Wir zoomen uns den Kleinstaat heran

Die neue Ausstellung «Geschichte Schweiz» im Landesmuseum Zürich zeigt unser Land in prekärer Lage zwischen Grossmächten. Sie tut das klug, bisweilen gar mutig.

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Guido Kalberer@tagesanzeiger

Der letzte Saal der neuen Dauerausstellung «Geschichte Schweiz» widmet sich dem noch jungen, aber keineswegs unschuldigen 21. Jahrhundert. Vor knutschgelbem Hintergrund finden sich hier keine Waffen oder Heiligenfiguren, keine Wandteppiche oder Manuskripte, nein, hier spielt sich vieles digital ab. So laden Quizfragen auf zwei Touchscreens dazu ein, sich selbst einzuschätzen.

Es geht dabei um fünf für die beiden Kuratorinnen Erika Hebeisen und Denise Tonella zentrale Themen unserer Gegenwart: Souveränität, Migration, Klimawandel, Lebenserwartung und Robotik. Passend dazu am Eingang ein mannshoher Spiegel, der die Besucher mit der Frage konfrontiert, wofür sie sich einsetzen wollen. Denn im Heute besteht – im Unterschied zumVergangenen – die Möglichkeit, etwas zu verändern: für sich und das Land, in dem man lebt.

Ergebnisoffener Prozess

In den anderen Sälen, die auf einer Fläche von 1000 Quadratmetern eine Zeitspanne von 550 Jahren umfassen, werden geschichtliche Vorgänge und Ereignisse präsentiert, auf die man keinen Einfluss mehr nehmen kann. Sie sind Geschichte!

Die Schau beginnt eigenwillig mit dem «Weissen Buch von Sarnen» aus dem 15. Jahrhundert und nicht mit dem Bundesbrief von 1291 – eine Entscheidung, die für Diskussionen sorgen und nicht nur als Mut zur Lücke durchgehen dürfte. Dass Geschichte aber stets Konstruktion ist, macht die Ausstellung klar: Erst im Rückblick lassen sich die ergebnisoffenen historischen Prozesse festschreiben.

Im Hier und Jetzt allerdings fliegen wir auf Sicht: Es ist jederzeit möglich, mehr in die eine oder andere Richtung zu gehen. Auch wenn wir auf unsere Geschichte stolz sind – sie ist nicht immer unser Verdienst: So zeigt etwa die «verordnete Neutralität», wie fremdbestimmt unsere Identität letztlich ist.

Auf dem Weg zurück in die Vergangenheit begegnen wir dem unlängst verblichenen 20. Jahrhundert. Wie der Dreissigjährige Krieg von 1618 bis 1648 haben die beiden Weltkriege die Schweiz nur am Rande berührt. Das Land hatte in vielerlei Hinsicht Glück, nicht unter die mit Blut verschmierten Räder der verfeindeten Grossmächte gekommen zu sein.

Nach der dauernden Kriegsbedrohung, welche die erste Jahrhunderthälfte überschattete und für die die Ausstellung allzu düstere Bilder findet, verbreitet der Wirtschaftsaufschwung ab den 50er-Jahren Wohlstand: Die Schweiz wandelt sich in eine bunte Konsumwelt, symbolisiert durch Migros und Coop. Die Banken und Versicherungen sorgen für Büroarbeit mitsamt Kapitalakkumulation. Und die Bautätigkeit ist so rege, dass Arbeitskräfte vor allem aus Italien geholt werden müssen.

Überfremdungsinitiative und Integrationsbemühungen sind gegensätzliche Reaktionen auf diese frühen Globalisierungsprozesse. Und bereits in den 70er-Jahren formiert sich eine ökologische Bewegung, die auf Einkaufstüten «Jute statt Plastic» fordert (auch wenn sich Geschichte nicht wiederholt, so nimmt sie doch, wie wir heute sehen, wiederholt alte Themen auf). Und während die Frauen auf ihre politischen Rechte pochen, proben die Punks den ästhetischen Aufstand. 

