Echsen des Schreckens

Gewaltige Trampelspuren, ganze Skelette, Knochen, Zähne: Die Schweiz ist ein Dinosaurierland. Sechs Ausflugstipps.

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Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Deinonychus reckt sich empor, die Vorderfüsse mit den Sichelkrallen bereit zum Angriff, das Riesengebiss gebleckt. Diese Horrorzähne! Gleichwohl wahren das gut sechsjährige Mädchen und seine etwas ältere Schwester ihre Tapferkeit. Vorerst.

Dann will der Vater mit dem Smartphone ein Foto machen. Die Mädchen stellen sich mit dem Rücken zu Deinonychus. Die Ältere wirft einen Blick über die Schulter und ruft: «Vorsicht, Lucie, er bewegt sich! Er will dich fressen!»

Ein Kinderschrei gellt durch den Wald. Lucie heult.

So ist das in Réclère in der äussersten Ajoie im Kanton Jura. Von Protocera­tops über Stegosaurus bis Oviraptor faszinieren und schockieren die nachgebildeten Dinosaurier in Lebensgrösse. Sie sind dem Menschen nie begegnet; man gehört verschiedenen Erdzeitaltern an. Und doch ist die meistgehörte Kinderfrage vor Ort eine bange in eigener Sache: «Papa, war das ein Fleischfresser?»

Der «Préhisto-Parc» ist Teil dessen, was man «Dinosaurierland Schweiz» nennen darf: Es gibt hierzulande eine Fülle von Dinosaurier-Attraktionen. Zum einen Parks à la Réclère mit Showkreaturen, welche die Körperlichkeit eines solchen Tieres anschaulich machen: wie es sich bewegte, stand, aussah. Zum anderen wurden an diversen Stellen im Land Knochen und Zähne, vor allem aber Fussspuren gefunden; einige Orte sind für Besucher zugänglich. Und drittens gibt es Museen mit Skeletten und Spurenabgüssen.

Hier sechs Ausflüge ins Dinosaurierland für Kinder und Erwachsene.


Réclère

Den Préhisto-Parc von Réclère, bis Mitte November offen, erreicht man per Postauto von Pruntrut aus mit einmal Umsteigen. Für den Rundgang braucht man annähernd zwei Stunden, staunendes Verharren und Lesen der Infoschilder inbegriffen; mit einem Kombiticket besucht man gleich noch die Tropfsteingrotten am selben Ort.

Réclère gibt einen ersten Eindruck der Dinosauriervielfalt weltweit. Und eine zeitliche Einordnung. Der Dinosaurier taucht in der Trias auf, 250 bis 200 Millionen Jahre vor unserer Zeit. Das zweite Erdzeitalter mit Dinosauriern ist die anschliessende Jurazeit, vor 200 bis 140 Millionen Jahren; die meisten Funde in unserem Land stammen aus dieser Zeit. Es folgt die Kreidezeit, vor 140 bis 65 Millionen Jahren, an deren Ende die Dinosaurier verschwinden.

Aus der Kreidezeit gibt es in der Schweiz nur einen Fundort, der sich nicht wirklich für einen Ausflug eignet: eine Kalkfluh über dem Vierwaldstättersee bei Beckenried NW mit Spuren von Ornithopoden. Das waren Dinosaurier, die ihre Nahrung kauten. Die meisten Pflanzenfresser unter den Dinosauriern hingegen verschlangen ihre Nahrung unzerkaut. Sie wurde im Magen mithilfe von Bakterien und teilweise auch mit Magensteinen verarbeitet.


Courtedoux

Ausflug zwei spielt ganz in der Nähe von Ausflug eins. Noch einmal Ajoie also. Zwischen Pruntrut und Chevenez, am Weg nach Réclère, fährt das Postauto bei einer Autobahnauffahrt in einen Kreisel. «Chevenez, Paléo Jura» heisst die Haltestelle, ein Schild zeigt den Lehrpfad ­«Jurassica» an. Alles wirkt brandneu, von den Signaltafeln bis zu den frisch begrünten Böschungen.

2002 entdeckte man beim Bau der A 16 auf dem nahen Plateau von Courtedoux, zu dem hinauf der Lehrpfad führt, Dinosaurierspuren. Es war ein Fund von internationaler Bedeutung mit Tausenden Trittsiegeln. Rund 150 Millionen Jahre alt sind sie. Dutzende Fachleute gingen daran, sie zu dokumentieren.

