«Protestanten sind Meister im Entzaubern»

Interview

Der oberste Schweizer Protestant Gottfried Locher glaubt, dass die Werte der Reformation nach wie vor gefragt sind. Die leeren Kirchen will er mit mehr Substanz wieder füllen, etwa durch die Stärkung der Predigt.

«Wenn wir nichts unternehmen, wird es gefährlich», sagt Gottfried Locher.

«Wenn wir nichts unternehmen, wird es gefährlich», sagt Gottfried Locher.

(Bild: Fabian Unternährer)

Michael Meier@tagesanzeiger
Hannes Nussbaumer@tagesanzeiger

Wer ist der grösste Feind des Protestantismus? Der Katholizismus? Der Islam? Das Desinteresse?Ich muss mit dem Freund anfangen. Der grösste Freund des Protestantismus ist die Freiheit. Sie stand bei uns schon immer im Mittelpunkt: sich befreien von Denkverboten. Das tun, was der Protestantismus im Kern heisst, nämlich bezeugen und widersprechen. Wer die Freiheit einschränkt, ob die intellektuelle, die politische oder die ökonomische, dem muss der Protestant widersprechen.

Dem, der sich gar nicht für die Freiheit interessiert, widersprechen Sie nicht? Wenn jemandem alles egal ist, kann ich ihn schwerlich als Feind bezeichnen. Er nimmt mich ja gar nicht wahr. Jener aber, der sagt, in unserem Gesellschaftssystem sei kein Platz für die Aussage, dass unsere Freiheit in Christus gründe: Dem widerspreche ich. Aber ich bin ihm auch dankbar: Über die Freiheit muss man streiten, sonst löst sie sich auf.

Sind Sie neidisch auf die Katholiken? Die haben Figuren mit Unterhaltungswert wie Papst Franziskus oder Bischof Huonder. Ich habe es längst aufgegeben, mich zu fragen, ob ich auf andere Konfessionen neidisch sein müsste. Die Frage ist doch vielmehr: Können wir Protestanten uns aus der Stärke, die wir haben, weiterentwickeln? Dass wir dazu Köpfe und Gesichter brauchen, ist klar. Zuerst und vor allem aber brauchen wir Substanz und Botschaften, die man versteht.

Sie leiden nicht unter der geringen medialen Präsenz Ihrer Kirche? Nein. Zum einen finde ich diese nicht so gering. Zum andern liegt es in der Natur der Protestanten, dass wir im Bereich der Sichtbarkeit, des Visuellen, zurückhaltend sind. Das hat seinen Preis, zum Beispiel eine nicht ganz so üppige Medienpräsenz. Sicher möchten wir diese nicht auf Kosten von Inhalten forcieren. Ich könnte mir aber vorstellen, dass wir gerade unser Beharren auf der Freiheit etwas offensiver nach aussen tragen.

Der Protestantismus hat die Schweiz gross und erfolgreich gemacht. Doch im realen Leben spielt er heute nur noch eine marginale Rolle. Warum dieser Bedeutungsverlust? Was heisst denn Bedeutungsverlust? 2 Millionen Protestanten leben in der Schweiz. 2 Millionen: Das ist ein beträchtlicher Teil des Landes.

Vor 70 Jahren waren 60 Prozent aller Schweizer reformiert, heute sind es noch rund 25 Prozent. Wenn das so weitergeht ... Dann was? Im Alltag ist der Protestantismus sehr wohl präsent. Er ist die Kraft, die institutionenkritisch ist, die den Wert des Einzelnen betont, die Freiheit einfordert und institutionelle Übergriffe bekämpft: Diese Werte sind sehr wohl spürbar in unserer Gesellschaft.

Die Werte der Reformation mögen präsent sein, sie werden aber nicht mit Ihrer Kirche in Verbindung gebracht.
Das stimmt. Es stört mich, dass evangelische Werte und evangelische Kirche so wenig zusammen gedacht werden. Es stört mich umso mehr, als hinter dieser Institution Leute stehen, die Herzblut, Geld und Lebenszeit investieren.