Geschichte für alle Sinne

Die didaktisch gut aufgebaute Schau taucht die Räume mit den einzelnen Jahrhunderten in verschiedene Farben, und vertiefende Zeittafeln ergänzen die Übersichtstexte. Besucherinnen und Besucher können auf das fokussieren, was sie jeweils am meisten interessiert: auf eines der fast 1000 ausgestellten Objekte (90 Prozent stammen aus dem Bestand des Landesmuseums); Informationen an den Hörstationen oder auf Touchscreens.

Auf einem solchen werden etwa Details des grossartigen «Allianzteppichs» präzise erläutert: Man zoomt einfach die Stelle heran, über die man mehr erfahren will – von der Mode über die Persönlichkeiten rund um König Ludwig XIV. bis zum gesellschaftspolitischen Kontext der Soldverträge. 1663 erneuerte die Eidgenossenschaft diesen Handel mit Frankreich, der bis zu 16000 Soldaten umfasste.

Zwischen den Fronten

Je weiter man zurückblickt in die Vergangenheit, desto fremder und befremdlicher erscheint die Welt unserer Vorfahren. Dass diese Zeit häufig als düster und dunkel bezeichnet wird, hat weniger mit der Epoche selbst zu tun als mit unserem überschaubaren, ja begrenzten Wissen.

Hier leistet die Ausstellung, zur Reduktion von Komplexität verpflichtet, vieles mit wenigen Paarbegriffen: Bündnisse und Kriegszüge (15. Jahrhundert); Reformation und Tagsatzung (16. Jahrhundert); Bürgertum und Soldgeschäfte (17. Jahrhundert); Aufklärung und Empfindsamkeit (18. Jahrhundert); Bundesstaat und Industrialisierung (19. Jahrhundert); Weltkriege und Wirtschaftsboom (20. Jahrhundert) – so gliedern die Kuratorinnen die chronologische Ausstellung thematisch klar.

Trotz aller Disparatheit der historischen Ereignisse lässt sich ein roter Faden erkennen, eine Art helvetische Grundbefindlichkeit. Diese hat keiner besser zur Sprache gebracht als der vor 100 Jahren mit dem Nobelpreis geehrte Carl Spitteler. In seiner denkwürdigen, auch heute noch lesenswerten Rede vom 14. Dezember 1914 formulierte er den «Schweizer Standpunkt».

Einzigartig sei das Land vor allem in seiner Mischung von Einheit und Geschlossenheit im Inneren und Neutralität nach aussen, schrieb er zu einer Zeit, als Deutschland und Frankreich im Krieg standen. Neutralität war also ein überlebensnotwendiger Ausdruck des historisch gewachsenen Dazwischenseins.

«Mit der Bescheidenheit statten wir den Grossmächten den Höflichkeitsdank dafür ab, dass sie uns von ihren blutigen Händeln dispensieren», schrieb Carl Spitteler. «Eine Ausnahmegunst des Schicksals hat uns gestattet, im Zuschauerraum zu sitzen.» In der nicht immer einfachen Verquickung der germanischen und romanischen Eigenheiten sieht er eine Schweizer Originalität, die es auch in schwierigen Zeiten zu verteidigen gelte. Diese Konstante, die das Eigene im Wechselspiel mit den anderen Nationen definiert, erkennt man auch beim Abschreiten der Ausstellung «Geschichte Schweiz».

Dass die beiden Kuratorinnen sich für eine Weiterführung ihrer Sicht der Geschichte in die Jetztzeit entschieden haben, das war klug: Denn im 21. Jahrhundert zeigen sich die politischen Verwerfungen aufs Deutlichste. Wofür man sich engagieren will, hängt vom jeweiligen Geschichtsbild ab.

Darum eignet sich die Ausstellung auch für den Unterricht. Die eigens hergestellten «Unterlagen für Schulen» enthalten neben den Arbeitsblättern auch einen Lehrerkommentar. Und für Kinder und Familien liegt eine separate Broschüre auf – Geschichte geht alle an.

Die Ausstellung «Geschichte Schweiz» ist ab dem 12. April im Landesmuseum Zürich zu sehen.

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