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Saurierberg mit Panoramablick

Wandern auf einem Berg voller Saurier? Der Monte San Giorgio im Südtessin hat bis heute rund 20'000 Fossilien aus der mittleren Trias freigegeben. Ein Ausflug in die Zeit vor 243 Millionen Jahren, als das Tessin noch karibisch war.

Aussicht geniessen auf dem Monte San Giorgio: Zu Füssen liegen der Lago di Lugano und die Tessiner Bergwelt.
Aussicht geniessen auf dem Monte San Giorgio: Zu Füssen liegen der Lago di Lugano und die Tessiner Bergwelt.
Daniel Fleuti
Fossilien ohne Ende: Am Monte San Giorgio wurden rund 20'000 Exemplare aus der mittleren Trias gefunden.
Fossilien ohne Ende: Am Monte San Giorgio wurden rund 20'000 Exemplare aus der mittleren Trias gefunden.
Daniel Fleuti
Noch mehr Tessiner Ferienflair: An der Seepromenade in Brusino Arsizio lässt man die Tour ausklingen.
Noch mehr Tessiner Ferienflair: An der Seepromenade in Brusino Arsizio lässt man die Tour ausklingen.
Daniel Fleuti
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Die untergehende Sonne taucht die weite Lagune mit ihren Sandbänken, Inseln und Vulkanen in warmes Licht. Im Wasser jagt ein Ichthyosaurier nach Fischen und ein Pflasterzahnsaurier zermalmt genüsslich Muscheln, während an Land ein Ticinosuchus, ein furchteinflössender Dino von 2,80 Metern Länge mit grosser Schnauze und spitzen Zähnen, nach Fressbarem sucht. Jurassic Park? Nein, das Süd­tessin vor 243 Millionen Jahren.

Ein Unesco-Weltnaturgut

Damals lagen dessen Gesteinsschichten noch in karibischen Gefilden nahe dem Äquator. Doch die Erde ist in Bewegung, besagte Lagune wanderte im Laufe der Jahrmillionen ans Südufer des Luganersees und formte den Monte San Giorgio. Mit verschoben wurden Tausende Fossilien aus der Zeit der mittleren Trias, 243 bis 237 Millionen Jahre zurück.

Das Spezielle daran: Die Fossilien sind sehr gut erhalten. Den versteinerten Tieren fehlt kaum ein Knochen, bei manch einem war gar noch der Magen­inhalt oder die Beute vorhanden. Zudem liegen auf kleinem Raum sehr viele Fossilien, bis heute wurden 20'000 Exemplare freigelegt. Die Unesco hat den Monte San Giorgio wegen seines Schatzes zum Weltnaturgut erklärt.

Sitzt man frühmorgens auf der Piazza in Riva San Vitale bei einem Espresso, ist das alles schwer vorstellbar. Der Monte San Giorgio, der sich hinter dem Dorf erhebt, ist steil und dicht bewaldet, in der Nähe dröhnt die Autobahn. Nicht gerade die Idylle, die sich der Wanderer wünscht. Der Schein trügt. Der Monte San Giorgio ist besonders im Frühjahr ein Traum für Wald- und Blumenliebhaber, von seinem Gipfel geniesst man einen der schönsten Panoramablicke des Tessins. Zudem sind die Wege einsam und wild, ihre Steilheit wie geschaffen dafür, nach dem Winter die Kondition zu testen.

Erhabener «Tempel»

Durch ein Wirrwarr von Gassen verlassen wir Riva San Vitale, am Dorfausgang sagt die Kirche Santa Croce Tschüss. Die Einheimischen nennen sie der monumentalen Bauweise wegen «Tempel»; wie ein König thront sie über dem Dorf und dem Luganersee. Der Monte San Giorgio zeigt von Beginn an, was er zu bieten hat: ­wurzelüberhäufte, manchmal ruppige Wege durch riesige Kastanienwälder. Diese sind im Frühjahr noch weitgehend nackt, das Licht, das bis auf den Wald­boden fällt, bringt unzählige Primeln und Leberblümchen zum Blühen. Später im Jahr geniesst man den Schatten unter dem dichten Blätterdach.

Gute zwei Stunden nimmt der Aufstieg in Anspruch – Zeit dazu, nochmals in der Vergangenheit zu wühlen. Der Monte San Giorgio ist eine der bedeutendsten Lagerstätten für Fossilien aus der mittleren Trias. Fünf Schichten Versteinerungen aus einer Zeitspanne von 5 Millionen Jahren liegen übereinander, unlängst wurde eine sechste entdeckt. Dies ermöglicht der Wissenschaft, die Erdgeschichte über eine sehr lange Zeitspanne zu verfolgen.

Unterwegs waren zu jener Zeit nicht nur Reptilien wie der Ticinosuchus, der Pflasterzahnsaurier und der Ichthyo­saurier, sondern auch Schnecken, Ammoniten, Muscheln und Fische. Und noch etwas gibt es am Monte San Giorgio: vielfarbige Gesteine wie Macchia vecchia, Broccatello und Rosso d’Arzo. Sie wurden während vieler Jahr­hunderte abgebaut und schmücken Barockbauten wie den Dom von Mailand und das Kloster Einsiedeln. Die bedeutendsten Funde vom Monte San Giorgio sind im von Mario Botta gestalteten Fossilienmuseum Meride ausgestellt.

Die mit der Seilbahn kommen

Kurz vor dem Gipfel holt uns die Gegenwart ein, der Wald gibt endlich den Blick frei. Weit unten funkelt der Luganersee, dahinter präsentiert sich der Monte Generoso. Eine halbe Stunde später auf dem Gipfel ist die Aussicht noch besser, um nicht zu sagen umwerfend. So viel Panorama bietet kaum ein anderer Berg im Südtessin. Besonders eindrücklich ist die Sicht auf den See mit seinen vielen Armen und dem Damm von Melide sowie auf die schneeweiss leuchtenden Tessiner und Walliser Alpen dahinter.

Umwerfend ist aber auch die Feststellung, dass sich zahlreiche leicht beschuhte Ausflügler in kaum verschwitzen T-Shirts auf dem Berg tummeln. Des Rätsels Lösung heisst Funivia; die Seilbahn bringt einen von Brusino Arsizio am Luganersee bis Serpiano, eine knappe Stunde unter dem Gipfel.

Nach Brusino Arsizio wollen auch wir, aber zu Fuss. Im Wald steigen wir ab zur Alpe di Brusino, dem dritten Aussichtsplatz für heute mit 800 Jahre alten Kastanien und Grottobetrieb, und haben bald darauf die 850 Höhenmeter seit dem Gipfel vernichtet. Brusino Arsizio, das ist Tessiner Ferienflair: bunte Steinhäuser, eine kleine Promenade und Ristoranti direkt am See. Also lassen wir uns zum Abschluss kulinarisch verwöhnen.

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