer überall herumliegt? Für sie hält Markus Bucher aus Münchenbuchsee eine überraschende Lösung bereit. Er hat eine Presse entwickelt, die Nüsse zu Öl verarbeitet. Eine dieser Anlagen steht bei Fritz Jöhr in Rüdtligen, und dieser stellt nach den ersten gut zwei Jahren fest: Bislang haben erst vereinzelte Kundinnen und Kunden Haselnüsse zum Pressen vorbeigebracht.

Berner Zeitung

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