Frauen könn(t)en Mathe

In den Ingenieurs- und Naturwissenschaften mangelt es an Nachwuchs. Vor allem Frauen interessieren sich wenig für entsprechende Berufe. Wieso?

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Mathematik, Physik, Chemie, Technik – in diesen Fächern ist abstraktes Denken gefragt. Offensichtlich begeistern sich nur wenige Frauen dafür. Das zeigt sich daran, dass lediglich eine kleine Minderheit von ihnen einen Beruf in diesem Bereich ergreift. In der Schweiz beträgt der Anteil Naturwissenschaftlerinnen und Ingenieurinnen an allen Erwerbspersonen 1,4 Prozent. Bei den Männern sind es fast fünfmal mehr, nämlich 6,6 Prozent. Das hält die aktuelle Studie «She Figures» der EU fest.

Fähigkeiten sind gleich

Liegt es am mangelnden mathematischen Verständnis der Frauen, dass sie sich selten für eine technische Ausbildung entscheiden? «Ich habe umfassende Tests gemacht mit Mädchen und Buben von 4 bis 7 Jahren. Dabei habe ich festgestellt, dass es zwischen den Geschlechtern überhaupt keinen Unterschied in numerischen Kompetenzen gibt», betont Franco Caluori, Professor für Mathematikdidaktik an der Pädagogischen Fachhochschule Nordwestschweiz (PH FHNW).

Nun gut, aber vielleicht zeigen sich die Unterschiede erst in oder nach der Pubertät? Antworten liefert eine englischsprachige Studie, auf welche die ETH Zürich verweist. 500'000 Personen aus 69 Ländern nahmen daran teil. Das Resultat: «Frauen sind in Mathematik gleich gut wie Männer – sowohl im Durchschnitt als auch in der Verteilung der Fähigkeiten.» Damit widerspricht die Studie auch der häufig geäusserten Vermutung, unter den Männern gebe es mehr Hochbegabte im Umgang mit Zahlen und Formeln.

Dennoch zeigen Mädchen oder junge Frauen in Tests schlechtere Leistungen. Darin sind sich alle Fachleute einig. Die ETH Zürich erklärt dazu: «Wegen des unbewussten Stereotyps, Frauen seien in Mathematik schlechter als Männer, lösen Frauen schwierige Mathematikaufgaben tatsächlich schlechter.» Dieser Effekt verschwinde, wenn man vor einem Test den Teilnehmern versichere, dass Frauen gleich gut seien.

Das geringere Selbstbewusstsein liegt vor allem im unterschiedlichen Selbstverständnis begründet. Nach wie vor wird jungen Mädchen – auch im Elternhaus – oft vermittelt, Mathe sei für sie nicht so wichtig. «Wenn dagegen ein Bub in Mathematik nicht nachkommt, wird das als viel tragischer erachtet», sagt Beat Wälti, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Bern. Oder schlimmer noch, die Mädchen erhalten den Eindruck, mathematisches Können sei «unweiblich». «Eine Schülerin hat mir tatsächlich gesagt, es sei doch unsexy, wenn sie in Mathe als begabter dastehe als in den Sprachen», sagt Wälti.

Sein Kollege von der Pädagogischen Fachhochschule Nordwestschweiz, Franco Caluori, sieht auch im unterschiedlichen Spielzeugangebot für Mädchen und Jungen einen möglichen Grund, wieso Mädchen insbesondere Geometrie weniger nahe liegt: «Jungs spielen eher mit Legos oder bauen komplexe Ritterburgen. Damit schulen sie schon früh ihr räumliches Vorstellungsvermögen.» Den Mädchen biete Lego zwar seit einiger Zeit Märchenschlösser an, aber mit sehr bescheidenen Konstruktionsaufgaben. Doch was tun, wenn ein Mädchen nun mal lieber mit einfacheren Plastikklötzen oder Puppen spielt? «Es ist wichtig, allen Kindern verschiedenste Spielsachen anzubieten», meint Caluori. Was sie dann wählten, sei ihnen überlassen.

Es braucht mehr Vorbilder

Dass es möglich ist, das kulturelle Umfeld zu verändern und Frauen in mathematiklastige Berufe zu locken, zeigen internationale Vergleiche. «Island, Bulgarien und Polen haben in den Naturwissenschaften und im Ingenieurbereich einen Frauenanteil von über 50 Prozent», hält die ETH Zürich fest. In der Schweiz beträgt der Anteil lediglich 18 Prozent.

