Le Grand Marsch

Wer Frankreichs Hauptstadt auf markierten Gehwegen durchquert, gerät in derart viele Zeiten und Welten, dass er sich fragt: Warum gibt es zu «Paris» keinen Plural? Ein Stadtwanderbericht.

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Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Ein kühler, doch heller Morgen in Paris. Sechs Schweizerinnen und Schweizer sammeln sich bei der Metro-Haltestelle Porte Dauphine. Leichte Hosen, Wind­jacken, gut gefederte Turnschuhe. Die sportive Kleidung ist angebracht, immerhin soll zehn Kilometer gewandert werden – die erste Hälfte der Paris-Traverse von West nach Ost.

Allzu hart klingt das nicht, diese Distanz ist in zwei Stunden machbar. Theoretisch. Am Schluss ist man fünf Stunden gelaufen. Und ist sowohl hundemüde wie total erfrischt.

Zur reinen Gehzeit kommen die Bistro-Stops. Und die Abstecher in die Konditoreien mit ihren Zitronentörtchen. Die Tafel an einer Schule erzählt von den jüdischen Mädchen, die im Zweiten Weltkrieg verschleppt wurden. Das Essay über Marine Le Pen im Schaufenster der Buchhandlung kauft man sich gleich. Und auch eine Plakette im Asphalt ist ein Stopper. Sie erzählt vom Seine-Nebenfluss Bièvre, heute Teil der Stadtkloake.

Markierte Wanderwege

Der Weg führt von der Porte Dauphine zuerst in den Bois de Boulogne. Die braven Forstwege, der Mann mit dem angeleinten Boxerrüden, die Joggerin mit dem Pulsmessgerät könnten auch in der Schweiz sein. Dann ein See, gekräuseltes Wasser im Sonnenlicht, Ruderboote, Rasen; man wähnt sich in England.

Nach einer halben Stunde eine brüske Richtungsänderung, jetzt geht es durch die Porte de la Muette in die Stadt hinein. Wann werden wir den Eiffelturm sehen, fragen sich alle und beschauen den Horizont, soweit dieser freiliegt. Dann werden die Augen gleich wieder auf eine Höhe von gut zwei Metern gerichtet.

Dort kleben in regelmässigen Abständen gelb-rote Markierungen. Sie belegen: Paris ist eine Wanderstadt. Mehrere lange Routen sind ausgeschildert. Die Markierungen sind an Kandelabern, Stangen, Pfosten angebracht.

Die keltischen Parisii

Gleich bei der Porte Dauphine signalisiert das erste Zeichen die West-Ost-Traverse. Sie ist der Ur-Wanderweg von Paris. 1988 kam man auf die Idee, den Bois de Boulogne mit dem Bois de Vincennes zu verbinden, so entstand der Querweg durch die Stadt. Die Idee der Pioniere: «auf angenehme Art verkannte Aspekte der Hauptstadt aufdecken».

Die Markierungen sind gut gemeint, streckenweise findet man dank ihnen tatsächlich den Weg; gelbe Zusatzpfeile zeigen Richtungsänderungen an. Man macht sich einen Sport daraus, nach den Zeichen zu spähen; wer eines sieht, freut sich und winkt die anderen zu sich. In den ruhigen Vierteln funktioniert das.

Auf umwimmelten Plätzen und überwuselten Trottoirs hingegen, etwa um die Notre-Dame, scheitert man des Öftern. So weit das Fazit nach vier Tagen und vierzig Gehkilometern, als die beiden Traversen von West nach Ost und von Nord nach Süd geschafft sind.

Gott sei Dank gibt es den Wanderführer «Paris à pied»; seine Karten sind unverzichtbar. Er erklärt auch grosse und kleine Dinge am Weg: Das Panthéon etwa war als Kirche geplant und wurde in der Revolution zur nationalen Ruhmeshalle umgewidmet. An der Rue Berton 24 wohnte von 1841 bis 1847 der Romancier Honoré de Balzac. Die römische Arena, die man beim Aushub der Rue Monge entdeckte, konnte 15'000 Menschen aufnehmen. Und die Pagode unweit des Invalidendoms geht auf einen Warenhausdirektor zurück. Er baute sie für seine orientverliebte Frau.

Auf Schritt und Tritt sind Dinge zu besehen und zu bedenken: Die Rue Mouffetard etwa, «La Mouffe». Die legendäre Fressmeile ist einer der ältesten Verkehrswege aus der Stadt hinaus und keltischen Ursprunges.

