Absurdität als Spiel

An Silvester machte Philosophin Barbara Bleisch eine unerwartete Entdeckung.

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Wenn die adrette Miss Sophie am Tisch sitzt und ihren verstorbenen Freunden Sir Toby, Admiral von Schneider, Mister Pommeroy und Mister Winterbottom zuprostet, und Butler James, in Ermangelung der leibhaftigen Präsenz der Gäste, deren Gläser nicht nur füllt, sondern selber austrinkt, flimmert wieder «Dinner for One» über die Bildschirme. Der Sketch aus dem Jahr 1963 gehört nicht nur zum Ritual des Jahreswechsels wie Schampus und Feuerwerk, er macht die rituelle Wiederholung selbst zum Thema: In schöner Regelmässigkeit stolpert Butler James beschwipst über das Tigerfell und fragt Miss Sophie lallend, ob «die Prozedur» die gleiche sein solle «wie im letzten Jahr». Und Miss Sophie korrigiert zuverlässig, «die Prozedur» habe dieselbe zu sein «wie jedes Jahr».

Ich weiss nicht, wie oft ich den Sketch schon gesehen und wie viele kuriose Deutungen ich gelesen habe. Eine Studie über multiple Persönlichkeiten sehen darin die einen: James interpretiere in jedem Gast eine Facette des eigenen Ichs. Einen Beitrag zur Emanzipation machen andere aus: Miss Sophie gönne sich Jahr für Jahr eine Party, bei der die totgesagten Männer nur als Staffage dienen. Doch dieses Silvester wurde mir klar: «Dinner for One» ist die perfekte Illustration der Absurdität der menschlichen Existenz.

Dass das Leben absurd sei, ist ein Eindruck, den die meisten früher oder später ereilt. Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel hat dazu eine kluge Idee entwickelt. Das Leben ist absurd, schreibt er, weil wir eine Diskrepanz wahrnehmen ­zwischen unserem Anspruch nach Sinnhaftigkeit unseres Lebens und der Wirklichkeit, die diesen Sinn nicht abschliessend hergibt. Einerseits leben wir unser Leben mit grosser Ernsthaftigkeit: Wir suchen erfüllende Arbeit, erziehen unsere Kinder bestmöglich, glauben an die Wichtigkeit eines ethischen Lebensstils. Nur wenn wir dem, was wir tun, auch Bedeutung beimessen, lassen wir uns nicht nur treiben als Spielbälle des Zufalls, sondern sind ­Akteure unseres eigenen Lebens. Anderseits sind wir als Menschen fähig, über uns hinauszusteigen und von aussen auf unsere Existenz zu ­blicken. In dieser Aussensicht erscheint uns unsere Ernsthaftigkeit jedoch absurd: Da machen wir uns solch eine Mühe und sind doch nichts weiter als Staubkörner angesichts von Raum und Zeit. Und doch können wir nicht anders, als aus unserem gedanklichen Raumschiff wieder ins Hier und Jetzt zu steigen und weiterzuleben als die, die wir sind: Wesen, die an der Bedeutung ihres Tuns festhalten.

Auf diese Weise ist «Dinner for One» eine Metapher für unser Leben, weil Miss Sophie und James mit grossem Eifer bei der Sache sind. Wir blicken von aussen auf ihr Spiel und müssen lachen, weil ihre Ernsthaftigkeit der Farce nicht angemessen scheint. Doch das Ritual kann nur gelingen, wenn die Protagonisten entschieden bei der Sache bleiben. Würde James nur einmal sagen: «Hören Sie, Miss Sophie, das ist doch absurd!», wäre das Spiel dahin. Genauso spielen wir das Spiel des Lebens: Wir leben unsere Leben ernsthaft – und erkennen dann und wann mit einem leisen Schauer, dass diese Ernsthaftigkeit, von aussen betrachtet, nicht begründet ist. Und genau darin besteht das Absurde.

Gegen dieses Gefühl der Absurdität wurde schon manches Rezept ersonnen: der Glaube an einen Schöpfergott. Die politische Revolte, die den Sinn in der Solidarität sieht. Der existenzielle Trotz, mit dem Sisyphos den Stein endlos den Berg hochrollt und dennoch behauptet, glücklich zu sein. Für Thomas Nagel ist das alles ein Ausdruck von nutzloser Theatralik, die die kosmische Belanglosigkeit der menschlichen Sinnsuche überspielen will. Er formuliert eine Alternative: Ironie als spezifisch menschliche Lebensform – und zwar eine, die unsere Existenz wertvoll und interessant macht. Denn über uns selber hinausblicken und hie und da lachen, das können ausschliesslich wir ­Menschen. Vielleicht ist allerdings auch das nur ein Behelf, um darüber hinwegzukommen, dass es den ­abschliessenden Sinn nie geben wird. Oder wie Reinhold Niebuhr sagte: «Immer wenn ich den Sinn des Lebens gefunden habe, ändern sie ihn wieder.»

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