Reise ans Ende der Welt

Galicien im Nordwesten der Iberischen Halbinsel bietet alles: grossartiges Essen, keltische Kultur, wildes Meer und religiöse Besinnung. Nur für Sonnenanbeter ist das grüne Spanien nicht unbedingt erste Wahl.

Am Cabo Vilán an der Costa de la Muerte sind reihenweise Schiffe auf Grund gelaufen. Foto: Miguel Ángel Álvarez Alperi

Am Cabo Vilán an der Costa de la Muerte sind reihenweise Schiffe auf Grund gelaufen. Foto: Miguel Ángel Álvarez Alperi

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Langsam legt sich die Dunkelheit über die verwinkelte Altstadt von Santiago de Compostela. Die letzten Pilgerinnen und Pilger, erschöpft und streng riechend, legen auf den verregneten Strassen die letzten Meter ihrer langen Wanderung zurück. Wie Kreuze tragen sie ihre schweren, in Plastikhüllen gepackten Rucksäcke auf den Schultern und blicken unverwandt, einige mit verzücktem Gesicht, auf die nahen Türme der majestätischen Kathedrale. In wenigen Minuten werden sie erlöst – zumindest von ihren Strapazen, die sie mitunter seit Wochen auf sich genommen haben. Einige Pilger weinen beglückt, andere entrückt, bei manchen wiederum sind es nur die Regentropfen, die ihnen über die Wangen laufen. Sie alle scheinen erleichtert darüber zu sein, dass sie den Kräfte raubenden Jakobsweg in das verborgene Innere ihres Glaubens endlich hinter sich haben.

Wir hingegen sitzen im Trockenen am Wegesrand. In einer von mehrheitlich jungen Leuten bevölkerten Bar trinken wir einen Weisswein aus der an Portugal grenzenden Region bei Ribadavia und schauen dem pilgernden Treiben im Dauerregen zu. «Ich bin dann mal weg», an diesen Millionenseller des Komikers Hape Kerkeling müssen wir denken, während wir uns über die zunehmende Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in Zeiten der Globalisierung unterhalten: Unsere Anreise war sehr weltlich, sehr kurz und sehr wenig erhebend. Von ­Zürich fliegt man bequem in drei Stunden nach Galicien, in diese Region, die alle Klischees, die man mit Spanien in Verbindung bringt, auf Schritt und Tritt Lügen straft.

Stolz auf den Unterschied

Am Flughafen warteten fidele Dudelsackbläser in bunten Röcken, lauter Männer, deren helle Haut und blonde Haare auf einen anderen Genpool als den der Iberer schliessen lassen. Wie wir schon bald feststellten, sind die ­Galicier ausserordentlich stolz darauf, dass sie nicht wirkliche Spanier sind, sondern von den Kelten abstammen. Auch wenn die Galicier sich nicht gleich abspalten wollen von ihrem Mutterland wie die Katalanen oder die Basken, so stehen sie doch geschlossen hinter der Teilautonomie, die Kastilien dem fast drei Millionen zählenden Volk gewährt. Immer wieder treffen wir auf Menschen, die selbstbewusst distanzierende Sätze formulieren wie: «Das sehen die Spanier halt anders als wir.» Oder dann: «Die Spanier haben eigenartige Hobbys wie den Stierkampf oder Flamenco.» Dass die Uhren in dieser nordwestlichsten Ecke der Halbinsel anders gehen als sonst in Spanien, das wird deutlich bei der viertägigen Reise durch diesen vielfältigen Landstrich.

Auf der Fahrt von Santiago de Compostela nach La Coruña (auf Galicisch: A Coruña) überkommen uns heimat­liche Gefühle: hügelige Landschaften mit viel Vieh auf den grünsatten Wiesen, immer wieder Regen in reichlichen Mengen und in kurzen Abständen durchziehende Wolken. Wir sind nahe am Atlantik, und der bringt zuverlässig Nässe und Feuchtigkeit ans und ins Land. La Coruña, das wir bisher nur vom Fussball her kannten oder auch als Ursprung und Handelszentrum des Weltkonzerns Zara, ist eine Hafenstadt, die eher an eine irische Stadt gemahnt als an eine südeuropäische: Charmant ist sie, aber etwas rau; attraktiv ist sie, aber etwas zurückhaltend. Diese Stadt jedoch öffnet fantastisch den Blick aufs weite Meer und bildet den Ausgangspunkt ­unserer Küstenfahrt. Und diese ist der Höhepunkt.

