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Berlins Jahrzehnt der Bagger

Unter den Linden sollte Berlins Prachtboulevard sein. Doch massive Bauarbeiten haben den Boulevard für Touristen zum Baustellen-Parcours gemacht. Dies dürfte noch einige Zeit so bleiben.

Eine von zahlreichen Baustellen an Berlins Prachtboulevard Unter den Linden: Die Staatsoper.
Eine von zahlreichen Baustellen an Berlins Prachtboulevard Unter den Linden: Die Staatsoper.
Keystone

Von gepflegtem Flanieren zwischen Palästen und historischen Bauten kann keine Rede sein: Berlins Prachtboulevard «Unter den Linden» versteckt seine Schönheit derzeit hinter Planen und Bauzäunen - und das wird auf absehbare Zeit so bleiben: Noch bis Ende des Jahrzehnts dauern die Arbeiten an den Prestigeprojekten der Stadt: dem Bau der U-Bahnlinie 5, der sogenannten Kanzler-Bahn, und dem Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses als Humboldt-Forum. Lediglich die Staatsoper dürfte früher fertig renoviert sein. Ihre Wiedereröffnung ist für 2015 geplant.

«Es bewegt sich eben etwas in Berlin», sagt der Geschäftsführer von VisitBerlin, Burkhard Kieker. Doch so positiv der Tourismuswerber die Lage auch wendet, viele Touristen sind zumindest überrascht, wenn nicht verärgert, wenn sie den weltweit bekannten Boulevard besuchen und unversehens in einen Baustellen-Parcours geraten.

«Hätte etwas anderes erwartet»

An der Kreuzung Wilhelmstrasse, rund 200 Meter hinterm Brandenburger Tor, beginnt er: Eine Fahrspur ist komplett gesperrt, auf dem Mittelstreifen, wo die berühmten Linden stehen, liegen Baumaterialien. Seit Sommer 2012 gibt es Bauarbeiten an der Kreuzung Friedrichstrasse.

Hier entsteht bis zum Ende des Jahrzehnts der U-Bahnhof «Unter den Linden», wo sich zwei Linien kreuzen: die Nord-Süd-Linie U6 und die im Bau befindliche U5, die vom Alexanderplatz zum Hauptbahnhof führt. Immer wieder stranden Touristen desorientiert an der Schnittstelle, wo sich auch zwei zentrale Achsen der Urlauber-Ströme kreuzen.

«Vom Berliner Zentrum hätte ich etwas anderes erwartet», sagt Jolande Fischer, die mit einer Reisegruppe aus Brunsbüttel nach Berlin gekommen ist, und die jetzt an einer provisorischen Ampel Unter den Linden steht. Die 76-Jährige fügt hinzu: «Erst ist es zwar unansehnlich und nicht so schön für die Touristen, aber wenn es fertig ist, wird es sicher um so attraktiver sein.» Sie hat sich vorgenommen, noch einmal wiederzukommen.

Bauzaun an Bauzaun

Geht man die Linden, wie die Berliner sagen, ein paar hundert Meter weiter gen Osten, trifft man erst auf die Baustelle der Staatsoper. Gleich danach, gegenüber von der Humboldt-Universität, liegen zwei Baustellen nebeneinander, die das Zentrum Berlins auf den Kopf stellen: die Baustelle für den neuen U-Bahnhof «Museumsinsel» der U5 und die für das Humboldt-Forum.

Auf einer Strecke von rund 800 Metern reiht sich in Richtung Alexanderplatz Bauzaun an Bauzahn. Bagger, Lastwagen und Baumaschinen ackern dröhnend laut und verursachen eine Geräuschkulisse, die die Fussgänger schnell vorbeilaufen lässt.

Ein bekannter Anwohner soll sich unlängst über den Krach beschwert haben: Es sei so laut, dass er nachts nicht schlafen könne, habe der Ehemann von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Joachim Sauer, gegenüber dem Berliner Senat geklagt, berichteten Berliner Medien vor wenigen Tagen. Die Privatwohnung der Kanzlerin und ihres Mannes liegt nur wenige hundert Meter von der Strasse entfernt, unweit des Pergamonmuseums auf der Museumsinsel.

Problem mit dem Grundwasser

Zwar dementierte Regierungssprecher Steffen Seibert die Berichte als «frei erfunden», doch eine Ausnahmegenehmigung für Bauarbeiten zu später Stunde wurde kürzlich widerrufen. Der Tunnelvortrieb für die U5 ruht am Bahnhof Museumsinsel ohnehin im Moment, wie die Berliner Verkehrsbetriebe bestätigen. Grund sind Probleme mit dem Grundwasser, dass in dem sumpfigen Boden sehr hoch steht.

Verzögerungen bei Bauprojekten sind in Berlin keine Besonderheit, und so lösen die sieben Monate, die beim U-Bahnbau schon verloren sind, wenig Unruhe aus. Wenn irgend möglich wird sogar versucht, das Beste aus der Buddelei zu machen. «Die Schlossbaustelle ist eher eine Attraktion als eine Behinderung», sagt Touristenwerber Kieker. Nirgendwo konzentriere die Geschichte Berlins sich so wie an dieser Baustelle.

AFP/kpn

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