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Theater am Käfigturm«Lachen kann man auch unter der Maske»

Linda Trachsel will das schlummernde Theater am Berner Käfigturm wachküssen, sie ergänzt die bisherige Leitung. Und diese zeigt sich offen. Weil sie muss.

Linda Trachsel (links) mit Madeleine Wyder Morgenegg und Adrian Morgenegg auf der vergrösserten Bühne im Theater am Käfigturm.
Linda Trachsel (links) mit Madeleine Wyder Morgenegg und Adrian Morgenegg auf der vergrösserten Bühne im Theater am Käfigturm.
Foto: Franziska Rothenbühler

Das Theater am Käfigturm in Bern hat keine Fassade, und böse Zungen würden behaupten, ihm fehle auch das Gesicht. Seit 1967 ist die Bühne im Untergrund des Karl-Schenk-Hauses beheimatet. Die gelbe Leuchtschrift ist in der Spitalgasse eine unter vielen. Obwohl sie, nur einen ambitionierten Steinwurf vom Bahnhof entfernt, an privilegierter Lage liegt, muss die Bühne immer wieder entdeckt werden.

Wer die geschwungene Treppe in den Untergrund nimmt, findet ein Juwel. Den guten alten Theatersaal, davor den Kassenschalter und darin Stoffsessel und einen Anflug von Nostalgie. Doch wofür steht es eigentlich, das Theater am Käfigturm?

Frischer Wind gegen den Staub

«Das Theater steht für gute Unterhaltung in allen Facetten», sagt Linda Trachsel. Als Kabarettistin, Regisseurin und Produktionsleiterin kennt sie die Bühne seit Jahren, und seit diesem Jahr ist die 33-Jährige Teil der Theaterleitung. Sie steht für den frischen Wind, der durch das Theater wehen soll, um der Staubbildung entgegenzuwirken.

Linda Trachsel ergänzt den langjährigen Theaterchef Adrian Morgenegg und dessen Frau Madeleine Wyder Morgenegg und soll den Weg in die Zukunft weisen. Weiterhin soll ein breite Palette an Produktionen darin Platz haben. Von Stand-up-Comedy über Kabarett und Laientheater bis Weihnachtsmärchen für die Familie und Tanz. Gut 300 Plätze fasst das Haus. Das schliesst eine Konzentration auf eine einzige Sparte aus: Dieses Haus muss man erst einmal füllen.

«Ich mochte dieses Theater immer, aber fand, dass man mehr herausholen kann», sagt Trachsel. Vor einem Jahr ging sie auf die Morgeneggs zu und bot ihre Mithilfe an. Und jetzt ist sie seit ein paar Monaten mit an Bord. Im frisch entrümpelten Backstagebereich des Theaters gibt das Trio Auskunft.

Nachdem bereits in den letzten zwei Jahren die Sessel mit neuem Überzug versehen worden waren, hat das Team in der Corona-Pause die Bühne vergrössert und den Publikumsbereich aufgefrischt. Es will aber nicht bloss sanft renovieren, sondern das Kellertheater sichtbarer machen. «Der Eindruck eines verstaubten Theaters entsteht, wenn man das Leben darin nicht nach aussen trägt», sagt Trachsel

Menschen gehen anders ins Theater

Dafür braucht es Sinn für neue Kommunikationswege. Die Art und Weise, wie sich die Leute über das Freizeitangebot informieren, wann sie sich dafür entscheiden und wie sie ihre Billette kaufen, hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Soziale Medien sind wichtig geworden, auch fürs Theater, um sich zu präsentieren.

Besonders junge Stand-up-Comedy-Künstler setzen sehr stark auf ihre Instagram- und Facebook-Gefolgschaft – und diese Communities muss ein Theater ansprechen können. Wer nicht mitgeht, wird abgehängt.

«Die Konkurrenz im Freizeitangebot ist weit grösser als vor 30 Jahren, die Leute gehen nicht mehr einfach so ins Theater», sagt Madeleine Wyder Morgenegg. Deshalb wollen die drei die Türen öffnen und das Theater erlebbar machen. Dazu gehört auch, sich in der Kulturszene zu vernetzen. Von Montag bis Mittwoch, wenn keine Vorstellungen stattfinden, wird die Bühne für Tanztrainings und als Probebühne sowie für Workshops und Kurse genutzt. Somit ist sie besser ausgelastet, und die Szene nimmt, so das Ziel, das Theater am Käfigturm nicht nur während der Vorstellungszeiten als Kulturort wahr.

Aber wie ist es für Adrian Morgenegg, der seit 28 Jahren im Haus ist und das Theater von seinem Vater Roland Morgenegg übernommen hat, wenn da eine junge Frau kommt und den Laden aufmischt? «Wir brauchen neue Impulse. Sie hat ein frisches Interesse und sieht hier Dinge, die wir längst nicht mehr sehen», sagt er. Alte Dinge, die herumstehen, eingefahrene Abläufe, die nicht hinterfragt werden.

Der Mittfünfziger scheint sich mit dem Schritt der Teamerweiterung aber vor allem gegen die Gefahr zu wappnen, irgendwann nicht mehr aufhören zu können. «Nein, den Abschied plane ich noch nicht», sagt er und lacht. Dafür ist seine Leidenschaft für das Theater zu gross. «Aber Linda Trachsel ist unsere Zukunft.»

Die Gegenwart trägt Maske

Und wie sieht sie aus, diese Zukunft? Alles umkrempeln wollen Trachsel und die Morgeneggs nicht. Aber Pläne schmieden sie allerlei. So schwebt ihnen vor, künftig auch eigene Veranstaltungen zu produzieren und nicht mehr ein reines Gastspielhaus zu sein. «Doch das ist Zukunftsmusik», sagt Morgenegg. Genauso wie die bühnentechnische Erneuerung.

Die Gegenwart trägt Maske, und dahinter ist die Ungewissheit. Kommen die Leute wieder ins Theater? Kommt es zu einem nächsten Lockdown? Reicht der Atem bis zum Schluss? «Uns bleibt nichts anderes übrig, als positiv zu denken und uns zu arrangieren», sagt Linda Trachsel. «Lachen kann man auch unter der Maske!»