Mallorca für Wanderer

Wer in der Region rund um Sóller wandert, erlebt eine bezaubernde, abgelegene Welt. Die Natur, das Essen, die Leute – nicht von ungefähr ist Mallorca so beliebt.

Schweisstreibend: Der Aufstieg zum Coll de Biniamar. Foto: Jürgen Richter (Look-Foto)

Schweisstreibend: Der Aufstieg zum Coll de Biniamar. Foto: Jürgen Richter (Look-Foto)

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Als wir den steilen, schweisstreibenden Aufstieg auf die Anhöhe namens Coll de Biniamar geschafft haben und durch den Pinienwald auf das mild leuchtende Herbstmeer blicken, kommen uns ein paar junge Bauern entgegen. An einem Strick führen sie zwei braune Geisslein mit, die, zitternd vor Angst, von kräftig gebauten, sehnigen Jagdhunden nervös umtänzelt werden. Der Chefjäger ist stolz auf den Fang, den er nicht dem Metzger im nahen Fornalutx, das als «schönstes Dorf Spaniens» gehandelt wird, zum Kauf anbieten, sondern selbst zu einem Festmahl zubereiten will. Das Schicksal der kleinen Tiere ist also entschieden und ein Entkommen nicht mehr möglich. Wir haben Mitleid mit den unschuldigen Huftieren, die ihren schlanken Körper Schutz suchend an unsere Beine pressen, ja wir spüren das Bedürfnis, sie zu retten vor dem harten Zugriff dieser Burschen. Wir wissen aber zugleich, dass uns abends im Hotel ein Lammragout erwartet, das ja auch eine unappetitliche Vorgeschichte hat.

Durch die Olivenplantagen

Es gibt auf Mallorca nach wie vor diese traditionelle archaische Form der Jagd. Um den Baumbestand vor allzu vielen gefrässigen Ziegen zu schützen, schwärmen die Bauern ohne Waffen, aber mit den typisch mallorquinischen Jagdhunden aus, um deren Anzahl zu dezimieren. Die Hunde spüren die wild lebenden Geissen im lichten Unterholz auf, verfolgen sie im Rudel und kreisen sie entweder ein oder treiben sie an eine Meeresklippe, wo es kein Entrinnen gibt. Sind die Tiere schliesslich an der Leine, ist das Tagewerk getan, und die Jäger machen sich auf den Heimweg. Dabei treffen sie auf eine Gruppe von Journalisten, denen Mallorca nicht als Ballermann-Paradies gezeigt werden soll, sondern als eine Insel der beinahe unbegrenzten Wandermöglichkeiten. Wer dies sucht, wird mit einem Angebot belohnt, das sich sehen lassen kann.

Wir sind in Port de Sóller untergebracht, einem übersichtlichen Städtchen, dessen halb runder Hafen sich gegen das Meer hin natürlich verengt und Schutz bietet vor dem tosenden Mittelmeer. Im Oktober kann man abends noch draussen sitzen und den Angestellten des Hotels zuschauen, wie sie langsam, aber sicher die Schotten dichtmachen. Nach der Sommersaison neigt sich nun auch die Wandersaison dem Ende zu. Die letzten Pauschaltouristen, die frühmorgens stramm mit ihren Stöcken ausrücken, um die Berge um das einige Kilometer landeinwärts gelegene und mit einer museumsreifen Bahn verbundene Sóller zu besteigen, packen ihre Koffer ein – und die Erinnerungen, die sie in nostalgisch gestimmten Augenblicken im Winternorden hervorkramen.

Unsere Wanderung führt von Port de Sóller durch grosszügige, durchgehend terrassierte Olivenbaumplantagen in Richtung Mirador de ses Barques. Eine sanfte Meeresbrise erleichtert uns den gut ausgeschilderten und asphaltierten Weg nach oben. Während wir uns immer wieder wenden, um einen letzten Blick auf das Hafenstädtchen zu erhaschen, rennen kläffende Hunde die Drahtzäune entlang, welche die nach Wohlstand riechenden Bauernhäuser und Grundstücke abgrenzen. Bevor wir Abschied nehmen von der Zivilisation, machen wir halt an dem Aussichtspunkt Mirador de ses Barques. Vor allem bei Motorradfahrern ist er beliebt. Während sie das Panorama geniessen, lassen sie ihre Töffs vor sich hinlärmen.

Die Kraft der Orangen

Doch dann ist Schluss mit Ablenkung. Wer den Aussichtspunkt in Richtung Norden verlässt, taucht ein in eine schier unberührte Natur. Der Wanderweg der ersten Etappe ist leichtfüssig und führt durch eine liebliche Landschaft, deren Vegetation die Nähe zum Meer anzusehen ist. Da das Terrain anfangs flach ist, haben die Tourteilnehmer ausreichend Puste, um sich ausführlich miteinander zu unterhalten. Die wenigen, verloren wirkenden Höfe besitzen ausgedehnte Ländereien, die, je näher Balitx d’Avall kommt, immer seltener mit Oliven- und zunehmend mit Orangenbäumen bepflanzt sind.

Was für eine Wohltat der Gerüche, wenn man in einem Orangenhain einhält, was für eine Erholung, den Vögeln zu lauschen, die unsichtbar im Gebüsch zwitschern. Hier, in der Nähe einer schattigen Quelle, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Bevor die Gedanken allzu weit abschweifen, trinken wir frisch gepressten Orangensaft in der zum Hof gehörenden Beiz. Diesen natürlichen Powerdrink brauchen wir als Treibstoff für den Aufstieg auf den Coll de Biniamar.

Die wohl schönste Etappe steht ja erst noch bevor. Der Weg führt küstennah auf 100 bis 150 Meter über Meer einige Kilometer in Richtung Norden. Während ein paar Wanderer unserer Gruppe sich zurückfallen lassen, gehen andere schnell voran. Wie bei einem Radrennen zieht sich die Gruppe immer weiter auseinander, und gesprochen wird, wenn überhaupt, nur noch wenig. Die Kräfte werden haushälterisch eingesetzt, denn nach diesem Marsch macht sich langsam, aber sicher Müdigkeit breit. Aber die Aussicht darauf, dass in Tuent nicht nur ein Essen auf uns wartet, sondern auch das Kursschiff zurück nach Port de Sóller, heitert die erschöpften Gemüter auf. So wird auch der letzten Wegstrecke gelassen entgegengesehen.

Das Schiff, das man nur über einen improvisierten wackeligen Steg erreicht, legt pünktlich am Hafen ab. Es geht nun schroffe Klippen entlang, und während die Sonne hinter der Sierra Tramuntana untergeht, nähert sich das Schiff dem Leuchtturm Far des Cap Gros und damit der engen Einfahrt in den Hafen von Port de Sóller. Hier endet die Tour, die wir am nächsten Tag gleich noch mal machen würden.

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