«Es ist ein guter Entscheid, das Kind nicht an die Uni zu lassen»

Interview

Ein neunjähriges Mathe-Genie möchte gerne an die Uni, darf aber nicht. Regula Haag von der Stiftung für hochbegabte Kinder findet das in Ordnung. Aber sie ortet grosse Mängel in der Begabtenförderung.

Kann an einem Sonderprogramm der Uni Zürich teilnehmen: Maximilian Janisch. (Screenshot SRF)

Kann an einem Sonderprogramm der Uni Zürich teilnehmen: Maximilian Janisch. (Screenshot SRF)

Raphaela Birrer@raphaelabirrer

Frau Haag, der hochbegabte neunjährige Maximilian Janisch darf nicht an der Universität Zürich studieren, weil er die Matura erst in Mathematik bestanden hat. Ist das aus der Perspektive des Kindes die richtige Entscheidung? Das ist ein guter Entscheid, denn es handelt sich immerhin um ein neunjähriges Kind. Bei einem 15-Jährigen wäre die Ausgangslage anders. Zudem erstaunt der Entscheid der Universität nicht: Seit der Einführung des Bolognasystems ist das Studieren an hiesigen Hochschulen überreglementiert, sodass kein Spielraum für Spezialfälle bleibt.

Der Knabe darf nun ein Mathematikförderprogramm an der Uni absolvieren: Er wird einzelne Lektionen bei einem Professor besuchen und Hausaufgaben erhalten – eine massgeschneiderte Lösung also. Entspricht sie den Bedürfnissen eines hochbegabten Kindes? Das ist eine wunderbare Lösung für das Kind – und ein tolles Angebot der Universität. Wenn ein Kind eine einseitige Begabung hat, ist es wichtig, genau diesen Bereich angemessen zu fördern. Wir Erwachsenen wären schliesslich auch gelangweilt, wenn wir zum Frühstück statt einer Zeitung ein Bilderbuch lesen müssten.

Eine solche Lösung bietet die Universität Zürich erstmals an. Künftig will sie aber vermehrt junge Hochbegabte mit Spezialprogrammen fördern und vertieft mit Gymnasien zusammenarbeiten. Besteht in dieser Hinsicht grosser Handlungsbedarf? Die mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät der Uni Zürich setzt sich seit einigen Jahren dafür ein, ist aber bislang an den starren Strukturen gescheitert. Sogenannte Schülerstudierende durften zwar während des Gymnasiums bereits Vorlesungen besuchen, die Credits wurden ihnen jedoch für das spätere Studium nicht gutgeschrieben. In Basel-Landschaft ist diese Regelung institutionalisiert: Unterforderte Gymischüler dürfen dort bereits Kurse an einer Uni absolvieren. Und ähnliche Arrangements gibt es auch im Bereich Musik: Begabte Schüler dürfen sich am Konservatorium weiterbilden. Insgesamt ist die Zahl dieser Schüler jedoch nicht hoch. Das ist schade, denn auf der Primarstufe verläuft der Trend doch gerade in die umgekehrte Richtung: Dort wird in Bezug auf den Rhythmus und das Niveau stark individualisiert. Die Entwicklung der Kinder verläuft schliesslich nicht gleichzeitig und linear.

Sie sprechen kantonale Unterschiede bei der Begabtenförderung an. Welche Kantone sind Vorreiter? Die Unterschiede in den Kantonen und Gemeinden sind tatsächlich gross. Der Kanton Luzern ist ein leuchtendes Beispiel. Dort haben die Schulen vor einigen Jahren den politischen Auftrag erhalten, Förderkonzepte zu entwickeln. Gleichzeitig wurden die Lehrer weitergebildet, um die Umsetzung angemessen zu begleiten. Das hat sich als ideale Kombination erwiesen: Einen Zeitpunkt für die Umsetzung festlegen und gleichzeitig die Weiterbildung aufgleisen. Doch grundsätzlich unterscheidet sich die Schulentwicklung in Bezug auf die Begabtenförderung je nach Gemeinden so stark, dass wir den Eltern teilweise sogar empfehlen, den Wohnort zu wechseln.