Mittlerweile hat die Autobahn viele der Spuren überdeckt. Der Lehrpfad lenkt zu einem erhaltenen Fundort. Ein Schild beschreibt den Lebensraum der Dinosaurier in der Jurazeit in unserem Raum: Meeresküste. Bahamas-Klima, feuchte Wärme. Inselchen, Schlick­flächen, Sandstriche, Tümpel.

Gut 30 Minuten braucht man bis Schild 18. Dort steht eine Art Partyzelt. Im Innern führt ein Geländeweg einer Grube entlang. Die Spuren im Boden haben einen Durchmesser von gut einem Meter, sind bröselig-trocken und derart plastisch, dass der Puls steigt – sind die Viecher noch hier? Es waren Kolosse. Sauropoden, Langhalsdinosaurier. Pflanzenfressende Vierfüsser, 30 Meter lang und 20 Tonnen schwer. Krallig­-hühnerartig und leicht zu übersehen hingegen die Dreizeher-Spuren von Theropoden. Sie waren viel kleiner, sahen aus wie Vögel und waren Fleischfresser.


La Heutte und Lommiswil

La Heutte BE und Lommiswil SO sind das ganze Jahr über zugänglich. Sie gehören zur selben «Megatracksite», wie die Forscher sagen. Zum gleichen riesigen Strandabschnitt, der sich damals über viele Kilometer zog und uns Heutigen mehrere Fundstellen hergibt.

Zuerst La Heutte im Tal der Schüss unweit von Biel. Der Weg ist von der Bahnstation ausgeschildert, nach 20 Minuten steht man vor einer abgewitterten Kalkwand im Wald. Die erste von zwei Fundstellen zeigt ein Dutzend Sauro­poden-Spuren aus der Jurazeit. Der Clou an La Heutte ist, dass man die Spuren auf Augenhöhe und in Armdistanz hat; man kann die Prähistorie berühren. 300 Meter weiter oben am selben Weg die zweite Fundstelle; auch sie wurde in den 90er-Jahren entdeckt. Wieder ein Sauropode. Und dazu – schlecht sichtbar – die Spuren eines Raubsauriers.

Die Spuren von Lommiswil wiederum erreicht man, indem man in Solothurn das Züglein nach Oberdorf nimmt. Wieder ist der Weg ausgeschildert, ungefähr 30 Minuten braucht man bis zum Steinbruch Steingrueben in einer steilen Kalkwand. Die nackte Felsplatte mit 400 Abdrücken ist Hochhaus-hoch. Die Steinbrucharbeiter meinten auf den ersten Blick, es seien Elefantentritte. Als klar war, dass es Sauropoden-Spuren waren, kamen die Besucher. Manche kraxelten sich in Lebensgefahr.

Heute ist in kurzer Distanz eine Holzterrasse aufgebaut. Aus den Infor­mations­tafeln kann der Besucher lernen, wie es kommt, dass der Flachstrand von einst heute fast senkrecht steht. Und wie eine Spur über 145 Millionen Jahre erhalten bleiben konnte.

Die Sauropoden schritten damals über Kalkschlamm. In der folgenden Trockenphase wuchs eine feste Algenschicht über die Trittsiegel. Sie hielt dem wiederkehrenden Wasser stand. Schicht um Schicht überlagerte Kalkschlamm die fixierte Spur. Der Druck von immer mehr Schlamm führte zur Versteinerung und zum Absinken der Formation. Nach mehr als 100 Millionen Jahren faltete sich das Juragebirge auf, der versunkene Boden wurde in die Höhe gehoben und steil aufgestellt. Durch Verwitterung schwanden die Deckschichten. Dann kamen die Steinbrucharbeiter. Was für ein Naturwunder! Im Naturmuseum Solothurn gibt es übrigens zwei Spurenabgüsse aus Lommiswil, in die Kinder sich gern setzen.


Frick

Die bedeutendste Dinosaurier-Fundstelle der Schweiz ist die von Frick AG. Dort fand man auch ein ganzes Plateosaurus-Skelett – weltweit eine Rarität. Im Sauriermuseum Frick ist es ausgestellt. Plateosaurus war ein Prosauropode, ein Frühsaurier aus der Trias-Zeit. Gut fünf Meter lang, hatte er vergleichsweise dezente Zähnchen, mit denen er Schachtelhalme und Farne rupfte.

