Im Land der vergessenen Frauen

Rassismus zerstört in den USA das Leben ganzer Familien. Schwarze Frauen wollen das ändern. Unterwegs mit der Gründerin von «Black Lives Matter».

In ihrer Biografie widerspiegelt sich die Geschichte eines ganzen Landes: Patrisse Khan-Cullors, Mitbegründerin der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung «Black Lives Matter». Foto: Getty Images

In ihrer Biografie widerspiegelt sich die Geschichte eines ganzen Landes: Patrisse Khan-Cullors, Mitbegründerin der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung «Black Lives Matter». Foto: Getty Images

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Patrisse Khan-Cullors steht im Hinterhof des Wohnblocks, in dem sie aufgewachsen ist, in Van Nuys, einem dieser gesichtslosen Vororte, die mit schachbrettartigen Strassenrastern die Hügel und Täler rund um Los Angeles überziehen, und schaut hoch zu ihrem Zimmer. Es ist ein lehmfarbenes Haus mit kleinen Fenstern; die Air-Condition-Kästen rosten vor sich hin und haben an den Wänden rote Tränen hinterlassen. In der Mitte des Hofs befindet sich ein kleiner Pool, der alles nur noch trostloser macht, weil er vortäuscht, hier sei ein heiles Leben möglich.

Cullors, 32 Jahre alt, lesbisch, Mutter eines Sohnes, Mitbegründerin der Bürgerrechtsbewegung «Black Lives Matter», war nie mehr hier, seit man ihre Familie Ende der Neunzigerjahre aus dieser Wohnung schmiss – die Cullors störten bei der Gentrifizierung des Quartiers. Sie hält sich am Gitter fest, das den Pool einzäunt, so wie sie sich als Kind schon daran festklammerte, in einer Kindheit, die im Alter von zwölf Jahren endete, als sie lernte, was es bedeutet, schwarz zu sein in Amerika. «Dieses Gitter aus Schmiedeeisen sollte uns vor der Aussenwelt schützen», sagt Cullors. «Doch das hat es nicht getan.»

Durch die Eisenstäbe hindurch sah sie als Kind, wie die Polizisten vorbeifuhren, «wie hungrige Hyänen draussen in der Prärie», und wie sie sich ihre Brüder vorknöpften und deren Freunde, vierzehnjährige Teenager, die vor dem Haus sassen und dummes Zeug redeten, wahrscheinlich über Mädchen. Sie wurden von Polizisten täglich an die Wand gedrückt, gedemütigt, «und manchmal nahmen sie einen von ihnen grundlos mit».

Schreie oder Schüsse aus vorbeifahrenden Autos, das alles sei so alltäglich gewesen, dass man es gar nicht wirklich wahrnahm, sagt sie und schlendert gedankenverloren hinüber zur Waschküche, um zu überprüfen, ob dort alles noch ist wie damals. «Wir mussten die Zehncentstücke mit einem Hammer flach hauen, damit sie gross wurden wie Vierteldollarmünzen und wir die Maschinen damit füttern konnten», sagt sie und bricht in ein lautes Lachen aus, das kurz darauf jäh abbricht. «So arm waren wir», fährt sie leise fort, «dass wir Cornflakes mit Wasser assen», sie legt ihre Hand auf den Trockner wie auf einen alten Freund.

Welche Auswirkungen haben Gewalt und ständige Sorge auf das Leben der Frauen? Diese Frage stellte sich niemand.

Es gibt Biografien, in denen sich die Geschichte eines ganzen Landes widerspiegelt. Die Gewalt, die Machtgefüge, die systematische Unterdrückung von Schwarzen, all das schwingt immer mit, wenn Cullors über ihre Schulzeit spricht, über ihren abwesenden Vater, die Mutter, die frühmorgens aus dem Haus ging und erst spätabends hundemüde von der Arbeit wiederkam. Und doch erzählt Cullors von einem fremden Amerika, von dem selten die Rede ist, weil sonst Männer das Narrativ vorgeben, weil sonst mittelalte Schriftsteller und Journalisten und Historiker vorgeben, wie wir die Dinge zu sehen haben. Aber Cullors’ Blick ist ein anderer – ihr Amerika ist ein Land der vergessenen Frauen.

