Ein Hotel ohne Angestellte

In den Abito-Suites in Leipzig trifft man kaum je Angestellte an. Das ist ungewöhnlich für ein Designhotel. Aber zukunftsweisend.

Zugang, ohne je jemandem begegnet zu sein: Eine individuell gestaltete «Abito-Suite», Fotos: zvg

Zugang, ohne je jemandem begegnet zu sein: Eine individuell gestaltete «Abito-Suite», Fotos: zvg

Mathias Born@thisss

Dies ist wohl das schmuckloseste Entree zu einem Designhotel überhaupt: Die Abito-Suites in Leipzig erreicht man durch einen schmalen, zwischen Geschäften eingeklemmten Durchgang. Verengt wird dieser zusätzlich durch den grauen, an einen Bancomaten erinnernden Kasten an der Wand. «Check-In» steht darauf.

Der Automat soll den Rezeptionisten ersetzen: Bei ihm meldet man sich mit der Nummer an, die man nach der Buchung übers Internet zugeschickt erhalten hat. Das Finanzielle wird mit der Kredit- oder der EC-Karte geregelt. Schliesslich gibt der Automat die Karte aus, mit der sich die Türen des Hotels öffnen lassen. Das Zimmer beeindruckt mit viel italienischem Design: Ein moderner Holztisch mit eleganten Stühlen steht darin, darüber hängt eine verspielte Lampe.

An der Wand neben der Polstergruppe ist ein Fernsehgerät montiert. Vom Bett aus kann man nicht nur fernsehen, sondern auch durch die raumhohen Fenster das Treiben auf einer der wichtigsten Ladenstrassen Leipzigs verfolgen. Und dann ist da noch die golden verspiegelte Küche. Dort steht eine italienische Espressomaschine. Und im Kühlschrank liegen bereits die Zutaten fürs Morgenessen bereit. Das Brot und die gewünschte Zeitung werden dann vors Zimmer geliefert. Denn einen Frühstücksraum gibt es in diesem Hotel nicht.

Mehr Komfort, weniger Service

Die Abito-Suites in Leipzig sind ein Designhotel. Aber ein spezielles: Auf Gemeinschaftsräume wie ein Entree, einen Wellnessbereich oder ein Frühstückslokal wurde verzichtet. Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man während des Aufenthalts keine Angestellten zu Gesicht bekommt. Es sei denn, man hat ein dringendes Anliegen: Dann kontaktiert man per Videoanruf aus dem Gang die Rezeptionisten des Seaside-Park-Hotels. Mitarbeiter dieses Viersternhauses putzen auch die Zimmer, füllen den Kühlschrank und liefern das Brot und die gewünschte Zeitung.

Ausgeheckt hat dieses Konzept Gregor Gerlach, der Geschäftsführer der Kette Seaside Hotels. Ihrem Chef sei ein hoher Komfort und ein schönes Ambiente auf seinen Reisen wichtiger als ein umfangreicher Service, sagt Nadja Gregorec, PR-Managerin bei Seaside Hotels. Dies sollen die Abito-Suites bieten: «Die Übernachtung wird aufs Wesentliche reduziert, um so Fünfsternkomfort zu einem erschwinglichen Preis anbieten zu können.» 125 oder 155 Euro kosten die Zimmer pro Nacht.

Seit bald fünf Jahren gibt es dieses etwas andere Designhotel. «Das Konzept wurde sehr gut angenommen», sagt Gregorec. Gäste jeglichen Alters gingen im Hotel ein und aus. Besonders oft werde es von Geschäftsreisenden und Städtetouristen genutzt. Mittlerweile denke man bei Seaside Hotels darüber nach, ob sich das Konzept auch anderorts umsetzen liesse. «Einen konkreten Standort gibt es aber noch nicht.»

Günstiger mit Automaten

Hotels, bei denen man selber einchecken kann, sind mittlerweile keine Seltenheit mehr: In etlichen Geschäftshotels in Asien erwarten einen Automaten. Auch der französische Hotelkonzern Accor setzt bei den beiden Günstigmarken Ibis Budget und Formule 1 auf automatisiertes Check-in: Man erhält bei der Buchung den Zugangscode zugeschickt, oder man bezieht im Hotel eine Schlüsselkarte.

Eine etwas andere Strategie verfolgt Marriott: Bei diesen Hotels können Stammkunden am Vortag der Anreise per Smartphone einchecken. Sie werden dann benachrichtigt, wenn das Zimmer bereit ist. Den Schlüssel können sie am Expressschalter beziehen. Ähnliche Dienste bieten einige Hyatt- und Starwood-Hotels an. Das erste Hotel in der Schweiz, das auf eine Rezeption verzichtet hat, ist das im Jahr 2009 in einem einstigen Landi-Turm in Waldkirch (St. Gallen) eröffnete Tower-Hotel.

Ohne Lobby kein Stern

Kaum ein Designhotel wählt aber einen solch radikalen Weg wie die Abito-Suites in Leipzig. Vermutlich, weil man in der Branche davon ausgeht, dass Kunden, die viel für eine stimmige Ambiance zu bezahlen bereit sind, auch Wert auf einen persönlichen Empfang legen. Daneben gibts einen anderen Grund: Nur wer Standardkost liefert, kriegt Sterne. Ein Viersternhaus etwa muss eine Rezeption bieten, die 18 Stunden pro Tag besetzt und rund um die Uhr erreichbar ist. Auch eine Lobby mit Sitzgelegenheiten und Getränkeservice sowie eine Hotelbar werden vorausgesetzt. All das fehlt in den Abito-Suites. In einer Zeit, in der Gästekommentare wichtiger werden als Sterne, muss das aber kein Nachteil sein. Infos: www.abito.de

Berner Zeitung

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