Oh, diese verflixte Rechnerei!

Wer Mühe hat mit Lesen und Schreiben, ist ­Legastheniker. Weit weniger bekannt ist, dass es auch Menschen gibt, die mit den Zahlen auf Kriegsfuss stehen. Eine Dyskalkulistin erzählt, wie sie mit ihrer Schwäche zu leben gelernt hat.

Verzählt: Etwa fünf bis sechs Prozent der Bevölkerung leiden an einer Zahlen- und Rechenschwäche.

Verzählt: Etwa fünf bis sechs Prozent der Bevölkerung leiden an einer Zahlen- und Rechenschwäche. Bild: Fotolia

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«Die Therapie war eine Wende», erzählt Elisabeth Müller *. Heute kann die 44-jährige Bernerin mit ihrer Rechenschwäche gut um­gehen. «Früher hat mich zum Beispiel das Bezahlen im Laden enorm gestresst, heute erfasse ich das Retourgeld visuell.» Im Rückblick erzählt sie: «Ich wusste schon früh, dass bei mir etwas anders war – als Einzige in der Klasse habe ich weiter mit den Fingern gerechnet, bis es mir verboten wurde.»

Obwohl sie in den anderen Fächern eine gute Schülerin war, wurde ihre Rechenschwäche nicht hinterfragt. Irgendwie quälte sie sich durch die Schulzeit. «Danach durfte ich dann den Taschenrechner benutzen, und durch Kompensation mit anderen Fächern schaffte ich das KV.» Mit eisernem Willen absolvierte sie später sogar die Weiterbildung zur Sozialversicherungsfachfrau mit eidgenössischem Fachausweis.

Diagnose als Erleichterung

Experten schätzen, dass etwa 5 bis 6 Prozent der Bevölkerung unter Dyskalkulie leiden. Für die Betroffenen ist Mathematik wie eine Fremdsprache, deren Zeichen sie nicht entziffern können. Viele haben auch Schwierigkeiten mit dem Abschätzen von Distanzen oder Zeitspannen.

Eine vertiefte Dyskalkulieforschung gibt es erst seit gut zehn Jahren. Vorher wurden Kinder mit Rechenschwäche oft als «dumm» abqualifiziert. «Lange nahm man an, dass mathematische Fähigkeiten stärker mit Intelligenz zusammenhängen als sprachliche», erklärt die Berner Berufs- und Laufbahnberaterin Monika Lichtsteiner. Sie engagiert sich beim Verband Dyslexie und ist Autorin eines Buches, wie durch Dyskalkulie verursachte Nachteile in der Berufs- und Maturitätsausbildung ausgeglichen werden können.

«Erst als der Leidensdruck hoch war, liess ich mich abklären», erzählt Elisabeth Müller. An ihrem damaligen Arbeitsplatz erhielt sie zunehmend nur noch einfache und repetitive Aufgaben zugeteilt – «Tubeliaufgaben», wie sie heute sagt. «Ich fühlte mich dadurch gekränkt, begann aber auch generell an meinen Fähigkeiten zu zweifeln.» Der Hausarzt riet ihr, sich in der neuro­psychologischen Abteilung des Inselspitals in Bern abklären zu lassen. Nach vielen Tests erhielt sie die Diagnose Dyskalkulie. «Das war eine Erleichterung, weil ich nun vieles besser einordnen konnte, doch von Therapie sprach niemand, und so habe ich dann selber über den Verband Dyslexie eine Therapeutin gesucht.»

Teilweise vererbt

Dyskalkulie gehört heute im Kanton Bern in den Schulen «zu den wichtigen Gründen für integrative Massnahmen und dafür, Kinder von Prüfungen zu dispensieren», so die Weisung der kantonalen Erziehungsdirektion. «Damit Betroffene möglichst früh gefördert werden können, ist es wichtig, auf Zeichen zu achten», sagt Monika Lichtsteiner. Erste Anzeichen kann man bereits im Vorschulalter erkennen, denn die Wahrnehmung von Menge und Unterschied ist angeboren.

