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PapablogLasst uns über beschissene Väter reden

Eine unliebsame Begegnung auf dem Spielplatz zeigt, dass wir offenbar häufiger über Vaterschaft, Verantwortung und Respekt diskutieren sollten.

Schluss mit «Heulsuse»-Sprüchen! Jungs mit vorgeblich weiblichen Eigenschaften klein zu machen, gehört verboten.
Schluss mit «Heulsuse»-Sprüchen! Jungs mit vorgeblich weiblichen Eigenschaften klein zu machen, gehört verboten.
Foto: Getty Images

Die beiden Väter, die neben mir mit ihren Kindern spielen, sind mir auf Anhieb sympathisch. Der eine sieht aus, als wollte er jemandem dringend ins Gesicht brüllen, während er unermüdlich die Sandkuchen seiner beiden Kinder verkostet. Der andere fletscht die Zähne, während er ab und an einen Blick auf sein schaukelndes Kind wirft. Ich nehme an, auch ich wirke sympathisch auf die beiden. Während meine beiden Jüngsten mit ihren Laufrädern um den Sandkasten flitzen, kämpfe ich wie schon so oft in meinem Leben die Gewaltimpulse meiner Jugend nieder. Und wenn mein Gesicht meine innere Stimmung auch nur annähernd widerspiegelt, dann muss es mörderisch aussehen. Mit anderen Worten: Ich habe das dringende Gefühl, jemandem auf die Fresse hauen zu müssen. Ich hasse dieses Gefühl. Es hat etwas mit Kontrollverlust und Scheitern zu tun, aber es ist eben da und ich muss damit zurecht kommen. Immerhin bin ich damit offenbar in ziemlich guter Gesellschaft.

Der Grund dafür ist jemand. Der Grund dafür ist er. Er hat seinen Sohn in der letzten Stunde zweimal als «Heulsuse» und einmal als «Muschi» bezeichnet. Einmal hat er seinen Kleinen aufgefordert, sich mit anderen Kindern um ein Spielzeug zu raufen und ein paar Mal nicht kommentiert, dass sein Sohn andere mit Sand beworfen hat. Mittlerweile erklärt er der anscheinend von ihm getrennt lebenden Mutter, die gerade angekommen ist, um ihren Sohn abzuholen, dass «das alles ihre Schuld sei», er «ihn hier stundenlang betreut» und «sie schon sehen wird, was sie davon hat». Das alles vor den Augen und Ohren des Kleinen.

Fletschzone und Zähneknirschen

Inzwischen pulsiert eine gut sichtbare Ader auf der Stirn des glatzköpfigen Vaters neben mir und der andere hat die Fletschzone verlassen und knirscht schwer atmend mit den Zähnen. Ich will lieber nicht wissen, wie ich aussehe. Ich kenne mich in solchen Situationen. Aber ich hatte noch nie die Gelegenheit, andere Väter dabei zu beobachten, wie sie in ihrem Inneren aus demselben Grund ähnliche Kämpfe ausfechten. Nennen wir die Dinge beim Namen: Es geht um einen beschissenen Vater. Und das ist in vielerlei Hinsicht ein Problem.

Das fängt bei der Einschätzung an: Wer bin ich, wer sind wir eigentlich, über diesen Vater zu urteilen, dessen Vaterschaft wir da gerade einmal ausschnitthaft am Rande mitbekommen haben, vielleicht an einem besonders ätzenden Tag oder in einer sehr stressigen Situation? Und wer sagt denn, dass ich beim nächsten Spielplatzbesuch, bei dem ich aus irgendwelchen Gründen aus der Haut fahre oder mich als eher mieser Vater ausweise, nicht die gleichen Blicke kassiere wie dieser Typ? Überhaupt ist dieses Bewerten der Elternschaft von anderen Leuten und dieses heimliche oder offene sich darüber Erheben wirklich nicht der netteste Charakterzug und eine Anleitung zur Selbstgefälligkeit: «Guck mal, was DER da macht. Schau mal, wie DIE mit ihrem Kind spricht». Das sind die Überlegungen, die dazu führen, warum ich und die anderen beiden Männer stumm mit uns ringen, anstatt dazwischen zu gehen. Es gibt keine offene Gewalt und man kann Dinge schnell missverstehen und sich selbst deutlich zu viel herausnehmen.

Männer, die Vaterschaft zu einem schlechten Witz machen

Allerdings gibt es ein Aber. Ein ziemlich grosses Aber, um genau zu sein: Soll es das wirklich gewesen sein? Soll ich, sollen wir jetzt ernsthaft aus Sorge davor, jemanden zu Unrecht zu verurteilen oder (wenn auch nur gedanklich) ungebührlich zu nahe zu treten, nicht mehr sagen, was ist? Da bin ich der Falsche für. In meiner Welt ist es immer falsch, deinen Sohn als «Heulsuse» oder «Muschi» abzuwerten – egal wie schlecht dein Tag war. In meiner Welt gibt es viel zu viele Wochenendpapis, die sich nicht an Verabredungen halten, sich wer weiss wie grosszügig vorkommen, weil sie mit ihren Kindern mal ein bisschen Zeit verbringen und es der Mutter in die Schuhe schieben, wenn die Kinder auf den Mix aus Ablehnung, Nähe, Unzuverlässigkeit und Streitereien mit Wut, Angst oder Trauer reagieren. Die die Kinder von ihrer Mutter abholen lassen, obwohl das nicht verabredet war oder die neue Freundin «spontan» mit in den mit den Kindern geplanten Urlaub nehmen, obwohl davon vorher keine Rede war. Die wirklich glauben, dass man ihnen Steine in den Weg legt, weil die eine «Ich möchte mein Kind sehen»-Situation zwischen all den unzähligen «Och, passt gerade nicht»-Momenten vielleicht nicht ganz so reibungslos verläuft.

Der Typ lässt gerade alle Väter scheisse aussehen, die sich jeden Tag auf ihre Weise reinhängen, um für ihre Kinder da zu sein. Ob nun Trennungsväter oder verheirateter Kleinfamilienvater. Er zeigt keinen Respekt vor seinem Sohn und keinen Respekt vor der Mutter seines Kindes. Mir egal, wie das sonst bei ihm läuft. Ich bin sauer auf ihn und die beiden Väter neben mir offenbar auch. Sauer, weil Männer wie er aus Vaterschaft immer noch einen schlechten Witz machen. Sauer, weil mit Jungen immer noch so umgegangen wird und man vorgeblich weibliche Eigenschaften benutzt, um sie abzuwerten, klein zu machen und zu verletzen. Sauer auch, weil es viel zu oft die Mütter sind, die sich der Situation eben nicht entziehen, Präsenz zeigen und viel zu viel schlucken müssen, damit die Kinder nicht leiden. Und Männer so nicht zuletzt eine Situation herstellen, in der grundsätzlich davon ausgegangen wird, dass es immer genau so ist, und es damit Trennungsvätern erschweren, die sich mehr einbringen wollen und können. Weil der auf seine Pflichten scheisst, wird es anderen schwerer gemacht, zu ihrem Recht im Umgang mit ihren Kindern zu kommen.

Darüber müssen wir sehr viel häufiger reden. Über Vaterschaft. Über Verantwortung, Liebe, Trennungen, Patchwork und Respekt. Ich glaub, ich fang mal mit den beiden Vätern neben mir an. Die sehen nach guten Gesprächspartnern aus.

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