Vor etwas mehr als zwei Jahren erschien ein schmales Buch des Journalisten Ta-Nehisi Coates über die rassistische Gewalt an Afroamerikanern seit der Sklaverei. Die Veröffentlichung des Buches fiel in eine Zeit, in der die Medien täglich über neue Fälle von Polizeigewalt an Schwarzen berichteten, über Jugendliche, zum Teil noch Kinder, die erschossen wurden, weil man sie für Einbrecher hielt, nur weil sie Kapuzenpullis trugen: Tamir Rice, Trayvon Martin, Michael Brown, Eric Garner und so viele mehr.

Es wurde über die Gewalt gesprochen, der junge afroamerikanische Männer täglich begegnen, nicht nur in Auseinandersetzungen mit der Polizei, auch untereinander: Was für eine Welt ist die von South Side Chicago, Ferguson oder Baltimore?, fragte man sich in den Meinungsartikeln der Zeitungen. Was mit den Müttern und Witwen und vaterlosen Töchtern passiert, die sich fortan allein durchs Leben schlagen müssen, fragte sich dagegen kaum jemand. Welche Auswirkungen haben diese Gewalt und die ständige Sorge, es könne jederzeit etwas Schlimmes passieren, auf das Leben der Frauen?

«Wenn mein Leben ein wenig anders verlaufen wäre, dann hätte es auch mich treffen können.»Barack Obama, ehemaliger US-Präsident

Barack Obama besuchte damals, 2015, als erster Präsident in der Geschichte des Landes, ein Bundesgefängnis und sagte danach: «Es sitzen Menschen hinter Gittern, die nicht hinter Gitter gehören.» Die Zahl der Insassen hat sich seit 1980 landesweit vervierfacht, in Kalifornien sogar verfünffacht. Mehr als zwei Millionen Menschen sind derzeit in US-Gefängnissen in Haft – die USA, «Land of the Free», haben die höchste Gefangenenrate der Welt.

Häftlinge, die billigsten Arbeitskräfte der Welt

Ganze Wirtschaftszweige profitieren von der Masseninhaftierung, weil es keine billigeren Arbeitskräfte gibt als Häftlinge: Sie packen Kaffee für Starbucks ein, stellen die Hälfte aller US-Flaggen her und verdienen dabei im Schnitt 93 Cent pro Stunde. Sie nähen sogar die Victoria’s-Secret-Wäsche. Den Grossteil der Insassen stellen schwarze Männer, von denen manche für kleine Vergehen «viel zu drakonische Strafen erhalten haben», sagte Präsident Obama bei seinem Besuch, und er war sich sicher: «Wenn mein Leben ein wenig anders verlaufen wäre, dann hätte es auch mich treffen können.»

Doch was ist mit den Frauen, die die Lücken füllen mussten, die diese Männer hinterliessen? Was ist mit ihrer Trauer? Was mit der Scham und der Wut über ein verpatztes Leben? Was ist mit den Töchtern, die davon träumten, Ärztinnen zu werden, und die dann hinter dem Tresen von Kentucky Fried Chicken enden, wo sie gefrorene Hühnerbeine in siedendes Öl tauchen, weil sie ihre Familien unterstützen müssen?

Was ist mit den Töchtern, die davon träumten, Ärztinnen zu werden, und die dann hinter dem Tresen von Kentucky Fried Chicken enden?

Das ist das Amerika, von dem Patrisse Khan-Cullors erzählt, ein Land, in dem zu viele Afroamerikanerinnen schweigen und trauern und hinter Fritteusen verschwinden – wie Cullors’ Mutter Cherice –, weil sie irgendwann keine mehr Kraft haben. Patrisse Cullors hatte Kraft.