Paris ist ein Wunder der Intensität; es ist viel dichter bepackt als Berlin oder London, die ein Mehrfaches an Fläche besitzen. Und seine historische Tiefe ist beeindruckend: Die Stadtgeschichte beginnt um gut 250 vor Christus mit dem Keltenstamm der Parisii, der die Seine-Inseln besiedelt; darunter jene Insel, auf der heute die Notre-Dame steht.

«Ferme ta gueule!»

Die Schweizer Wanderer sind inzwischen im 16. Arrondissement beim Jardin du Ranelagh angelangt. Aus dem Park mit dem unfranzösischen Namen stiegen 1783 zwei beherzte Herren in die Luft, der erste bemannte Heissluftballon-Flug der Menschheit. Eine Infotafel schildert das Stück Aviatikgeschichte. Gleich daneben trimmt sich das heutige Paris, Leute aller Hautfarben nutzen die Allwetter-Fitnessgeräte auf dem Rasen.

Nicht ein Paris gibt es, merkt der Wanderer, sondern mehrere, die sich mal ergänzen und mal konkurrenzieren: historisches Paris, architektonisches Paris, trendiges Paris, armes Paris, reiches Paris, afrikanisches Paris, arabisches Paris, chinesisches Paris, russisches Paris.

Warum gibt es zu «Paris» keinen Plural? Er wäre dringend nötig.

Auch unter dem Eiffelturm ist der Zusammenstoss der Welten, Kulturen, Schichten erlebbar. Vor dem wohl berühmtesten Bauwerk der Welt schiessen asiatische Touristen in Verzückung Selfie um Selfie. Sie sehen die vier Polizisten nicht, die in der Nähe zwei Dunkelhäutige auf einer Bank umzingeln, sie grob zu Boden werfen, durchsuchen und zur Wache unter dem Turm abführen. Als einer der zwei aufmucken will, wird er angeschrien: «Ferme ta gueule!»

Ein anderes Beispiel für die urbane Melange: Der Medici-Brunnen im Jardin du Luxembourg. Die Brunnenskulptur zeigt die schöne Leda und den Obergott Zeus in Schwanengestalt. Jede Wette, dass der Jüngling in den Bermudas, der im Wasser steht, vom antiken Mythos keine Ahnung hat. Er sammelt die Münzen im Bassin; offenbar Touristensitte, hier Kleingeld zu hinterlassen.

Das Gefühl des Wanderers mancherorts in Paris: Es gibt so viele Leben, die er auch führen könnte, wenn er nicht schon ein eigenes zugewiesen hätte. Und eine verwandte Empfindung: Man ist in Schweizer Städten unterversorgt an Sinnesreizen.

Die Wanderweg-Erschaffer von Paris haben sich aber auch alle Mühe gegeben, möglichst viel zu bieten: Immer wieder führt eine Schleife überraschend weg von einer grossen Strasse in eine kleine. Die Car-Touristen bleiben zurück, der Himmel ebenfalls; manches Gässlein-Geviert hat die dunkle Enge eines arabischen Suqs.

Im Jardin du Luxembourg sind die Wanderer erschöpft. Ein Teil von ihnen wenigstens. Diese Fraktion wird nun kurz im Hotel die Beine hochlagern. Am nächsten Tag soll es weitergehen: Vom Jardin du Luxembourg zum Jardin des Plantes. Zum Grossspital Salpêtrière, das unter Louis XIII. als Pulverfabrik ­begann. Zu Mitterrands Nationalbibliothek, zwischen deren vier Türmen ein moderner Urwald sprosst. Und zur Porte Dorée im Osten, wo das Museum der Künste Afrikas und Ozeaniens hockt.

Und hernach wartet die nächste ­Traverse, die von Nord nach Süd. Stadtwandern hebt sich vom Stadtschlendern ab, indem man nie diskutieren muss, in welche Richtung es geht. Man hat einen gros­sen Plan für die grosse Stadt.

Wieso nicht ein bisschen Boule?

Die fittere Fraktion des Wandergrüppleins hat sich am ersten Tag unterwegs Dinge notiert. Sie hält nun vom Jardin du Luxembourg retour; man will eine bestimmte Boutique durchstöbern, die untere Terrasse des Eiffelturms besteigen, das Weinmuseum besuchen, an dem man vorbeikam. Und in einem Park wurde Boule gespielt. Man könnte sich dazugesellen und seine Jacke an den Kleiderständer hängen, der da im Freien auf dem Kies zwanglos aufgestellt war.

Paris lässt seinen Wanderer nicht so leicht los.

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