Kunst für die Ohren

Hörspiele erfreuen sich einer grossen Beliebtheit – mit steigenden Zuhörerzahlen und ungeahnten Nebeneffekten. Warum dieses unerwartete Revival?

Das Vorbild: Orson Welles nimmt 1938 sein Hörspiel «War of the Worlds» auf, mit dem er unter der Bevölkerung Angst und Schrecken verbreitete. Foto: Keystone

Das Vorbild: Orson Welles nimmt 1938 sein Hörspiel «War of the Worlds» auf, mit dem er unter der Bevölkerung Angst und Schrecken verbreitete. Foto: Keystone

Andreas Tobler@tobler_andreas

Sie können nun immer und überall mit dabei sein. Im Bett, beim Joggen, in der S-Bahn: Hörspiele, diese ziemlich alte, aber immer noch sehr vitale Kunstform, die nur darum marginal erscheinen mag, weil sie sich jedweder Sichtbarkeit entzieht – was in unserer visuell geprägten Kultur ein Nachteil ist. Doch die Unsichtbarkeit spricht nicht gegen das Genre, im Gegenteil: Hörspiele sind ein Fest fürs Gehör.

Jedes Jahr produzieren die deutschsprachigen Radiosender Hunderte von Hörstücken – und erreichen damit ein Publikum, von dem das Theater, die Belletristik-Autoren und selbst der Schweizer Kinofilm nur träumen können: Rund 4' 000 Hörer geben sich den akustischen Kunststücken hin, die SRF 2 Kultur jeweils am Mittwoch und Samstag ausstrahlt. Mehr als 300'000 Menschen finden sich gar vor dem Radio ein, wenn Krimis wie diejenigen rund um Kommissär Hunkeler auf SRF 1 zu hören sind. Ja, das Hörspiel gewinnt immer mehr Freunde hinzu, was mit der Schubkraft der digitalen Revolution zu tun hat, durch welche die einzelnen Stücke als Podcasts oder Stream auf dem Smartphone überall gehört werden können.

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben diesen Trend erkannt und machen ihre Hörstücke als Stream oder Download verfügbar – oftmals vor der Erstausstrahlung und auch noch Jahre danach. Wer also – um hier persönliche Highlights aufzuzählen – Christoph Schlingensiefs «Lager ohne Grenzen», René Polleschs «Tod eines Praktikanten» oder Heiner Goebbels’ «Hashirigaki» hören will, wird diese Stücke sicher irgendwo im Netz finden. Wenn nicht auf den Seiten der produzierenden Radiosender, dann auf Youtube, Soundcloud oder auf den Schleuderseiten der Filehoster.

Grosse Hörspielmomente

Gewiss, die Zeiten sind vorbei, als das Hörspiel der letzte Schrei war: damals als Antonin Artaud 1948 völlig verwildert durch seine Stimmlagen orgelte, um Schluss mit dem Gottesurteil zu machen. Es entstand das immer noch grausame Hörstück «Pour en finir avec le ­jugement de dieu», das schon allzu bald den Zorn der französischen Radiozensoren auf sich zog, die dem Œuvre nach der Erstausstrahlung den Stecker zog. Verflogen sind auch die allzu grossen emanzipatorischen Erwartungen, die an die Akustikkunst gestellt wurden – so etwa, als Bertolt Brecht in den 1920er-Jahren darauf hoffte, dass die Hörer bei der Ausstrahlung seiner Stücke vor dem Radio Platz nehmen und mit Kurt Weills und Paul Hindemiths Musikpartitur in der Hand die entsprechenden Parts singen. Undenkbar ist es heute wohl auch, dass man mit einem Hörspiel Angst und Schrecken verbreiten kann, wie es Orson Welles mit seinem «War of the Worlds» 1938 gelang, als zahlreiche Hörer in New York besagtes Radioplay für eine authentische Reportage über die Invasion von Ausserirdischen hielten – und damit den jungen Autor weltberühmt machten.

Die angesagten Hörspiele sind cool – und schon lange nicht mehr so überspannt, aseptisch und angestrengt literarisch wie noch vor einigen Jahren. Das hat viel mit der Entwicklung des zeitgenössischen Theaters zu tun, mit dem die Hörkunst verwandt ist. So haben mit dem Doku-Trend des Theaters auch im Hörspiel raue und gebrochene Stimmen Raum erhalten, die nicht der Norm des gedrechselten Bühnendeutschs entsprechen. Am hörbarsten ist dies in «Qualitätskontrolle», einem Akustikstück von Rimini Protokoll, das die Vorreiter des Dokumentartheaters auf der Grundlage ihrer gleichnamigen Bühnenproduktion entwickelt haben. Wir hören in den Alltag einer Frau hinein, für die ihre Stimme der wichtigste Kontakt zur Welt ist, weil sie vom Kopf abwärts gelähmt ist.

Seine Stärken kann das Hörspiel dann ausspielen, wenn es durch Verräumlichungen und Vielschichtigkeit eine Welt vor dem inneren Auge entstehen lässt, für die es keine realen Entsprechungen gibt. Etwa, wenn der Science-Fiction-Autor Dietmar Dath sich zusammen mit einer Band vor den Mikrofonen aufbaut, um in «Silber gegen Ende» ein akustisches Aperçu aus assoziativem Text, Gesang und Musik zu performen. Oder wenn der Schweizer Regisseur Ruedi Häusermann uns über die Klangspuren seiner Musik, mithilfe von Geräuschen und Sprechern ins Lebenswerk von Adolf Wölfli einführt, der in der Psychiatrie der Berner Waldau-Klinik zum megalomanen Weltenschöpfer mutierte.

Nicht zuletzt ist das Hörspiel auch eine Rettung für die Schweizer Dialekt­literatur, für die es keine wirkliche Schriftform gibt – diese Hürde wird vom Hörspiel umschifft. Wie auch in der «Spoken Word»-Bewegung, von der das Hörspiel zahlreiche Impulse erhält. Nachhören kann man dies etwa in den Stücken von Beat Sterchi, Guy Krneta und anderen Mitgliedern von Mundartformationen wie «Bern ist überall». Eins der besten Beispiele für die Qualitäten der literarischen Dialektkunst ist denn auch Krnetas «Dr Madam ihre Mössiö», ein Beziehungshickhack, das die strafbaren Pathologien der Sexualität thematisiert. Als Hörspiel wirkt der Text stärker als in der Bilderwelt des Theaters, wo es 2013 uraufgeführt wurde. Es funktioniert besser, so ganz in unserem Kopf.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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