Der etwas andere Maskenball

Degenfechten, das elegante «körperliche Schach», ist anforderungsreich. Und macht von Beginn weg Spass.

Der ganz in Schwarz gekleidete Fechter lanciert mit einem überraschenden Ausfallschritt einen Angriff. Aber der Angriff verpufft ins Leere. Denn sein Gegner, in elegantem Weiss gewandet, pariert mit einem Quart genannten Verteidigungsschlag und geht seinerseits blitzschnell und mit gestrecktem Arm in die Offensive. An der Wand geht ein grünes Licht an. Touché! Die Degenspitze des weissen hat die Brust des schwarzen Fechters getroffen.

Das kleine Gefecht spielt sich in der Trainingshalle des Fechtclubs Bern in der Berner Länggasse ab. Und die beiden Protagonisten auf der Fechtpiste könnten unterschiedlicher nicht sein. Nicht so sehr wegen der Farbe ihrer Fechtbekleidung, sondern wegen ihrer Fechterfahrung. Auf der einen Seite der «schwarze» Gabriel Nielaba, Maître des renommierten Fechtklubs, der diesen Sport seit bald 40 Jahren ausübt. Auf der anderen Seite der «weisse» Journalist, der vor einer knappen Stunde zum ersten Mal in seinem Leben einen Degen in die Hand genommen und sich eine Fechtmaske über den Kopf gezogen hat.

Anforderungsreicher Spass

«Das ist einer der Vorzüge des Degenfechtens», sagt Nielaba etwas später: «Zwar sind die Anforderungen in Sachen Technik, Taktik, Schnelligkeit, Reaktion, Konzentration, Einfühlungsvermögen und Kondition grundsätzlich hoch, aber es macht trotzdem gleich von Beginn weg Spass.» Das sei, erinnert er sich, nicht immer so gewesen: Die ersten zwei Jahre seiner Fechtlaufbahn zum Beispiel habe er selber mehr oder weniger damit verbracht, sich die richtige Beinarbeit beibringen zu lassen. «Natürlich», sagt er, «setzt man nach wie vor grossen Wert auf die Technik, aber es ist für Einsteiger zweifelsohne motivierender, wenn man schon bald einmal mit einem Gegner die Klingen kreuzen kann, statt ‹nur› zu üben, zu üben und nochmals zu üben.» Und so gestaltet Maître Nielaba seine Schnuppertrainings in zwei Phasen: Zuerst übt der gebürtige Pole mit dem Anfänger vor einem grossen Spiegel die richtige Fussstellung und Körperhaltung, wie man sich vor- und rückwärts zu bewegen hat und die Grundbewegungen mit dem Degen korrekt ausübt. Und keine Dreiviertelstunde später steht man bereits für den ersten Kampf bereit. In voller Montur, wohlverstanden: «Schnupperer», sagt Nielaba, «statten wir mit Fechtanzug, Handschuh, Degen und Maske aus. So erfahren sie gleich von Beginn weg, wie sich das Ganze ‹in echt› anfühlt». Es fühlt sich toll und edel an. Zwar gerät man unter der leicht gepolsterten Jacke und der Maske schnell ins Schwitzen. Aber die Sicht durch das Maskengitter ist überraschend gut. Und selbst angesichts der bedrohlich vor einem kreisenden gegnerischen Degenspitze fühlt man sich bei diesem etwas anderen Maskenball sicher. «Grund zur Sorge», meint Nielaba, «besteht ohnehin nicht: Die 90 Zentimeter lange Klinge zum Beispiel ist aus biegsamem, unzerbrechlichem Stahl. Beim Fechten ist das Verletzungsrisiko sehr klein.» Das sei, erklärt er, nicht immer so gewesen: Jahrhundertelang seien gute Fechtqualitäten im Kampf und im Alltag buchstäblich überlebenswichtig gewesen.

«Adliger» Sport

Der heutige Fechtsport entstand in den letzten drei Jahrhunderten aus dem Duellwesen der adeligen Gesellschaft: «Von daher haftet ihm nach wie vor die Marke des Elitären an», sagt Nielaba: «Aber in den letzten Jahrzehnten hat sich das Fechten – wenngleich es nicht gerade Volkssportcharakter hat –?für alle geöffnet. In unserem rund 180 Mitglieder starken Klub zum Beispiel ist keineswegs ‹nur› eine elitäre Oberschicht vertreten.» Vertreten sind zudem alle Altersgruppen, vom knapp 10-jährigen Knirps bis zum über 90-jährigen Senior: «Das ist ein weiterer Vorzug dieses Sports», sagt Nielaba: «Er eignet sich ebenso für ein Kind, das ein wenig seine Musketier-Träume ausleben möchte, wie für eine betagte Person, die etwas zur Erhaltung ihrer Beweglichkeit und Konzentrationsfähigkeit tun will.» Zudem könne man dieses «körperliche Schach», wie Nielaba das Fechten gerne auch nennt, je nach den persönlichen Bedürfnissen als Fitness-, Leistungs- oder Mentalsport ausüben.

Der Vollständigkeit halber: Das eingangs erwähnte kleine Gefecht endete 3:2 für den Maître...

Tages-Anzeiger

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