Die Tricks der Blumen

Natur Blütenpflanzen müssen sich so einiges ein­fallen lassen, um die richtigen Bestäuber anzulocken.

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Bienen sehen eine bunte Blumenwiese mit ganz anderen Augen als wir Menschen. Ihre Facettenaugen lösen feinste Details längst nicht so gut auf wie die unsrigen, dafür aber können sie Bewegungen viel besser wahrnehmen.

Aber auch die Farben, die sie sehen, unterscheiden sich von denen, die wir zu Gesicht bekommen, völlig. Unser Rot kennen die meisten Bienen gar nicht, dafür können sie das UV-Licht sehen, das uns nun wiederum verborgen bleibt. So entsteht für die Insekten eine vollkommen andere Farbpalette. Biologen sprechen deshalb sogar von den «Bienenfarben».

Die Konkurrenz ist gross

Nicht nur das: Die Pflanzen haben sich auf diese spezielle Sichtweise der Insekten eingestellt, schliesslich ist ihnen daran ge­legen, möglichst effektiv von den Tieren bestäubt zu werden – und die Konkurrenz ist gross. So kommt es, dass unter denjenigen heimischen Blumen, die vor allem von Bienen besucht werden, Gelb und Blauviolett sehr verbreitet sind. In den Tropen ist das übrigens ganz anders. Dort werden viele Blütenpflanzen auch von Vögeln bestäubt, und diese können das Rot nun wiederum sehr gut wahrnehmen.

Bei uns sind es einige Tagfalterarten, die zumindest ein bisschen Rot sehen können und somit auch von purpurroten und schwarzroten Blumen angelockt werden. Blütenpflanzen, die im Gegensatz dazu vor allem von Nachtfaltern aufgesucht werden, blühen oft weiss oder grünlichweiss, um in der Dämmerung besser gesehen zu werden.

Hummeln wiederum fliegen vor allem auf blaue und violette Blüten. «Da in dem Heer der vielen Blütenarten eine hohe Konkurrenz um Bestäuber besteht, müssen die Signale vielfältig sein, um diese Blüten für Bestäuber unterscheidbar und auch leicht lernbar zu machen», weiss der Wiener Evolutionsbiologe Hannes F. Paulus. Neben der Farbe spielt hier der Formfaktor eine wichtige Rolle.

Ja mehr noch: Viele Blütenpflanzen haben sich auf ganz bestimmte Bestäuber spezialisiert, und umgekehrt. Sie haben Strukturen herausgebildet, die nur diesen Arten erlauben, an den nahrhaften Nektar zu gelangen, alle anderen gehen leer aus.

Im Extremfall kann eine Spezialisierung sogar auf nur eine einzige Spezies erfolgen. Um an den Nektar des Sterns von Madagaskar (Angraecum sesquipedale), einer Orchideenart, zu ge­langen, muss der Bestäuber einen ungewöhnlich langen Saugrüssel haben. Nur dem Schwärmer Xanthopan morganii praedicta gelingt es, mit seinem über 20 Zentimeter langen Saugrüssel bis zum Nektar vorzudringen. Kein anderes Insekt kann da mit­halten.

Hierzulande haben sich beispielsweise die Beinwell-Sandbienen auf die Pollen des Beinwells spezialisiert, die Schenkelbienen Macropis fulvipes sind auf den Gilbweiderich Lysimachia punctata angewiesen, und die Kleine Langhornbiene braucht ihren Blutweiderich.

Voneinander abhängig

In einer sogenannten Koevolution haben sich die Pflanzen und ihre Bestäuber aufeinander eingestellt. Vorteilhaft an dieser Beziehung ist hier der Konkurrenzausschluss, nachteilig kann sich aber die gegenseitige Abhängigkeit auswirken. Stirbt nämlich nur einer der beiden Partner aus, so ist es im Extremfall auch um den anderen geschehen.

Aus diesem Grund ist es auch so wichtig, jede einzelne Art zu erhalten und vor dem Aussterben zu bewahren. Die Bestäubung der Blütenpflanzen ist für die Tiere natürlich nur eine Art Nebeneffekt, den sie eigentlich gar nicht bezwecken.

Sie haben es in Wahrheit auf etwas ganz anderes abgesehen. «Die Motivation, Blüten zu besuchen, besteht im Erlangen von Belohnungen, etwa von Nektar», meint Evolutionsbiologe Paulus. Nektar, Pollen und Pflanzenöle sind aber längst noch nicht alles, was Blumen zu bieten haben. Einige von ihnen locken die Tiere auch mit sicheren Schlafplätzen an, geeigneten Eiablageplätzen, stabilen Landepisten, überdeutlichen Wegweisern zur Nektarquelle oder aber auch mit Wärme.

Wissenschaftler der Queen-Mary-Universität in London fanden in ihren Versuchen mit beheizbaren künstlichen Blüten heraus, dass schon ein Temperaturplus von nur 4 Grad Celsius ausreicht, damit sich die Mehrheit der Hummeln dort niederlässt. Bei einem Temperaturunterschied von 10 Grad Celsius waren es fast zwei Drittel aller Hummeln, die auf die wärmeren Blüten flogen. Gerade Hummeln wissen das Wärmeangebot zu schätzen, sind sie doch im Gegensatz zu Bienen und Wespen auch bei deutlich kühleren Temperaturen unterwegs.

Forschungseiter Lars Chittka geht aufgrund der Verweildauer der Tiere in den Blüten davon aus, dass sie es vor allem auf den temperierten Nektar abgesehen haben und nicht so sehr auf die ­warme Umgebung an sich. Die Hummeln nutzen demnach genau wie wir Menschen gerne ein warmes Getränk zum Aufwärmen. Auf den süssen Duft des Nektars fliegen natürlich vor allem Bienen, Wespen, Hummeln und Schmetterlinge.

Verlockender Aasgeruch

Aber auch Schmeissfliegen und Aaskäfer eignen sich als Bestäuber, nur bevorzugen diese eben strengere Gerüche. Auch darauf hat sich die Pflanzenwelt eingestellt. Der Titanwurz aus Sumatra etwa setzt mit seiner bis zu drei Meter grossen Blüte mit Erfolg auf einen deftigen Aas­geruch. Manche andere Blütenpflanzen, die derartige Gerüche verströmen, ahmen sogar optisch verfaulendes Aas nach. Na ja, zumindest uns Menschen gefällt da ein duftende Blumenwiese dann wohl doch ein bisschen besser.

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