Sie steigt jetzt in ihren schwarzen Honda, überprüft ihr Telefon auf neue Nachrichten und fährt vom Wohnblock ihrer Kindheit zu ihrer alten Schule, biegt plötzlich ab und bleibt vor einem Haus stehen. «Ich war zwölf Jahre alt», erzählt Cullors, der Motor ist aus, die Warnblinker klickklacken im Takt, «als ich zum ersten Mal bei einer weissen Familie zu Abend ass.»

Ihr Quartier Van Nuys liegt nur wenige Strassen von Sherman Oaks entfernt, einem weissen Viertel, das während der sogenannten White Flight in den Fünfziger- und Sechzigerjahren entstand, als weisse Familien aus den Innenstädten flohen und sich in Vororten wie diesem verschanzten. «Für mich waren das damals alles Schlösser», sagt Cullors und schaut hinaus auf ein niedriges Reihenhaus mit blickdichten Gardinen und einer kaputten Schaukel auf einem struppigen Rasen.

Sie habe in ihrer fast ausschliesslich weissen Schule, in der sie nur dank einer Lotterie einen Platz erhielt, ein Mädchen namens Tiffany kennen gelernt, das sie zu sich einlud. «Eines Abends sass ich dann bei diesen Menschen am Tisch in diesem Haus. Bis dahin wusste ich nicht, dass es Zimmer gab, in denen man bloss ass.»

Ausgerechnet der freundliche Vater von Tiffany besass viele Häuser im Armenviertel.

Was ihr aber vor allem in Erinnerung blieb, war Tiffanys Vater, ein rundlicher Mann, der sie gefragt habe, wie es in der Schule war. «Und hast du dir mal überlegt, was du werden willst, wenn du gross bist?», wollte er wissen, und Patrisse erschrak, weil sie es nicht kannte, dass man sie nach ihren Träumen fragte. Nur im Fernsehen, «in meiner Lieblingsserie ‹Beverly Hills, 90210›», hätten sich Eltern um ihre Kinder gekümmert und mit ihnen Gespräche geführt. «Nicht in meiner Welt.»

Später fand sie heraus, dass ausgerechnet Tiffanys freundlicher Vater der Besitzer ihres Wohnblocks war. «Er besass viele Häuser in unserem Armenviertel», sagt Cullors, und er habe sich einen Dreck um die Bewohner geschert. «Wir lebten zum Beispiel Monate ohne Kühlschrank, weil er niemanden vorbeischickte, um das Ding auszutauschen.» Patrisse Cullors schaltet den Warnblinker aus, fährt weiter und parkt bald darauf neben der Tafel einer grossen Schildkröte, dem Maskottchen ihrer ehemaligen Schule. «Wie klein das hier alles ist», sagt sie.

Ein langer Weg

Die Frau am Empfang ist ganz aufgeregt, als sich Cullors als Gründerin von Black Lives Matter vorstellt. Der Schuldirektor John Plevack bindet sich für den hohen Besuch noch schnell eine Krawatte um und drückt seine Haare platt. Er schenkt Cullors ein Jahrbuch aus den Neunzigern, in dem sie sofort blättert und ihr Foto sucht. «Aus Malika und Khadijah Haqq wurden TV-Stars, sie sind mit den Kardashians befreundet. Früher haben wir zusammen gespielt», sagt sie und zeigt auf die Zwillinge, von denen sie in den Klatschspalten der Magazine liest; andere seien früh schwanger geworden, abgetaucht und verschwunden, sagt Cullors und bleibt dann mit ihrem Finger bei dem Bild eines lächelnden Mädchens mit schulterlangen Haaren stehen: «Und das hier, das bin ich.»

Patrisse Cullors ist erst vor wenigen Tagen aus Australien zurückgekehrt, wo ihre Organisation Black Lives Matter mit dem Sydney-Friedenspreis ausgezeichnet wurde. Nun sitzt sie wieder im Gang ihrer Middle School: Es rieche noch genauso wie damals, sagt sie und blättert weiter in ihrer Vergangenheit.

