«Mit Unhöflichkeit kommen Sie im Leben nicht voran»

Interview

Für Christoph Stokar ist Anstand der Schmierstoff der Gesellschaft. Dennoch nimmt der Knigge-Verfasser Regelverstösse gelassen.

Im Restaurant zeigten die Menschen ihr wahres Ich, sagt Christoph Stokar. (Foto: Sophie Stieger)

Im Restaurant zeigten die Menschen ihr wahres Ich, sagt Christoph Stokar. (Foto: Sophie Stieger)

(Bild: Keystone)

Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Man ist an Silvester mit fünf andern Leuten zum Abendessen bei Bekannten geladen. Nun verspürt man Unlust. Wie sagt man gut ab? Sie müssen hingehen.

Wenn man aber partout nicht will? Sagen Sie nicht die ganze Wahrheit! Suchen Sie etwas! Flunkern Sie ein wenig, wenn es denn sein muss!

Also Halsweh vorschützen? Aber gehen Sie dann nicht an eine andere Party!

Was tun, wenn ein Gastgeber nicht merkt, dass sein Wein Zapfen hat? Machen Sie ihn darauf aufmerksam!

Man bedeutet ihm damit doch, dass er einen unsensiblen Gaumen hat. Formulieren Sie es als Frage: «Du, ich bin nicht sicher, hat der nicht Zapfen?»

Und wenn einem jemand einen Wein schenkt und später nachfragt, darf man sagen: «Er war grässlich!» Nein, nein, nein!

All das zeigt: Höflichkeit heisst herumdrucksen. Sie könnten den Schenker doch fragen, ob der Wein für ihn eine persönliche Erinnerung trägt oder was er an dem Wein speziell findet. Ihm blank ins Gesicht zu sagen, dass der Tropfen grauenhaft war, ist brüsk. Etwas Lüge muss sein.

Was, wenn man das Weihnachtsgeschenk der Gotte, eine Vase, hasst? Lagern Sie die Vase im Keller und stellen Sie sie nur auf, wenn die Gotte kommt.

Erstaunlich, wie wir permanent die Wahrheit maskieren sollen. Unhöflich zu sein, ist so furchtbar ineffizient. Sie kommen damit im Leben nicht voran.

Hatten Sie nie Lust, im Restaurant den Typ, der weisse Handschuhe trägt und das Brötchen mit dem Zänglein serviert, zu würgen? Mir ging es früher so in Hotels mit deutschen Mitarbeitern. Etwa, wenn sich einer an der Réception fast auf den Boden schmiss vor Unterwürfigkeit und fragte: «Hatten Sie eine schöne Anreise?» Prinzipiell rate ich: Ist Ihnen in der Luxuswelt nicht wohl, so meiden Sie sie.

Sehen Sie sich als Benimmpapst? Als Ratgeber, der Ihnen zu mehr Freiheit durch Kompetenz verhilft. Sie können zwar zu Prada gehen und einen schönen Tschopen kaufen. Am Restauranttisch kommt aber schnell heraus, wer Sie wirklich sind und wie Sie geprägt sind.

Ihr Buch rät, im Zweifelsfall das Gegenüber zu spiegeln. Setzt sich der Chef, setzt man sich auch. Oder Sie nehmen Mass an jemandem, der sich auskennt.

Was, wenn das Vorbild eine Regel verletzt und zum Beispiel das Brötchen schneidet, statt es zu brechen? Macht man das auch nach? Eher nicht. Vielleicht will die Person Sie testen. Wenn Sie Kundenberater einer grossen Bank werden wollen und der Personalchef Sie zum Essen einlädt, kann das schon passieren.

Beim Brötchen gibt es das Problem mit dem Gebissabdruck, wenn man hineinbeisst. Das sieht peinlich aus nach Hannibal Lecter. Um Gottes willen. Sie müssen das Brötchen in mundgerechte Stücke brechen.

Wieso hat es eigentlich Zahnstocher auf dem Tisch, wenn man sie gemäss Ihnen doch nicht brauchen darf ? Keine Ahnung. Und bitte stochern Sie auch nicht hinter vorgehaltener Hand, sonst signalisieren Sie: Achtung, hier gibt es ein Problem. Wenn die Stocherei sein muss, gehen Sie halt kurz aufs WC!

Ein Freund sagt eine halbe Stunde vor dem Fondue, er habe Halsweh und bekomme eine Grippe. Wie bringt man ihm bei, dass man ihn nicht im Caquelon will? Sie werden doch nicht gleich krank! Seien Sie nicht so neurotisch, essen Sie!

Nächste quälende Frage: Grüsse ich auf dem Sessellift den Sitznachbarn? Sagen Sie Grüezi und etwas zum Wetter. Das dürfen Sie auch, wenn ein 20-jähriges Girl neben Ihnen sitzt. Sie können doch mit einer jüngeren Frau reden, ohne gleich zu sabbern, oder?

Sie haben einen Knigge speziell für Schweizer geschrieben. Sind wir so anders als etwa die Deutschen? Nur schon unsere Sprache ist viel höflicher. Wir brauchen den Konjunktiv: «Dürfte ich bitte einen Kaffee haben?» In Deutschland heisst es: «Einen Kaffee bitte!» Wir funktionieren auch nicht so hierarchisch. Wir sind eine Willensnation und wünschen uns eine Gesellschaft im Gleichgewicht. Was die Harmonie stört, mögen wir nicht. In Deutschland biedert sich der Chef gegen oben an und tritt gegen unten. Bei uns bleibt die Kavallerie unter allen Umständen in der Kaserne.

