14'000 Kilometer zu Fuss durch die australische Wüste

Die Schweizerin Sarah Marquis wandert monatelang alleine durch die Wildnis. Ein Gespräch über Gefahren, Glück und ihr wildes Wesen.

«Die ersten Wochen nach dem Start sind hart. Das Problem ist das Gehirn»: Die Abenteuerin Sarah Marquis, 46. Foto: Instagram/explorer_sarahmarquis/Krystle Wright

«Die ersten Wochen nach dem Start sind hart. Das Problem ist das Gehirn»: Die Abenteuerin Sarah Marquis, 46. Foto: Instagram/explorer_sarahmarquis/Krystle Wright

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Sarah Marquis, Sie sagten einmal, dass Sie sich auf Ihren Expeditionen vor allem vor den Menschen fürchten. Warum?
Weil sie unberechenbar sind. In einem Gebiet, das kaum von Menschen bewohnt ist, ist es einfacher, einen Berglöwen oder einen Grizzlybären zu lesen. Menschen sind viel komplexer als Tiere. Ich habe brenzlige Situationen erlebt, beispielsweise in der Mongolei, als mich betrunkene Reiter einzuschüchtern versuchten, indem sie Nacht für Nacht mit ihren Pferden um mein Zelt galoppierten.

Sie sind monatelang allein zu Fuss unterwegs, setzen sich erheblichen Gefahren aus und essen, wenn es sein muss, auch mal Insekten und Geckos. Warum tun Sie sich das an?
Weil mich die Frage, ob ich auf mich alleine gestellt in der Natur überleben könnte, schon immer fasziniert hat. Heute weiss ich, dass es möglich ist, mit sehr wenig zurechtzukommen und dabei einen Zustand des Glücks zu erlangen, den ich in der Zivilisation nicht finde.

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Nur, dass es dabei auch um Leben und Tod geht...
Aus Ihrer Perspektive mag das so erscheinen, doch ich sehe das anders. Der Tod gehört auch in der Zivilisation zum Leben. Ich kann in Lausanne in einem Café die Zeitung lesen, dann stehe ich auf, gehe über die Strasse und werde von einem Laster angefahren. Der Tod lauert überall. Meine Reisen sind akribisch geplant. Mit jedem Schritt, den ich zurücklege, schärfen sich meine Sinne. Ich achte instinktiv auf potenzielle Gefahren, genau wie der Fussgänger in der Stadt instinktiv auf den Verkehr achtet. Und je länger ich unterwegs bin, umso besser lerne ich, die Signale der Natur einzuschätzen. Man legt sich eine Art mentale Werkzeugkiste zu, die immer besser bestückt ist, je länger man unterwegs ist.

«Ich achte instinktiv auf potentielle Gefahren»: Sarah Marquis' Nachtlager in der Wildnis Australiens. Foto: Instagram/explorer_sarahmarquis

Das Glücksgefühl, von dem Sie sprachen – stellt es sich ein, sobald Sie losmarschieren?
Im Gegenteil, die ersten Wochen nach dem Start sind hart. Das Problem ist das Gehirn. Es dreht sich die ganze Zeit um Dinge, die in der Wildnis irrelevant sind. Es redet dir ein, dass du duschen möchtest oder Lust auf einen Cappuccino hast und dieses und jenes vermisst. Erst nach ein paar Monaten beruhigt sich das Gehirn, und ich verwandle mich in dieses wilde Wesen, das auf seine Instinkte hört. Das ist der Moment, in dem ich eins mit der Natur werde und meine Identität als weibliche, kaukasische, katholische Steuerzahlerin verliere. Mein Gefühl für die Vergangenheit und die Zukunft schwindet und ich lebe im Jetzt. Leider hält dieser Zustand nicht sehr lange an. Er kommt und geht.

Und erst nach einer langen Periode des Leidens...
Ja, aber so funktioniert Dualität. Wir alle erleben bessere und schlechtere Zeiten. Das Glück lässt sich nicht konservieren.

Sie möchte auf ihren Reisen hinter die Geheimnisse der Natur und des Lebens kommen: Sarah Marquis. Foto: Instagram/explorer_sarahmarquis

In Australien legten Sie 14'000 Kilometer zu Fuss zurück. Sie zogen einen Handwagen von Sibirien durch Asien und hatten fast drei Jahre kaum Kontakt zu anderen Menschen. Braucht es so viel Anstrengung, um glücklich zu sein?
Nein. Aber es braucht Menschen, die weiter gehen als andere. Besonders junge Leute, die den ersten Schritt in eine Richtung wagen, wo zuvor noch niemand war. Ausserdem glaube ich, dass jeder Mensch eine Mission im Leben haben sollte, für die er alles gibt. Je besser es uns geht, umso schwieriger wird es, diese Mission zu finden, denn der Alltag ist so wahnsinnig bequem und patent eingerichtet. Je weiter wir uns zurücklehnen, umso unzufriedener sind wir. Man muss nicht 14'000 Kilometer zu Fuss gehen, um den Sinn des Lebens zu finden. Man kann seine Kraft zum Beispiel auch in die Familie stecken. Ich habe eine Freundin mit fünf Kindern. Ihre Mission ist es, eine gute Mutter zu sein. Ich bewundere sie dafür.

Was treibt Sie zum Laufen an?
Die Neugierde. Sie hat mich schon immer in die Natur gezogen. Ich wollte bereits als Kind wissen, wie es dort ist, wo vor mir noch kein Mensch war. Meine erste grosse Reise unternahm ich in Australien, wo ich mit dieser endlosen, verrückt anmutenden Weite und Leere und mit einer mir fremden Landschaft in Berührung kam. Ich fühlte mich wie Alice im Wunderland. Dieses Erlebnis hat den Wunsch in mir gefestigt, hinter die Geheimnisse der Natur und des Lebens zu kommen. Und ich wusste, dass mir das nur zu Fuss gelingen würde.

«Ich wurde keine Abenteuerin – ich war schon immer eine»: Sarah Marquis spricht (auf Englisch) über ihre Erfahrungen. Video: Youtube

Wo fühlen Sie sich zuhause?
Überall. Aber die australische Wildnis hat eine ganz besondere Bedeutung für mich. Warum das so ist, habe ich noch nicht herausgefunden.

Und in der Schweiz? Gibt es einen Ort, den Sie besonders mögen?
Glauben Sie es oder nicht, aber ich mag Zermatt!

Ausgerechnet? Es gibt kaum einen touristischeren Ort in den Alpen als Zermatt!
Ja, aber wenn ich an einem neuen Projekt oder Buch arbeite, auf das ich mich konzentrieren muss, ist Zermatt ein idealer Ort für mich. Dort kann ich bei einer Tasse Kaffee meine Arbeit erledigen und gleichzeitig die Berge sehen.

(Annabelle)

Erstellt: 09.11.2018, 17:09 Uhr

Autorin und Abenteuerin

Sarah Marquis stammt aus Montsevelier JU und ist bekannt für ihre Solo-Wanderungen. Zu ihren längsten Touren gehört die Durchquerung der Australischen Wüste. Dabei legte sie 14'000 Kilometer in 17 Monaten zurück.

Sie publizierte mehrere Bücher, darunter «Instinkt – 800 Kilometer zu Fuss durch die Wildnis Australiens» (National Geographic, 2017, 240 S., ca. 24 Franken) und «Allein durch die Wildnis» (National Geographic, 2015, 256 S., ca. 24 Franken).

sarahmarquis.ch

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