Eine Behandlung mit Hand und Fuss

Nach einem Unfall oder bei Krankheiten sorgen sie dafür, dass die Patienten möglichst rasch wieder arbeiten können: Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten sind die wenig bekannten Helfer, ohne die die Wirtschaft ins Stottern käme.

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Stefan Aerni

Behutsam nimmt Christa Jenni die Hand ihres Patienten und fixiert sie in einer Schiene. Danach dreht sie die offensichtlich lädierte Extremität ein wenig nach links, dann nach rechts. «Mithilfe der Schiene wollen wir die verletzte Sehne besser zentrieren», erklärt Christa Jenni ihrem Patienten.

Der sportliche Endfünfziger, der in der Computerbranche tätig ist, hatte im Frühling beim Segeln einen Unfall erlitten. Dabei riss eine Sehne auf dem rechten Handrücken ein. Nach erfolgloser konservativer Therapie musste die Hand Ende Oktober sogar operiert werden. Und jetzt soll Ergotherapie den Informatiker, der ohne motorisch einwandfrei funktionierende Finger aufgeschmissen ist, möglichst rasch wieder arbeitsfähig machen.

Auf Hände spezialisiert

Da ist er bei Christa Jenni in guten Händen. Die 27-jährige Ergotherapeutin hat eine Zusatzausbildung zur zertifizierten Handtherapeutin absolviert und arbeitet in der Ergotherapie Seeland in Biel, die auf Handtherapien spezialisiert ist.

«Unsere Aufgabe ist es, die Menschen nach einem Unfall möglichst rasch wieder in den Arbeitsprozess zurückzuführen», sagt die junge Therapeutin. Das heisst gleichzeitig, dass die Patienten auch in der Lage sein müssen, ihre alltäglichen Tätigkeiten wie Essen, Zähneputzen, Duschen oder Haushaltsarbeiten wieder möglichst selbstständig zu verrichten. Für den handverletzten Informatiker zum Beispiel hat Christa Jenni extra Griffverdickungen für Messer und Gabeln massgeschneidert, damit er das Besteck besser halten kann.

Dass sie einmal Ergotherapeutin werden würde, ist dem Zufall zu verdanken. Christa Jenni erging es nämlich einst wie vielen anderen Leuten auch: Sie wusste gar nicht recht, was eine Ergotherapeutin eigentlich tut. Ursprünglich hatte die Seeländerin Kindergärtnerin oder Kinderkrankenschwester werden wollen. Beim Berufsberater kam ihr dann ein Büchlein in die Finger, in dem eine Ergotherapeutin vorgestellt wurde. «Da wusste ich – das will ich auch werden!», erinnert sie sich.

Nötig ist auch manuelles Talent

Bereut hat Christa Jenni ihren spontanen Entscheid nicht. Im Gegenteil: «Meine Erwartungen haben sich bisher mehr als erfüllt», sagt sie, die ihre dreijährige Ausbildung 2009 an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur mit dem Bachelor abgeschlossen hat. Sie arbeite gerne mit Menschen zusammen, könne kreativ sein und ihre handwerkliche Neigung einbringen.

Wie zum Beweis bittet Christa Jenni in den sogenannten Schienenraum. Dort – das Kabäuschen erinnert ein wenig an eine Bastelwerkstätte – legt sie einen Schienenrohling aus thermoplastischem Material in ein heisses Wasserbad. Dann formt sie das weich gewordene Material zu einer Handschiene, versieht diese schliesslich noch mit einem Klettverschluss. «Massgeschneiderte Schienen für unsere Patienten herzustellen, ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit», sagt die Ergotherapeutin. Dies im Unterschied zu den in der Öffentlichkeit ungleich bekannteren Physiotherapeuten.

Gemeinsames Ziel motiviert

Dennoch sei es vor allem die Arbeit mit den Menschen auf ein gemeinsames Ziel hin, nämlich die Rückkehr in den Job und zu den früheren Alltagsaktivitäten, dies sei es, was fasziniere und auch haften bleibe. Christa Jenni erzählt die Geschichte eines Teenagers, der eine handwerkliche Lehre absolvierte. Bei einem Arbeitsunfall mit einer Holzfräse verlor die junge Frau einen Finger. Nach der medizinischen Versorgung ging sie danach über ein Jahr lang noch in die Ergotherapie.

«Heute kann die Frau ihre Hand praktisch wieder wie vor dem Unfall gebrauchen», berichtet Christa Jenni nicht ohne Stolz. Und auch optisch sei die Hand weitgehend wiederhergestellt. «Hier sehen Sie», sagt die Therapeutin und zeigt auf ein Foto: Darauf erkennt man eine feingliedrige, gepflegte Hand mit frech lackierten Fingernägeln. Nur etwas hat Christa Jenni nicht geschafft: dass ihre Patientin wieder an ihren alten Arbeitsplatz zurückgekehrt ist. Die junge Frau macht jetzt eine Lehre im Verkauf.

Berner Zeitung

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