Maximilians Vater ist emeritierter Mathematikprofessor, seine Mutter Finanzchefin eines Unternehmens. Er gehört damit zu den 80 Prozent Hochbegabten, die aus gebildeten Familien kommen und früh gefördert werden. Mit welchen Schwierigkeiten haben hochbegabte Kinder aus einem bildungsfernen Umfeld zu kämpfen? Die Ressourcen des Elternhauses zu nutzen, ist der natürlichste Weg. Dazu gehört beispielsweise, die Kinder zu Hause in der speziellen Begabung zu fördern oder sie in den Schachclub, zum Sport, in die Bibliothek oder in den Musikunterricht zu schicken. Fehlt diese Möglichkeit, dann ist es umso wichtiger, dass die Kinder in der Schule gefördert werden. Der Kinderarzt Remo Largo sagt: Je weniger das zusammenpasst, was ein Kind mitbringt und was das Umfeld von ihm erwartet, desto schlechter geht es ihm.

Was ist Ihre Erfahrung: Üben Eltern von Hochbegabten häufig Leistungsdruck auf ihre Kinder aus? Die sogenannten Tenniseltern, die ihre Kinder zu Höchstleistungen antreiben, gibt es im Bereich der Hochbegabung selten. Klar ist aber auch: Damit ein Kind erfolgreich sein kann und etwas durchhält, braucht es die Unterstützung der Eltern.

Von wie vielen hochbegabten Kindern sprechen wir in der Schweiz? Wir beraten pro Jahr etwa 1000 Familien. Im Schnitt betrifft es ein Kind pro Klasse. 2,5 Prozent der Kinder gelten offiziell als hochbegabt, doch das bezieht sich auf einen IQ von über 130. Heute weiss man indes, dass diese Fähigkeiten bei einem Kind auch ungleich verteilt sein können, so dass sie bei einem IQ-Test unter Umständen nicht den gleichen Wert erreichen. Darum geht man nun von 5 Prozent mit hoher Begabung aus – sie brauchen eine spezielle Förderung. Die meisten Kinder werden jedoch erst darauf getestet, wenn sie Verhaltensauffälligkeiten aufweisen: Mädchen mit Schlafstörungen, nachlassender Schulleistung oder Motivationsproblemen oder Knaben mit frechem und aggressivem Auftreten. Denn auch die Unterforderung kann Probleme auslösen.

Hochbegabte wissen viel mehr als Gleichaltrige und fühlen sich daher in deren Gegenwart oftmals intellektuell unterfordert. Ist die Aussage von Maximilian, dass er nicht so auf Freunde spezialisiert sei, typisch? Das lässt sich nicht generalisieren – Hochbegabte sind so verschieden wie andere Kinder auch. Oft kommen sie gänzlich ohne Probleme durch die Schule, weil sie eine für sie passende Lücke im System finden. Und wenn nicht, dann brauchen sie spezielle Hilfe und Unterstützung, damit sie sich entfalten können.

Sehr intelligent zu sein, ist nicht immer einfach. Und irgendwann ist die schulische Förderung zu Ende. Welche Probleme ergeben sich für Hochbegabte später im Berufsleben? Ausschlaggebend für ein zufriedenstellendes Berufsleben ist, wie gut eine solche Person gelernt hat, mit ihrer Begabung umzugehen und sie auszuleben. Je besser das als Kind gelang, desto besser ist später die Studien- oder Berufswahl. Darum ist es für die weitere Entwicklung sehr wichtig, dass das Kind mit seiner Gabe in der Schule ernst genommen wird. Und schliesslich sollte sich die Gesellschaft auch bewusst sein: Bildung ist unsere wichtigste Ressource. Wir brauchen kluge Köpfe, die etwas aus ihrem Talent machen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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