Mehr weibliche Vorbilder könnten dem Nachwuchs den Weg ebnen. Hilfreich ist, dass auch einige Matheprofessorinnen auf sich aufmerksam machen. Prominenteste unter ihnen ist die Iranerin Maryam Mirzakhani. Sie wurde 2014 als bisher erste Frau mit dem renommiertesten Mathematikpreis weltweit, der Fields-Medaille, geehrt. Gemäss Lobrede erhielt sie die Medaille für ihre «herausragenden Beiträge zu Geometrie und Dynamik riemannscher Flächen und ihrer Modulräume». Die 37-Jährige lehrt an der US-Universität Stanford. Was viele junge Frauen ermutigen dürfte, ist, dass sie zunächst in Mathematik ebenfalls nicht besonders gut war. Gegenüber dem Clay Mathematics Institute in Massachusetts erklärte sie: «Ich verstehe, dass die Mathematik, wenn man sich nicht für sie begeistert, kalt und sinnlos erscheinen kann. Ihre Schönheit erschliesst sich nur den geduldigeren Schülern.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.02.2015, 11:23 Uhr

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Mathe-Professorin: «Ich bin eine Exotin»

Christine Riedtmann von der Universität Bern ist eine der wenigen Matheprofessorinnen in der Schweiz. Sie erzählt, was sie an Mathematik begeistert und weshalb es so schwierig ist, mehr Frauen in das Fach zu locken.

Frau Riedtmann, was fasziniert Sie an Mathematik?
Christine Riedtmann: Ihre Absolutheit. Mathematiker bauen – häufig in Gruppen – grosse gedankliche Gebäude, in denen jeder Teil gesichert, also nachvollziehbar wahr ist. Und beim Bauen kommen zur Absolutheit auch Spieltrieb, Intuition und Sinn für Ästhetik hinzu. Das ist genial. Aber eben auch harte Arbeit.

Wieso interessieren sich nur wenige Frauen für Mathematik?
Es stimmt nicht mehr, dass in der Schweiz nur wenige Frauen an Mathematik interessiert sind. In den letzten Jahren lag der Frauenanteil bei den Studienanfängern an der Universität Bern bei immerhin rund 30 Prozent.

Trotzdem trauen sich Frauen tendenziell in Mathe weniger zu. Wie könnte man sie gezielt für das Fach begeistern?
Begeisterung zu entfachen, ist schwierig – sowohl bei jungen Frauen als auch bei jungen Männern. Wir haben in Bern versucht, einen Mathematikwettbewerb für Mittelschüler zu veranstalten. Doch nach dem zweiten Jahr mussten wir ihn einstellen, weil es kaum Teilnehmer gab. Auch in meinen Jahren im Vorstand der Schweizerischen Mathematischen Gesellschaft haben wir immer wieder Sachen probiert: Preise für die besten mathematischen Maturarbeiten, Vorträge für ein Laienpublikum, Interventionen in Mittelschulen. Zusammenfassend würde ich sagen, dass wir mit viel Aufwand wenig erreicht haben.

Woran lag das?
Gymnasiastinnen und Gymnasiasten haben kaum Musse, sie sind voll ausgelastet mit ihrem Schulprogramm, bei vielen kommen noch Nachhilfestunden hinzu, Sport- und Musikunterricht und andere Hobbys.

Könnten mehr weibliche Vorbilder helfen, Frauen Mathematik näherzubringen?
In Bern sind wir drei Frauen unter insgesamt zehn Dozenten. Wir zeigen damit, dass Platz ist für Frauen in der Mathematik. Allerdings sehen dies wohl nur jene Frauen, die sich schon für die Studienrichtung Mathematik entschieden haben.

Haben Sie jemals als Matheprofessorin Vorurteile erlebt?

Innerhalb der universitären Welt habe ich selber nie geschlechtsspezifischen Widerstand gespürt. Ich kenne jedoch Mathematikerinnen, die das anders erlebt haben. Ausserhalb dieser Welt bin ich eher eine Exotin. Dabei bin ich aber nicht sicher, ob ich als Mathematikerin oder als Professorin exotischer bin. Mirjam Comtesse


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