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«Wie redet de dir?!»

Berndeutsch ist der schönste aller Dialekte. Das glauben zumindest die Berner. So viel Chauvinismus nervt natürlich. Trotzdem ist für unsere Autorin die Zeit gekommen, Berndeutsch zu lernen.

Unsere Autorin Mirjam Comtesse möchte endlich so reden wie die allermeisten anderen in Bern.
Unsere Autorin Mirjam Comtesse möchte endlich so reden wie die allermeisten anderen in Bern.
Christian Pfander

Wir sitzen im obersten Stock der Berner Volkshochschule an der Grabenpromenade und beugen unsere Köpfe über die Hefte. Erinnerungen an den Französischunterricht vor langer Zeit werden wach. Aber wir üben nicht Dialoge à la «Excusez-moi, où est-ce que se trouve la Tour d’Eiffel?», sondern bei uns klingt es so:«Grüessech, chöit dir mir säge, wien iig zum Zytglogge chume?» Unser Kurs heisst «Berndeutsch für Fortgeschrittene».

Die Schüler, das sind ein gebürtiger Italiener, ein Deutscher, zwei Romandes, eine Thailänderin – und ich, eine Ostschweizerin. Wir haben alle das gleiche Ziel: Wir möchten gerne richtig schönes Berndeutsch reden. Oder wie im Fall von Uli aus Dortmund zumindest unser Umfeld ver­stehen. «Wenn meine Berner Arbeitskollegen in der Pause miteinander sprechen, bekomme ich kein Wort mit», erzählt er.

Ich dagegen verstehe Berndeutsch in aller Regel perfekt. Aber leider ist das Verständnis nicht gegenseitig. Wenn ich zum Beispiel im Loeb etwas frage, kommt als Reaktion regelmässig ein leicht vorwurfsvolles, lang gedehntes: «Wie bitte?» Immerhin sind die Angestellten dort nicht ganz so direkt wie einst eine Verkäuferin am Take-away-Migros im Bahnhof. Auf meinen Wunsch, ein Sandwich zu kaufen, entgegnete sie schockiert: «Wie redet de dir?!»

Fast noch unangenehmer ist es, wenn Arztgehilfinnen plötzlich ganz langsam und überdeutlich artikuliert sprechen, weil sie denken, ich sei eine Ausländerin. Es ist auch schon vorgekommen, dass jemand direkt auf Hochdeutsch wechselte. Ich weiss in solchen Momenten nicht, ob mich das offensichtlich mangelnde Schweiz-Wissen des Gegenübers amüsieren soll oder ob es nicht vielleicht doch langsam an der Zeit wäre, sich auch akustisch anzupassen. Immerhin lebe ich schon seit 15 Jahren in der Stadt Bern.

Mein guter Freund Philipp, der ebenfalls Ostschweizer ist und in Bern wohnt, findet das ­kompletten Quatsch. Er korrigiert mich jedes Mal, wenn ich ihm einen schönen «Aabe» wünsche. «Obig» heisse das richtig. «Obig!» Ich dürfe doch meine Wurzeln, meine Herkunft, nicht verleugnen. Aber was heisst das schon? Herkunft ist dort, wo man zufällig aufgewachsen ist. Wenn man sich an einem neuen Ort daheim fühlt, wäre es da nicht sinnvoll, sich auch sprachlich um Integration zu bemühen? Wo hört in solchen Fällen Anpassung auf, und wo fängt Anbiederung an?

Vielleicht weiss der Mundartforscher Christian Schmid Rat. Er war früher Redaktor bei der Sendung «Schnabelweid» auf SRF 1 und kennt sich mit Dialekten und deren Bedeutung für das Zugehörigkeitsgefühl aus. Seine Antwort ist eine fadengerade Rückfrage: «Weshalb sollte es Anbiederung sein, einen anderen Dialekt zu lernen?» Er findet die Idee gut, betont aber, dass es nicht einfach wird. «Sie müssen schon etwas investieren, sonst ist das Ganze ein Witz.» Und er gibt zu bedenken, dass auch die Ostschweizer Mundart ihre Vorzüge hat: «Als ich noch beim Radio arbeitete, war eine meiner besten Gesprächspartnerinnen eine Thurgauerin, die erzählen konnte wie ein Herrgöttchen.»

Ich hänge allerdings überhaupt nicht am Thurgauer Dialekt. Ursprünglich sprach ich ja Züritüütsch. Als meine Familie zu­rück in die Ostschweiz zog – Sie ahnen es! – lachten mich aber die anderen Kinder aus. Also eignete ich mir so schnell wie möglich den örtlichen Dialekt an. Das will ich jetzt, 30 Jahre später, nochmals schaffen! Mein Traum ist folgender: Eines Morgens marschiere ich ins Büro und verblüffe alle Kolleginnen und Kollegen, indem ich perfekt bärnere.

Ob es mir gelingt? In meiner Bärndütsch-Kolumne werde ich Sie künftig auf dem Laufenden halten. Und dabei auch erzählen, wie die Reaktionen ausfallen, wie andere Nichtberner damit umgehen, wegen ihres Dialekts nie komplett dazuzugehören, und natürlich, welches die grössten Missverständnisse zwischen Bernern und Nichtbernern sind. Einen Motivationsgrund für meine Anstrengungen habe ich Ihnen übrigens noch verschwiegen: Wenn ich den Integrationssprung schaffe, hört vielleicht auch mein 7-jähriger Sohn endlich damit auf, mich nachzu­äffen.

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