Es ist ein langer Weg von Van Nuys und dem Gang in dieser Schule bis zur Gründung einer weltweiten Bürgerrechtsbewegung, die unter Barack Obama gefeiert und nun unter Präsident Donald Trump als Anti-Polizei-Bewegung und Terrororganisation abgestempelt wird. Patrisse Cullors hat über diesen Weg ein sehr persönliches Buch geschrieben in der Tradition schwarzer Aktivistinnen wie Elaine Brown oder Angela Davis – alles Frauen, die von ihrem Kampf in einer weissen Männerwelt erzählen.

Cullors' Geschichte macht jeden, der kein Herz aus Stein hat, wütend auf dieses Land.

Cullors’ Geschichte macht beim Lesen jeden, der kein Herz aus Stein hat, wütend auf dieses Land und berührt zugleich tief, weil der Leser vielleicht zum ersten Mal wirklich versteht, wie ungleich die Bedingungen in den USA sind und wie sehr die Unterdrückung der Schwarzen seit Jahrzehnten System hat. Und doch ist es auch ein Buch über die Liebe und die Kraft der Gemeinschaft.

Vaterlose Kinder

«Es würde mich nicht wundern, wenn Patrisse einmal die Vereinten Nationen anführt», sagt Donna Hill, 72, in ihrem Haus im San Fernando Valley. Hill unterrichtete früher Kunstgeschichte und Politik an Cullors’ Schule. «Sie war schon als Teenager sehr neugierig, an sozialen Fragen interessiert und immer in Gruppen anzutreffen.» Hill war nicht nur Lehrerin, sondern auch die Schulpsychologin. «Beinahe jedes zweite Kind in diesen Gegenden wächst ohne männliche Bezugsperson auf. Die Väter sind abgehauen, im Gefängnis, drogenabhängig oder tot. Darüber, was das für Kinder bedeutet, wird in den USA zu wenig gesprochen.»

Doch Cullors und Hill verbindet mehr als eine enge Beziehung zwischen Schülerin und Lehrerin. Als Patrisse Cullors sechzehn Jahre alt war, zog sie für mehrere Monate zu ihr, «weil es für sie besser war, zu Hause auszuziehen, nachdem sie ihr Coming-out hatte». Sie blieb zwei Jahre. Damals fing sie an, sich immer mehr politisch zu engagieren. «Was mir an Patrisse von Beginn an gefiel, war etwas, was ich gleichzeitig an mir selbst immer bemängelte», sagt Hill. «Ich bin Erzieherin. Ich kann Menschen vielleicht ganz gut motivieren. Patrisse aber ist eine Macherin. Sie redet nicht nur, sie schafft Neues.» Und als dann ihr Bruder Monte, den sie mehr liebte als sonst einen Menschen, ins Gefängnis kam, sagt Hill, und als Patrisse herausfand, wie er dort behandelt wurde, habe sie den Plan gefasst, «das gottverdammte System zu verändern». Und genau das habe sie dann auch getan.

In ihrem Buch beschreibt Patrisse Cullors ihren Bruder Monte so: «Monte ist derjenige, der mit mir spielt und mir Sachen durchgehen lässt. Er ist der mit dem riesigen Herzen. Es ist Monte, der Vögelchen aufsammelt, die aus dem Nest gefallen sind, und sie wieder zurücksetzt.»

Monte gerät schon als Teenager ins Visier der Polizei, die ihn «nicht einfach festnimmt, sondern wegsperrt, nur weil er an einem Ort lebte, wo man Jungs wie ihm den Krieg erklärte», erzählt Cullors im Auto und klappert weitere Stationen ihrer Kindheit ab: den 7-Eleven-Laden, in dem sie ihre Zigaretten kaufte, obwohl es verboten war; den Pizzastand, bei dem ihr Vater ihr mitteilte, dass er nicht ihr richtiger Vater sei, doch ihr zugleich das Versprechen gab, sich immer um sie zu kümmern, was er aber nicht einhielt. «In jenen Jahren wurden hauptsächlich Jungs verhaftet. Sie waren der erste Kollateralschaden im Krieg gegen Gangs und Drogen.»