Wir fahren zuerst zum Leuchtturm Cabo Vilán, um uns einen Überblick über die sogenannte Todesküste zu verschaffen. Hier liefen zahlreiche grosse Handelsschiffe auf Grund, worauf die Besatzung regelrecht zermalmt wurde zwischen den Gesteinskolossen, deren messerscharfe Kanten wie Finger gen Himmel weisen. Böse Zungen behaupten, dass die Unglücke nicht selten deswegen geschahen, weil die schlauen Küstenbewohner kurz mal das Licht im weithin sichtbaren Cabo Vilán ausmachten – um die Ladung der gekenterten Schiffe zu erbeuten.

Weiter geht es ans Ende der Welt: Cabo Finisterre (galicisch Fisterra) ist der westlichste Zipfel Spaniens (in Portugal ragt die Küste noch stärker in den Atlantik hinein). War man in Cabo Vilán noch fast allein mit sich und den Schauer erregenden Legenden, die sich um die Küstentoten ranken, ist das Ende der Welt überbevölkert. Dies vor allem deswegen, weil es sich hartgesottene Pilger nicht nehmen lassen, nach Santiago auch noch Finisterre zu besuchen. Hier verbrennen sie die staubigen Klamotten, was illegal ist und zudem fürchterlich stinkt. Diese Reinigung durch das Feuer soll, so glauben nicht wenige von ihnen, erst zur wahren Erneuerung der Seele führen.

Nachdem auch wir – Katholiken, die das Stahlbad der Säkularisierung hinter sich haben – uns fast erneuert fühlen (der Fisch im Turmrestaurant hat alles übertroffen, was wir zu wissen glaubten über die Zubereitung von Meeresgetier), führt die Fahrt die zerklüftete und zerfaserte Küste entlang nach Süden. Dabei kommt man sich manchmal vor wie in Skandinavien, und dann wieder, vor allem wenn die Sonne sich doch mal hervortraut, wie auf dem Peloponnes – jedenfalls scheinen hier der offizielle und die heidnischen Götter nicht fern zu sein. Die Gegend atmet eine Luft, die aufgeladen ist mit einer fast mystischen Energie, die verschiedene Elemente in sich zu vereinen scheint.

Prächtige Weinhäuser

Doch bevor es ins allzu Esoterische geht, wollen wir uns doch wieder weltlichen Einsichten und Genüssen zuwenden. Auf dem Fahrplan der Reise steht der Besuch von Weinhäusern, die nicht nur ganz prächtig ausschauen, sondern auch etwas zu bieten haben. Auch wenn man zugeben muss, dass der Rotwein wegen des etwas speziellen Klimas nicht mit dem Weissen mithalten kann, so möchte man doch ungern nur von dem einen probieren.

Unser Kleinbus schlängelt sich in Richtung Süden an den sogenannten Rías entlang. Die galicische Küste an den fjordähnlichen Meereszungen ist mit 1600 Kilometern länger als die gesamte Mittelmeerküste Spaniens. Auf der Höhe der Stadt Vigo, die im Unterschied zu dem pittoresken Pontevedra nur wenig Sehenswertes zu bieten hat, biegt das Auto in Richtung Landesinneres ab. Mit einem Mal kommt uns nicht nur die steigende Temperatur spanisch vor, sondern auch die Kultur. Auf dem Weg nach Ourense machen wir halt in der kleinen Stadt Ribadavia, wo Juden und Christen gemeinsam Handel betrieben haben – vor allem mit Wein, dessen Anbau hier auf eine lange, stolze Tradition zurückblicken kann. Da wegen der feuchten Böden diverse Krankheiten die Trauben bedrohen, werden die Reben auf Granitpfählen hochgelagert.

Der letzte Abend der vielfältigen Reise ist reserviert für Ourense. Auf den ersten Blick keine besonders hübsche Stadt, aber die Altstadt bietet ein wundersames Ensemble von sakralen und säkularen Bauten. Und das raffinierte Essen lässt die mangelnde Sonnen­einstrahlung schnell vergessen.

Diese Reise wurde ermöglicht von: Spanisches Fremdenverkehrsamt Zürich, www.spain.info und Turismo de Galicia, www.turgalicia.es

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