Der Soziologe Max Weber hat gesagt, dass der Protestantismus wie keine andere Religion an seiner eigenen Auflösung arbeite, weil er die Entzauberung der Welt vorantreibe. Einverstanden?
Einverstanden bin ich vor allem mit der Aussage, dass der Protestantismus die Welt entzaubere. Zum Glück tut er das stets von neuem, schliesslich tauchen ständig neue Zauberlehrlinge auf. Ich denke an Sekten, aber auch an die ­Versprechen der Ökonomen oder der Biotechnologie. Entzauberung ist ein Grundauftrag. Protestanten sind Meister im Entzaubern.

Und was ist mit der Prognose der Selbstauflösung?
Webers These ist jetzt bald 100 Jahre alt. 100 Jahre, in denen die protestantische Kirche wie auch die anderen grossen Konfessionen kleiner geworden sind. Doch wer 2 Millionen Mitglieder hat, befindet sich kaum im Zustand der Selbstauflösung. Auch wenn sich unsere freiheitlichen Werte verselbstständigen, sich also von der evangelischen Kirche entkoppelt haben: Es gibt weiterhin Kirchgemeinden, Sonntagsgottesdienste, Konfirmandenlager, Gospelchöre, Gebetskreise – und zwar in Fülle. Trotz Max Webers These.

Der Protestantismus liefert zwar die konstitutive Kultur des Landes, trotzdem sind die Kirchen leer.
Es gibt erschreckend viele leere Kirchen. Es gibt aber auch viele, in denen erstaunlich viele Leute drin sind, und das nicht nur am Sonntag. Dass die Kirchen alle leer seien, ist ein eifrig kolportiertes Märchen. Übrigens gefallen mir Kirchen, die leer sind. Wir haben eine solche Übersättigung von allem, von Lärm und Massen, dass die Oasen, wo man zur Ruhe kommt, unterschätzt werden. Wahr ist, dass die Gottesdienstzentrierung massiv zurückgegangen ist. Viele Leute finden im Gottesdienst offenbar nur noch sehr bedingt das, was sie zum geistlichen Leben brauchen.

Sie müssen sich dem Umstand stellen, dass die Protestanten zur Minderheitskirche werden.
Dem stelle ich mich. Wir werden noch kleiner, und wir wissen nicht, wie lange noch Gelder kommen. Wir werden auch demografisch älter, das muss man klarer sagen und klarer hören. Wenn wir nichts unternehmen, wird es gefährlich. Gross zu sein, hat uns allerdings auch nicht immer gutgetan, tut eigentlich keiner Kirche besonders gut.

Wie bringen Sie wieder mehr Leute in die Kirche?
Der Weg geht über die Substanz. Wir wollen nicht, koste es, was es wolle, mehr Leute. Sonst könnten wir ja sonntags in der Kirche Freibier ausschenken. Vielmehr besinnen wir uns auf unsere Werte. Wenn es etwas besonders Starkes gibt bei den Protestanten, dann ist es eine gute Predigt, theologisch, aber auch handwerklich und sprachlich gut. Solche Kunstwerke wollen wir in ein grösseres Schaufenster stellen und setzen daher ab Oktober einen landesweiten Predigtpreis aus.

Die reformierte Kirche wird kleiner, älter und ärmer – verliert sie irgendwann ihren Rang als Landeskirche, kommt es zur Trennung von Kirche und Staat?
Nicht zwangsläufig. Der Staat, das sind wir alle. Solange wir die Kirche wertvoll finden – also ihre Werte, ihren Beitrag ans gemeinschaftliche Leben –, sollten wir sie schützen und fördern. Zudem hat die stärkere Präsenz des Islam dazu geführt, dass ich bei unseren Eidgenossen ganz neue Seiten kennen gelernt habe. Sie entdecken plötzlich wieder ihre Kirche. Dabei käme es den meisten zwar nie in den Sinn, sonntags in eine zu gehen. Aber sie halten sie für eine Institution, die unsere Werte schützt. Je selbstbewusster andere Religionen auftreten, umso mehr wächst die Sensibilität für unsere Werte – und dafür, dass nicht alle Religionen dieselbe Vorstellung haben vom Geschlechterverhältnis, von Minderheitenschutz oder Religionsfreiheit.