US-Präsident Ronald Reagan reaktivierte Mitte der Achtzigerjahre den «War on Drugs», den Richard Nixon begann, indem er die Polizei in den Städten noch stärker militarisierte. Die Zahl der Inhaftierten stieg noch Mitte der Neunzigerjahre unter Bill Clinton, der ein Gesetz erliess, wonach Wiederholungstäter auch für kleine Vergehen für Jahre ins Gefängnis mussten. Zudem wurden für Jugendliche in verschiedenen Quartieren, auch in Van Nuys, verschiedene Vorschriften erlassen, um die Gewalt einzudämmen.

«Es tut ihm leid? Die haben uns behandelt wie Tiere!»Patrisse Khan-Cullors über die Entschuldigung von Bill Clinton

Die «Gang Injunctions» definierten, welche Gegenstände für Teenager verboten waren, wie man sich zu verhalten und zu kleiden hatte. Heute halten die meisten Experten den Krieg gegen die Drogen nicht nur für gescheitert, sondern auch für rassistisch motiviert. Die Wirkung dieser Vorschriften ist umstritten, vor allem die Frage, für wen sie galten und wer von ihnen verschont blieb. Clinton entschuldigte sich 2015 im Fernsehen für die Masseninhaftierung und deren Folgen für viele Familien von Schwarzen und Latinos. «Wir haben zwar erreicht, dass die Kriminalitätsraten gesunken sind», sagte Clinton, «doch wir haben zu viele Menschen für zu lange Zeit inhaftiert. Es tut mir leid.»

«Es tut ihm leid?», sagt Cullors. «Die haben uns behandelt wie Tiere!» Für sie war der Krieg gegen die Drogen eine «ethnische Säuberung» und bedeutete nichts anderes als «den Code für: Treibt alle Nigger zusammen, die ihr kriegen könnt!» Familien wurden aus ihren alten Quartieren vertrieben und an die Ränder gedrängt. «Den Schwarzen, die sich in den Sechzigerjahren im Aufschwung befanden, wurde alles genommen: Den Vätern und Söhnen raubte man die Zukunft, den Töchtern und Müttern die Hoffnung. Wir sind eine verlorene Generation.»

Ein Sheriff aus der Hölle

Als sie ihren Bruder Monte nach einer seiner Entlassungen aus dem Gefängnis abholt und die blauen Flecken an seinem Körper bemerkt, beginnt Cullors, damals Mitte zwanzig, sich immer stärker gegen Gewalt an Häftlingen einzusetzen. Sie gründet eine Organisation, startet ein Kunstprojekt mit Fotos und Berichten von Misshandlungen in US-amerikanischen Gefängnissen, sie agiert als die Macherin, als die sie ihre Lehrerin Donna Hill beschrieben hat.

2011 liest sie einen Bericht der Bürgerrechtsbewegung ACLU über die Foltermethoden eines Sheriffs in Los Angeles, der sie erschüttert. Was Sheriff Lee Baca den Inhaftierten antat, erinnert an die Folter, die amerikanische Soldaten wenige Jahre später im irakischen Gefängnis Abu Ghraib durchführten. Auf siebzig Seiten berichten Überlebende und Zeugen von Elektroschocks und vorsätzlichen Knochenbrüchen.

«Man rammte eine Taschenlampe in das Rektum eines Häftlings. Arme und Schultern wurden ausgekugelt. Ein Mann wurde nackt ausgezogen, während man die Mithäftlinge in der Zelle aufforderte, ihn zu vergewaltigen», heisst es in dem Bericht. Männliches Wachpersonal war an den Folterungen beteiligt, weibliches ebenso. «Jeder wusste, was geschah. Der Sheriff zwang Häftlinge, aus dem Klo zu trinken.»