Stört Sie ein Miniloch in der Jeans? Nein. Aber Jeans sind ein Riesenthema, speziell bei alternden Männern. Die Jeans sitzt meist zu hoch, ist schlecht geschnitten oder ausgewaschen. Etwas Eleganz könnte nicht schaden. Gerade Journalisten sind oft ein wenig verkommen. Und Lehrer – wenn diese ein Autoritätsproblem haben, liegt das auch an ihren Kleidern. Im Juni war ich an der Maturfeier meiner Tochter. Der Rektor trug Anzug, ein Lehrer einen Tschopen, der Rest der Lehrer kam in Hemd und Hosen. Von den männlichen Maturanden aber trugen viele einen Anzug. Sie waren besser gekleidet als ihre Lehrer.

Der Anstand kommt zurück, nachdem ihn die 68er beseitigen wollten. Meine Generation ist antiautoritär geprägt. Ich musste über 40 Jahre alt werden, um einen Smoking zu besitzen. Der Freund meiner Tochter ist um die 20 und hat drei, vier Anzüge und einen Smoking.

Sie raten dem Mann, im Restaurant vom Tisch aufzustehen, wenn die Frau aufsteht, weil sie auf die Toilette muss. Das ist antiquiert. Zelebrieren Sie es als Spiel! Ich musste mir deswegen noch nie eine blöde Bemerkung anhören.

Der Marxist sagt: Benimmregeln zementieren die Klassengesellschaft. Anstand ist das Schmiermittel der Gesellschaft. Das gilt auch im Privaten. Begegnen Sie Ihrer Frau auch nach zwanzig Jahren nett, aufmerksam, höflich! Schlurfen Sie nicht in den Adiletten zum Frühstück an!

Muss man mit der dicken, behaarten Wampe des Bürokollegen leben, die unter dem knappen T-Shirt hervorquillt? Das ist optische Aggression. Ich würde von einer ästhetischen Herausforderung reden. An ihr müssen Sie wachsen. Reiben Sie sich nicht auf am Leben, bleiben Sie offen!

Meinen Sie das im Ernst? Wir waren in der Pizzeria. Der Mann neben uns trug teure Schuhe, ass aber schrecklich, er hatte den Kopf fast im Teller. Ich sagte zur Tochter: «Schau mal, grässlich!» «Sag bitte nichts», sagte sie. «Sicher nöd», sagte ich.

Muss man spuckende Secondos als Kulturimport akzeptieren? Der Höfliche schweigt und geniesst. Können Sie das nicht, ignorieren Sie es.

Ein elektronischer Brief ist auch ein Brief. Darf man in aller Höflichkeit per Mail kondolieren? Nein! Handschrift zeugt von Aufwand und Gefühl. Die Bedeutung derselben Worte ist je nach Medium anders. Ihr Wort wiegt im Internet auch weniger als gedruckt im ersten Tagi-Bund.

Das Digitale verändert alles. Brauchen wir einen Handy-Knigge? Bei Ihnen hat es eben laut gepiepst. Sie haben Ihr iPhone nicht ausgeschaltet! Aber gerade zum Thema Handy schrieb ich ironisch. Ich mag keine Verbote.

Reden Sie eigentlich im Namen der Bürgerlichkeit? Der Businessclass? Der schweigenden Mehrheit? Als betroffener Bürger. Ich machte übrigens Feldstudien. Normalerweise fahre ich mit dem Velo ins Büro. Als ich aber am Knigge arbeitete, nahm ich den Bus und das Tram und beobachtete.

Kebab-Fresser, Laut-Telefonierer, Rumhuster: Das war sicher übel. Mit Ausnahme Junger, die für eine Schwangere und für alte Leute nicht aufstanden, sah ich viel Herzlichkeit und nette Gesten. Prinzipiell sollte Höflichkeit nicht aufgesetzt sein. Trainieren Sie nicht das Lächeln, sondern das Herz!

Wie viele Prozent der Bevölkerung sind gegen Ihre Tipps resistent? Das Buch läuft sehr gut, die Leute scheinen also interessiert. Ich will kein Besserwisser sein. Die deutschen Ratgeberbücher halten Sie nicht aus. Ich hätte jedes an die Wand geknallt, wenn ich es nicht hätte lesen müssen. Dieser Dringlichkeitston, dieses Getue, als ginge es um Leben und Tod!

Sind Ihre Töchter Anstandsbolzen? Wir haben einen normalen Umgang. Jeder ist fehlbar, auch ich. Viele Jahre ging ich in Jeans ins Schauspielhaus. Heute finde ich, das schönste Bild gibt ein Mann ab, wenn er einen Anzug trägt. Mode ist eine mächtige Sprache, auch wenn unsere Generation dazu neigt, sie als Schein zu verachten.

Die Intellektuellen finden, Argumente zählten. Inhalte und nicht die Form – Geist statt Gockelei. Unterschätzen Sie das Nonverbale nicht. Worte machen 10 Prozent der Kommunikation aus, Form, Auftreten, Benehmen aber 90 Prozent.

Hat sich Ihr Interviewer in der letzten Stunde anständig betragen? Ja. Bloss – diese letzte Frage stellten Sie mit verschränkten Armen. Das zeigt, dass Sie keine Kritik hören wollen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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