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AusstellungLass uns über den Tod sprechen

Der Berner Regisseur Mats Staub lässt Menschen über ihre Erfahrungen mit Geburt und Tod sprechen. 76 Gespräche hat er inzwischen gefilmt. Sie sind nun im Museum für Kommunikation zu sehen.

«Die Erfahrung verbindet», sagt der Berner Regisseur Mats Staub.
«Die Erfahrung verbindet», sagt der Berner Regisseur Mats Staub.
Foto: Raphael Moser

Mats Staub stand auf dem Dach eines Museums in Johannesburg, als er die Liste anfertigte: Er notierte die Tode aller Menschen, die er gekannt hatte. Als er die Namen betrachtete, konstatierte er, dass eine zweite Liste hermüsse, eine mit Geburten – denn irgendwie gehörten Tod und Geburt eben zusammen.

Erst kurz zuvor war Staubs Bruder überraschend gestorben. Und obwohl die Liste mit den Toden von Angehörigen auch ohne dessen Namen beachtlich lang gewesen wäre, war dieser Tod nochmals anders. Einschneidender. Persönlicher. Und er zog die Frage mit sich: Wie spricht man über ein solch schweres Thema? «So schwierig ist es dann eben doch nicht», sagt Staub heute. Ihm hatte dies damals das Gespräch mit einer Freundin gezeigt. Sie hatte einfach zugehört, und plötzlich sei er ins Erzählen gekommen, habe kaum aufhören können – obwohl er eigentlich eher der Zuhörer sei und lieber andere erzählen lasse. Staub fragte sich: «Warum führen wir nicht öfter solche Gespräche? Gespräche, die so gut sind, dass man nicht genug davon bekommen kann?»

Der Tod des Bruders, die Erkenntnis, dass gute Gespräche zu rar sind, die Liste auf dem Dach – sie markierten den Anfang für Staubs neues Projekt, «Death and Birth in My Life» (auf Deutsch «Tod und Geburt in meinem Leben»). Ab heute sind acht dieser Gespräche als filmische Installation im Museum für Kommunikation zu sehen. Jeweils zwei Personen sprechen über ihre persönlichen Erfahrungen mit Tod und Geburt. Während eine Person erzählt, hört das Gegenüber kommentarlos zu. Es muss nicht nachfragen, nicht unterbrechen, nicht kommentieren. Die Museumsbesucher und -besucherinnen sitzen in Halbkreisen um zwei Bildschirme, auf denen die Sprechenden zu sehen sind. «Ich wollte diese Lagerfeuerstimmung erzeugen», sagt Staub, «bei der man im Kreis zusammensitzt und einer Person zuhört, die erzählt.» Staub hat ein Gespür für Inszenierungen: Diesen August hat ihn das Bundesamt für Kultur mit dem Schweizer Theaterpreis ausgezeichnet.

Intimität und Distanz zugleich: Als Publikum blickt man in die persönlichsten Momente fremder Leben, fühlt mit – bleibt aber im dunklen Ausstellungsraum und mit Kopfhörern trotzdem in seinem Kokon.
Intimität und Distanz zugleich: Als Publikum blickt man in die persönlichsten Momente fremder Leben, fühlt mit – bleibt aber im dunklen Ausstellungsraum und mit Kopfhörern trotzdem in seinem Kokon.
Foto: Raphael Moser

Entstanden sind einstündige Filme. Staub betont, dass man sich, anders als bei Videoportalen, nicht durch seine Filme klicken kann, sondern ähnlich wie im Kino einen ganzen Film zu Ende schauen soll. Die Gespräche beginnen bei der eigenen Geburt – und damit automatisch mit einem Stück Familiengeschichte. Dabei fällt auf, wie viel manche Menschen erlebt haben. Und wie gut sie erzählen können, wenn man sie denn einmal lässt.

Da sind beispielsweise Donna und Cath, zwei Krankenschwestern aus Manchester. Die beiden sind Arbeitskolleginnen, näher kannten sie sich nicht. Vermittelt wurden sie Staub von dem Krankenhaus, in dem die beiden arbeiten. Donna und Cath entdecken überraschend viele Parallelen in ihren Lebensgeschichten: Sie beide sind die Kinder junger Eltern, Donnas Mutter war 17-jährig, als sie ihre erstes Kind gebar, Caths Mutter Anfang zwanzig. Beide Frauen haben spät nochmals jüngere Geschwister bekommen – Donna erlebte die beiden Totgeburten ihrer Mutter als Teenager mit.

Irgendwie hängen Geburt und Tod zusammen

Es ist das erste Mal im Gespräch, dass sich Staubs These mit Wucht bestätigt: Tod und Geburt hängen irgendwie zusammen. Donna erinnert sich, wie sie die toten Babys besucht hat, an das Schweigen der Familie, die Wut ihres Vaters auf alle und jeden. Donnas Eltern bekommen schliesslich doch nochmals Kinder – eine Tochter und einen Sohn. Eines der Kinder kommt am Tag von Donnas Verlobung zur Welt, sie ist inzwischen 20.

Die Gespräche entwickeln einen eigentümlichen Sog. Obwohl man die Erzählerinnen und Erzähler nicht kennt, kann man kaum aufhören, ihnen zuzuhören. Und obwohl ihre Leben nichts mit dem eigenen zu tun haben, fühlt man mit. Beiden Sprechenden blickt man frontal in die Gesichter, dabei spiegelt die Miene der zuhörenden Person immer wieder eigene Gefühle. Es entsteht eine Mischung aus Intimität und Distanz, aus Mitgefühl und Zurückgezogenheit – schliesslich sitzt man als Zuschauerin nach wie vor im dunklen Ausstellungsraum, die Kopfhörer auf den Ohren, das Gesicht hinter der Maske verborgen.

Etwas unruhiger gestaltet sich das Zuhören, wenn die Untertitel gelesen werden müssen. Schliesslich gibt es da ja noch die beiden Gesichter, von denen man den Blick eigentlich gar nicht abwenden mag. Jedoch sind Gespräche in Deutsch, Französisch oder Englisch zu sehen – wer sich nicht auf Untertitel konzentrieren möchte, kann sich also im Programm Filme in entsprechender Sprache aussuchen.

Eintauchen in das Leben anderer

Natürlich hätte man die Phänomene Tod und Geburt auch abstrakter abhandeln können, man hätte das Thema empirisch oder philosophisch umreissen oder von möglichst vielen Seiten beleuchten können, so wie es das Stapferhaus Lenzburg seit einigen Jahren viel gelobt immer wieder tut. Staub wählt mit seinem Fokus auf die persönliche Erfahrung den intimsten Rahmen überhaupt – und überzeugt damit auf ganzer Linie. Seine Installation bietet Raum, in das Leben anderer einzutauchen und zugleich über sich selbst nachzudenken.

Staub hat inzwischen 76 Gespräche aufgezeichnet. Manche der Protagonistinnen kannten sich, andere trafen sich zum ersten Mal. Was haben diese Erfahrungen – die ja persönlicher nicht sein könnten – schliesslich gemein? Staub überlegt. «Ein Teilnehmer des Projekts hat gesagt, wenn man eine nahestehende Person verliere, dann werde man Bürger eines anderen Landes.» Seit sein Bruder gestorben sei, kenne er dieses Land ebenfalls. «Die Erfahrung verbindet – selbst wenn sie sich für jemand anderen völlig anders anfühlt als für mich.»

«Death and Birth in My Life» ist vom 16. Oktober bis zum 6. Dezember 2020 im Museum für Kommunikation zu sehen. Der Spielplan der Filme ist online einsehbar.