Amerika ist eben auch unser Land. Es wurde auf unserem Rücken gebaut.»Patrisse Khan-Cullors

Dieser Sheriff, Lee Baca, in Kalifornien ein angesehener Mann, wurde im Mai 2017 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt und zu «einer Busse von 7500 Dollar», sagt Cullors. Sie steht jetzt an einer Ampel und blickt – an Autogaragen und Taco-Restaurants vorbei – ins Leere. Es ist nicht nur die Gewalt an Häftlingen, die Cullors verzweifeln lässt, ebenso die lächerliche Strafe, die dieser Sheriff erhielt, «während andere für Jahrzehnte verschwinden, nur weil sie zu schnell gefahren sind – und weil sie die falsche Hautfarbe besitzen».

Natürlich habe sie schon daran gedacht, alles hinzuschmeissen und auszuwandern, «denn man will uns hier nicht». Doch wie viele andere Afroamerikaner trage sie zwei Seiten in sich: «Seit sie uns aus Afrika gestohlen und in Ketten gelegt haben, um uns als Sklaven auszubeuten, haben viele von uns den Wunsch, zurückzugehen. Aber Amerika ist eben auch unser Land. Es wurde auf unserem Rücken gebaut.» Dann fährt sie los.

Dreissig Jahre in drei Wörtern

2013 besuchte Patrisse Khan-Cullors gemeinsam mit zwei Freundinnen einen Häftling in einem Gefängnis im Norden Kaliforniens, 900 Kilometer von Los Angeles entfernt. Auf der Rückreise nahmen sie ein Motelzimmer und klappten den Laptop auf. Sie warteten gespannt auf die Urteilsverkündung im Prozess gegen George Zimmerman, den Nachbarschaftswächter einer Siedlung in Florida, der ein Jahr zuvor den schwarzen Teenager Trayvon Martin erschossen hatte.

«Trayvon war einfach nur ein schwarzer Junge auf dem Heimweg. Unterwegs mit einer Dose Arizona-Eistee und einem Päckchen Skittles, die er für seinen kleinen Bruder gekauft hatte», so erzählt Cullors in ihrem Buch. Die drei Frauen sassen auf dem Bett, den Bildschirm vor sich, das Essen schmissen sie in die Mikrowelle. «Ich gehe auf meine Facebook-Seite, weil dort alle updaten, was gerade passiert. Und dann geschieht es», schreibt sie über den Moment, der ihr Leben ein weiteres Mal verändert wird:

«Der Killer wird vom ersten Anklagepunkt freigesprochen. Und dann von allen anderen. Von. Jedem. Einzelnen. Es verschlägt mir den Atem. Das ist unmöglich. Das ergibt doch keinen Sinn. Aber während ich es noch leugne, weiss ich schon, dass es stimmt. Verlegenheit und Scham überwältigen mich. Wie konnte das passieren? Warum konnten wir das nicht verhindern? Und dann beginne ich zu weinen.»

An diesem Abend liest Cullors einen Facebook-Eintrag von Alicia Garza, einer Bekannten, die sie an einer politischen Versammlung kennen gelernt hatte. «Mich überrascht immer noch, wie wenig schwarze Leben zählen», schrieb Garza, worauf Cullors mit einem Satz antwortete, der um die Welt ging: «Black Lives Matter.» Schwarze Leben zählen.

Es war keine gedankenlose Aneinanderreihung von Wörtern, die Cullors in ihren Laptop tippte. Es war keiner dieser unüberlegten Sätze, die man im Gefühlsüberschwang über Social Media in die Welt hinausposaunt, es war vielmehr die Quintessenz ihres Lebens, das mit dem Blick durch die Gitterstäbe bei ihrem Pool in Van Nuys begann. Dreissig Jahre in drei Wörtern: ein amerikanisches Leben.