Dass in Frick immer wieder Dinosaurierteile zutage treten, hat mit den Tonwerken Keller zu tun. Sie gewinnen aus einer Grube unweit des Bahnhofs das Material für ihre Ziegel. 1961 fand man Knochensplitter. Später sichtete der Bub eines Mitarbeiters grössere Knochenteile. Eine der Geschichten, die sie erzählen: Viele Exemplare des Plateo­saurus starben eines elenden Todes. Sie versanken im Schlamm, konnten sich trotz ihrer Grösse nicht freikämpfen, erstickten. Bisweilen fielen Raubsaurier über sie her. Einer, Liliensternus, verlor beim herzhaften Zubeissen einen Zahn.

Faszinierende Sache. Wenn wir Modernen nun meinen, wir hätten die Dinosaurier-Begeisterung erfunden, täuschen wir uns. Schon die alten Chinesen entdeckten grosse Knochen, wälzten Theorien, mutmassten über eine Verwandtschaft zu Krokodilen. Vor 250 Jahren kreierten die Engländer, mit denen die Forschung der Neuzeit begann, das Wort «Dinosaurier». Der griechische Begriff bedeutet «Schreckens-Echse». Ab 1853 gab es in London im Crystal Palace eine Ausstellung mit Rekonstruktionen. Um 1920 produzierte Hollywood die ersten Monsterfilme mit Dinosauriern.

Und die Schweiz? Immerhin, 1850 entdeckte man in Moutier beim Abbau von Steinen für einen Schulbau 134 Knochen vom Cetiosauriscus. Ein Sauropode. Freilich drang der Fund nicht wirklich ins Bewusstsein der Leute. Die Schweiz war nicht dinosaurierreif.


Aathal

Der bekannteste Dinosaurier-Ort der Schweiz ist das Sauriermuseum Aathal im Zürcher Oberland. Was für ein Ensemble aus Originalskeletten, Abgüssen und Kunststoff-Modellen! Man beschaut sich den Stegosaurus mit seinem Panzerrücken. Den stachligen Gastonia, einen Vogelbeckensaurier, der wider seinen Namen auf allen vieren ging. Und natürlich ist auch T-Rex zu sehen, Schrecken aller Schrecken.

Dass Aathal derart reich dotiert ist, dass hier konserviert und geforscht wird und immer wieder neue Sonderschauen kommen: das Verdienst von Hans-Jakob Siber – einem Mineralienhändler und Fossiliensucher, der in Amerika schürfte und so manches Dinosaurierskelett hob. Er gründete 1992 das Museum in der alten Textilfabrik.

Warum aber starb der Dinosaurier aus? Thomas Bolliger, Paläontologe und Vizedirektor des Museums, führt zwei Vorkommnisse an. Erstens einen Vulkanausbruch. In Westindien gibt es das ­Dekkan-Hochplateau. Basalte, erkaltete Vulkanausflüsse, bedeckten und formten dort eine Fläche von 500 000 Quadrat­kilometern. Vor 65 Millionen Jahren, am Ende der Kreidezeit, spuckte das Vulkansystem Feuer und Asche. Der Himmel verdunkelte sich weltweit. Die Pflanzenwelt kümmerte dahin. Manche Pflanzenfresser verhungerten. Manche Pflanzenfresser-Fresser auch.

Ein zweites Ereignis, ebenfalls von vor 65 Millionen Jahren: In Mexiko ging ein Asteroid oder Komet nieder. Der Chicxulub-Krater mit 180 Kilometern Durchmesser zeugt davon. Als der Himmelskörper auf Yucatan einschlug, wurde alles Leben im Umkreis von 1000 Kilometern ausgelöscht. Und es wurde für Jahrzehnte finster auf Erden.

So weit die Gründe, warum die Dinosaurier verschwunden sein könnten. Was ihr Wiederauftauchen in der Neuzeit angeht, so ist Spezialist Bolliger optimistisch: «Es würde mich nicht wundern, wenn in der Schweiz neue Funde gemacht würden. Vor allem der Jura hat grosses Potenzial. Nicht nur für Tritt­siegel, sondern auch für Knochen.» Mit neuen Überraschungen aus dem Dinosaurierland Schweiz ist zu rechnen.

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