Lang lebe die Langeweile – oder doch nicht?

Januarloch-Kalender:

Der lange und trübe Januar ist ideal dafür, sich mal wieder zu langweilen. Doch das süsse Nichtstun finden einige eher bitter. Ein Pro und Kontra zur Langeweile.

Ist Ablenkung Fluch oder Segen? Ist Sich-zu-Langweilen gar ein subversiver Akt oder einfach nur sinnlos?

Ist Ablenkung Fluch oder Segen? Ist Sich-zu-Langweilen gar ein subversiver Akt oder einfach nur sinnlos?

(Bild: Getty Images)

Ja

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass in einer einzigen Ausgabe der «New York Times» so viele Informationen erhalten sind, wie ein Bauer im Mittelalter in einem ganzen Leben aufgenommen hat. Mein erster Gedanke dazu war: Wow, wie still muss es im Kopf des Bauern gewesen sein und wie laut es doch heute ist. Es ist so laut, dass wir gar nicht mehr zuhören. Einander nicht und uns selber auch nicht.

Gerade in unseren Breitengraden steht der Mensch unter audiovisueller Dauerberieselung. Eine Flut von Informationen überschwemmt ihn, sobald er die Augen aufmacht. Alles ist auf Ablenkung getrimmt. Von TV über Netflix und Smartphones bis hin zu den sozialen Medien. Inzwischen wird man sogar in Bussen via kleine Bildschirme über die allgemeine Newslage informiert.

Mal ehrlich, gibt es jemanden, der sich das gewünscht hat, froh ist, dass er auch auf seiner Busfahrt stets auf dem neusten Stand ist? Ich kann mir das nicht vorstellen. Ich vermute aber, dass solche Auswüchse mit einer spezifischen Angst zu tun haben; mit der Angst vor Langeweile. Und ist sie nicht auch gleich der eigentliche Treibstoff, der diese Konsum-Maschine am Laufen hält?

Sich bewusst zu langweilen, kann also sogar einen subversiven Charakter haben. Schon der Philosoph Blaise Pascal (1623–1662) hat festgestellt, dass das ganze Unglück der Menschen allein daher rühre, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermöchten. Auch ausserhalb gesellschaftskritischer Positionen kann Langweile ein Segen sein. Natürlich, sie braucht Übung. Der Mensch tut sich schwer damit, einfach in seinem Zimmer zu sitzen und nichts zu tun – auch ich. Es braucht immer eine Weile, bis der auf Ablenkung trainierte Kopf ruhiger wird.

Dann aber passiert etwas. Man beginnt zuzuhören. Es gibt da eine Stimme im Innern. Sie gehört der eignen Fantasie. Sie erzählt einem Geschichten aus dem ganz persönlichen Leben, das sonst niemanden etwas angehen muss. Sie erzählt von verborgenen Erinnerungen, von Träumen, Hoffnungen, von den Dingen, die man sich nur selber geben kann und die es nirgends zu kaufen gibt.

Sich zu langweilen, ist wie ein Gang durchs eigene Archiv, wo Verstaubtes herumliegt, Vergessenes wiederentdeckt werden kann. Einfach mal nichts zu tun, setzt Kräfte frei, ermöglicht neue Ideen, andere Gedankengänge ausserhalb der gleichgeschalteten Berieselung. Langweile aktiviert die Kreativität und hilft, Knoten oder gar sich selber zu entwirren.

Klar, es kann auch sein, dass gar nichts passiert, dass man sich wirklich nur langweilt. Dann ist es immerhin erholsam und entschleunigend und ein gutes Gefühl noch dazu, der rotierenden Maschine mal den Stinkefinger zu zeigen und einfach nichts zu tun. Sich langweilen ist wie meditieren, nur besser. Man muss nämlich nichts dafür tun. Wirklich nichts.

Nein

Erinnern Sie sich noch an die endlos langen Sonntagnachmittage als Kind? Die Eltern wollten sich von der anstrengenden Woche erholen, und ein Gspändli durfte man am heiligen Tag nicht anrufen. So sass man vor sich hin, las, malte, ass einen Apfel, stritt mit dem Bruder oder der Schwester. Wenn man den Eltern mit seinem Jammern genug auf die Nerven gegangen war, sagten sie irgendwann: «Dann überleg dir doch, was du machen könntest. Aus der Langeweile entstehen manchmal die spannendsten Ideen.»

Was für ein Humbug! Ich kann mich nicht erinnern, jemals aus der Not heraus eine Beschäftigung gefunden zu haben, die mehr war als Mittel zum Zweck: Zeit totzuschlagen, bis endlich wieder etwas Spannenderes anstand.

Tatsache ist doch: Langeweile ist ein Energiefresser. Je länger sie andauert, desto schlapper wird man. Schliesslich ist man so erledigt, dass es unmöglich scheint, jemals wieder vom Sofa aufzustehen und den Fernseher auszuschalten. So ging es einem schon als Kind, und genau so fühlt es sich noch heute als Erwachsener an.

Der einzige Unterschied besteht darin, dass man sich als Erwachsener deutlich seltener langweilt. Das liegt einerseits daran, dass es immer so viel zu tun gibt (Wäsche, Rechnungen zahlen, Geburtstagsgratulationen verschicken), andererseits hat man mehr Möglichkeiten, sich sinnvolle Beschäftigungen zu suchen. Und falls einem partout nichts einfällt: Die meisten Volljährigen in der Schweiz besitzen ein Smartphone. Wer also an der Bushaltestelle steht und zehn Minuten warten muss, der zückt sein Handy und tippt ein wenig darauf herum.

Okay, ich weiss, was Sie jetzt denken: Heute hält niemand mehr das Innehalten aus. Aber war es früher denn so viel besser, als man an der Haltestelle vor sich hin gestarrt und gelitten hat? Die Kälte kroch einem in die Kleider, man spürte jeden Windstoss, der Schneeregen schnitt ins Gesicht. Was genau ist daran besser, als wenn man sich mit lustigen Katzenvideos ablenkt?

Ich weiss nicht, woher die Illusion kommt, Langeweile sei ein Gewinn. Es ist doch so: Die meisten Menschen fühlen sich am wohlsten, wenn sie weder gehetzt sind noch von einer bleischweren Leere niedergedrückt werden. In den Augenblicken, in denen man entscheiden kann, was man mit den nächsten Stunden anstellen möchte, kommen einem plötzlich die Ideen: Man wollte doch schon lange mal Linedancing ausprobieren, oder wo steckt jetzt schon wieder das Schnittmuster für die Tasche, die man seit Ewigkeiten nähen möchte?

Jetzt meldet man sich für den Kurs an, jetzt holt man die Nähmaschine hervor. Dann fliesst die Kreativität plötzlich. Mit Langeweile hat das aber überhaupt nichts zu tun. Nur mit unverplanter Zeit. Und die fühlt sich grossartig an.

Berner Zeitung

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