Cullors tat sich mit Garza zusammen, aus dem berühmten Hashtag wurde bald eine Organisation, «die Amerika veränderte». Viele dachten 2008, mit Barack Obama als Präsidenten habe dieses Land die Rassenfrage hinter sich gebracht, sagt sie, «aber jahrhundertealte Unterdrückung lässt sich nicht einfach abstellen». Black Lives Matter habe auch innerhalb der schwarzen Gemeinschaft viele wach gerüttelt. «Die Afroamerikaner warteten sehnsüchtig auf einen zweiten Martin Luther King. Einen Mann, der spricht wie ein Pastor und ab und zu in den Gospel verfällt, wie Jesse Jackson, und der daran erinnert, dass wir alle eines Tages frei sein werden. Und was haben die Schwarzen in Amerika stattdessen erhalten? Drei Frauen. Jung, stark, laut und lesbisch.»

Der erste Schritt sei getan, sagt Cullors, «wir haben die Missstände aufgezeigt», nun gehe es darum, neue Gesetze zu schaffen, Politiker, Juristen, Bürgermeister auf ihre Seite zu bringen, um die Veränderungen im System zu verankern. «Wenn uns das nicht gelingt, war alles umsonst. Dann waren wir lediglich eine Bürgerrechtsbewegung von vielen.» Jetzt sei der entscheidende Moment.

Trump bezeichnete Black Lives Matter als «Bedrohung». Schadet der Bewegung aber aus einem ganz anderen Grund mehr.

Cullors bleibt vor ihrem ehemaligen Haus stehen, selbst von der Strasse ist der Pool mit dem Gitter zu erkennen. Es ist spät geworden. Einen ganzen Nachmittag dauerte die Reise zurück zu ihren Anfängen als kleines Mädchen – die sie zu dem machten, was sie heute ist. Doch nun klingt sie nachdenklich, als stünde ihr lebenslanger Kampf auf der Kippe.

Donald Trump, der Black Lives Matter als «Bedrohung» bezeichnete, habe in den vergangenen zwei Jahren die ganze mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen, sagt sie leise, niemand spreche mehr über die Gewalt in den Gefängnissen und über den Rassismus, obwohl sich die Situation nicht gebessert habe. «Die Anzahl der zivilen Todesopfer durch Polizeigewalt ist 2017 gestiegen», sagt Cullors, und sie wirkt, vielleicht zum ersten Mal an diesem Nachmittag, ratlos. Man dürfe nicht aufhören, über Rassismus zu reden, «der uns sonst verfolgen wird, bis er uns alle umbringt», sagt sie.

«Dallas hat uns sehr geschadet», sie spricht von den Black-Lives-Matter-Protesten im Sommer 2016, bei denen fünf Polizisten erschossen wurden. «Seitdem nennt uns die Rechte eine Terrororganisation, ‹Fox News› und ‹Breitbart› wollen uns zerstören», sagt Cullors, die keine Kritik an Black Lives Matter duldet – die Organisation, behaupteten diese, rufe zu Gewalt auf und spalte das Land. Sie selbst hat Trump vor einigen Wochen mit Hitler verglichen.

«Das war ein Fehler», gibt sie zu, «ich war zu emotional.» Dann verstummt sie für Augenblicke, bis sie sich schüttelt, weil sie sich keine Schwäche gönnt, weil sie nicht enden will wie ihre Mutter und all die anderen Frauen ihrer Kindheit, die sich unterdrücken liessen, die immer nur schwiegen und das Leben verpassten, während sie auf die Rückkehr ihrer Männer warteten. Die oftmals nicht zurückkehrten. Dann gibt sich Cullors einen Ruck, liest die sieben neuen Nachrichten auf ihrem Handy, startet den Motor, und schon ist sie weg.

Patrisse Khan-Cullors’ Buch «#Black Lives Matter, Eine Geschichte vom Überleben» erscheint am 16. Januar beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

(Das Magazin)

Erstellt: 23.07.2018, 20:36 Uhr

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