Die protestantische Kirche profitiert von der Angst vor dem Islam?
Ich sehe nicht in die Köpfe der Leute. Ich kann nur sagen, dass Angst keine protestantische Tugend ist. Und ich stelle fest, dass sich einige daran zu erinnern scheinen, dass es eine Institution gibt, die unsere Werte transportiert – eine Institution namens Kirche.

Hier wollen Sie andocken?
Das wäre eine zweischneidige Sache. Ich akzeptiere nicht, dass man die Kirche als Bollwerk gegen das Fremde missbraucht. Gleichzeitig ist es aber so: Das Christentum muss klarer sagen als bisher, wie die Spielregeln des Zusammenlebens lauten und was nicht geht. Unser interreligiöser Dialog nennt die heissen Eisen nicht beim Namen. Wir verlieren uns geradezu im politisch Korrekten.

Dann nennen Sie die heissen Eisen beim Namen.
Etwa die persönliche Freiheit, das Recht auf Individualität, die Gleichbehandlung von Mann und Frau auch in der Öffentlichkeit. Wenn wir einfach sagen, wir sind in der Schweiz religiös neutral, dann machen wir es uns zu einfach. Dann nehmen wir in Kauf, dass andere, nicht auf Gleichbehandlung basierende Ansichten zum Verhältnis von Mann und Frau als akzeptiert gelten. Und da bin ich dagegen. Ich habe zwei Mädchen. Ich möchte die freiheitliche Art unseres ­Zusammenlebens schützen.

Kommen Sie nicht in Teufels Küche, wenn Sie die Freiheit zum protestantischen Schlüsselbegriff erklären, aber klare Vorgaben machen wollen, was bei anderen Religionen geht und was nicht?
Die Gefahr besteht. Noch heisser ist des Teufels Küche aber dort, wo wir Angst haben vor Klartext. Freiheit ist fragil. Sie lebt von der Zivilcourage der Menschen. Das sehen wir gerade in Ägypten, vorgelebt übrigens von Muslimen und Christen gemeinsam.

Wo liegen die Grenzen der Freiheit?
Toleranz gegenüber Intoleranz kann ich mir nicht vorstellen. Wenn es bei uns zum fundamentalen Selbstverständnis gehört, dass sich Mann und Frau jederzeit und allein in der Öffentlichkeit bewegen dürfen, dann liegt hier keine Relativierung drin. Dann kann man dies nicht auch ganz anders sehen dürfen.

Welche Rolle spielt der Protestantismus in Ihrem eigenen Leben?
Ich bete meistens abends. Die Glaubenspraxis spielt in meinem Leben eine grosse Rolle. Einmal am Tag vor der Osterkerze in der Bibel lesen, einmal in der Woche einen Gottesdienst besuchen: Das ist mir wichtig. Ich mag es auch, mich am Kirchenjahr zu orientieren und nicht am Fiskaljahr. Mein Jahr fängt am ersten Advent an. Vor Ostern halte ich eine Fastenzeit, so gut es halt geht. Wir machen zu Hause auch ein Tischgebet. Wenn alle da sind, versuchen wir, vierstimmig zu singen. Allerdings nicht, wenn unsere drei Kinder Freunde mitbringen. Dann ist es ihnen peinlich.

Wie vermitteln Sie Ihren Kindern den Glauben?
Ich will nicht Glauben dozieren, sondern Lust wecken auf Freiheit – und dann schauen, ob sie diese am gleichen Ort verankern wie ich. Mein Freiheitsanker ist das Evangelium. So heisst denn auch mein Reformationsmotto: «Wer glaubt, ist frei.»

Tages-Anzeiger

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