Warum sie bei Menschen mit Dyskalkulie geschwächt ist, konnte bisher nicht vollständig geklärt werden. Doch man weiss, dass bei Betroffenen das Gehirn Informationen langsamer überträgt und die dafür zuständigen Gehirnareale nicht voll ausgebildet sind. Man nimmt an, dass etwa die Hälfte der Beeinträchtigung vererbt ist, verstärkend wirkt dann aber auch das soziale Umfeld, wenn man wegen der Rechenschwäche stigmatisiert wird.

Elisabeth Müller sagt zu ihrer zweijährigen Therapie: «Ich habe viel an Basiswissen aufholen können und dabei erstmals erkannt, wie sich die Dyskalkulie auf alle meine Lebensbereiche auswirkt.» Dazu gehöre, dass sie Probleme mit der Orientierung habe und Zeitspannen nicht einfach intuitiv einschätzen könne. «Dank der Therapie kann ich heute besser mit meiner Beeinträchtigung umgehen. Doch, bemerkt sie, zuerst habe es grossen Mut gebraucht, als Erwachsene hinzustehen und zu sagen: «Ich kann nicht rechnen.» Hinzu kam der finanzielle Aufwand, musste sie doch die Therapie selber bezahlen.

Verbesserungen möglich

Nicht verwunderlich: Die Forschung konzentriert sich vor allem auf Diagnose und Therapie von Kindern. Die Heilpädagogin Lis Reusser, Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Bern, hat einen Test für Viert- bis Achtklässler entwickelt, der sich in zweiter Linie aber auch für die Abklärung von Erwachsenen eignet.

Sie erklärt: «Um das Basiswissen zu erarbeiten und das Selbstbild, dass man nicht rechnen kann, zu verändern, braucht es je nach Schweregrad etwa ein Jahr oder mehr.» Bei Erwach­senen müsse man meist zuerst Versagensängste und Panik vor Zahlen abbauen, so die Expertin. Reusser macht aber auch Mut: «Verbesserungen sind immer möglich, auch noch im Erwachsenenalter.»

Dyskalkulie ist zwar nicht heilbar, doch dank Förderung, Be­wältigungsstrategien und Hilfsmitteln wird das Leben für die ­Betroffenen zumindest leichter. Laufbahnberaterin Monika Lichtsteiner betont: «Wichtig im Umgang mit ihnen ist, die Beeinträchtigung nur als Teilaspekt der Person zu sehen und sich auch auf ihre Fähigkeiten zu beziehen.» Es brauche das Vermögen, sich in ihren Alltag einzufühlen.

Heute kein Handicap mehr

Fünf Jahre nach Diagnose und Therapie sagt Elisabeth Müller: «Das grösste Erfolgserlebnis war für mich, dass ich mich getraut habe, danach die Stelle zu wechseln.» Zwar blieb sie im Versicherungsbereich, dennoch brauchte dieser Schritt ins Unbekannte viel Mut. Die jetzige Arbeit gefällt ihr. «Ich profitiere davon, dass mein Aufgabengebiet vielfältig ist und ich mich selber organisieren kann.

Rechnen bleibt aber anstrengend, doch bei analytischen Anforderungen kann ich mich jeweils erholen.» Erleichterung im Alltag bieten ihr Hilfsmittel wie Taschenrechner, GPS, Handywecker. Zufrieden konstatiert sie: «Ich kann heute so gut mit der Dyskalkulie umgehen, dass ich sie nicht mehr als Handicap empfinde.»

Dennoch weiss an ihrer neuen Arbeitsstelle niemand von ihrer Zahlenschwäche. Sie bemerkt dazu: «Toll wäre es, wenn man das einfach so nebenbei erwähnen könnte – ohne dass man auf Unverständnis stösst oder einem deswegen weniger zugetraut wird.»

* Name von der Redaktion geändert (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.03.2016, 11:36 Uhr

«Lange nahm man an, dass mathematische Fähigkeiten stärker mit Intelligenz zusammenhängen als sprachliche.»
Monika Lichtsteiner Berufs- und Laufbahnberaterin, Buchautorin (Bild: zvg)

Dyskalkulie

Dyskalkulie ist der wissenschaftliche Begriff für Rechenschwäche bzw. Rechenstörung. Von Dyskalkulie spricht man, wenn jemand anhaltende Schwierigkeiten hat im Erfassen rechnerischer Sachverhalte, im Umgang mit Zahlen, in der Bewältigung von Rechentechniken und in der zeitlichen und räumlichen Orientierung.

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