Wie der Krieg ins Wohnzimmer kommt 

Im Landesmuseum öffnet «Imagine 68. Das Spektakel der Revolution». Die Schau verbindet Utopie und Kunst und wählt dafür die äusserst zweckmässige Form der Collage.

Unheroische Krieger: Franz Gertschs «Vietnam» (1970). Foto: Hess Art Collection, Bern

Unheroische Krieger: Franz Gertschs «Vietnam» (1970). Foto: Hess Art Collection, Bern

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«Imagine», sang John Lennon 1971, stell dir eine Welt vor ohne Himmel und Hölle, ohne Staaten und Besitz, eine Welt des Friedens. «Imagine» als Ausstellungstitel: Damit machen Juri Steiner und Stefan Zweifel eine Ansage. «Achtundsechzig» ist für sie ein Moment der Utopie, und diese Utopie fand ihren Ausdruck in Kunstwerken. Das ist ein klares Konzept, und dass das er­fahrene Kuratorenduo es konsequent und überzeugend umsetzt, lässt einen vergessen, dass man schon recht viel dazu in diesem Jubiläumsjahr gesehen und gelesen hat.

Ein Gang durch die Räume des Erweiterungsbaus von Christ & Gantenbein gleicht jetzt einem Parcours durch Visionen, Experimente und Revolten, die zu ­Bildern geworden sind, stehenden oder bewegten. Politik und Theorie gaben zwar den inspirierenden Anstoss, sie spielen in der Ausstellung aber nur eine Nebenrolle.

Natürlich, zwei Diskurs-Freaks wie Steiner und Zweifel kommen an der situationistischen Bewegung und ihrem Vordenker Guy Debord nicht vorbei, von dem autografe Seiten ausliegen, aber eben auch Filmausschnitte laufen. Er liefert die politisch-philosophische Einordnung der Revolte mit seiner Analyse der Waren- und Bilderwelt, in der «der mediale Schein die Langeweile und Sinnlosigkeit des Alltags überstrahlt».

Ein Höhepunkt: Oldenburgs «Lipstick (Ascending) on Caterpillar Tracks» (1969). Foto: Claes Oldenburg

Dann aber sprechen Skulpturen, Installationen, Fotos und Filme selbst. Für sich und miteinander: Das Ordnungsprinzip der Ausstellung ist die Collage. Die schneidet ineinander, was nicht zusammenpasst, und aus dem leisen Schock, den dieser Kontrast auslöst, entsteht Bewusstsein. So etwa in der Serie «House Beautiful: Bringing the War Home» der Amerikanerin Martha Rosler: Da zieht eine adrett frisierte Hausfrau in ihrem Living Room mit dem Staubsauger den Vorhang vor der Fensterfront zurück, und draussen tobt der Vietnamkrieg. Dieses Prinzip wiederholt und variiert sie in jeder Folge der Serie, bis dann ein vietnamesisches Mädchen mit verbundenem Beinstumpf im Wohnzimmer steht.

Gewalt und Kopulation

Der Vietnamkrieg war für viele Achtundsechziger der entscheidende Auslöser, sich zu empören und aufzulehnen. Für andere blieb er ein TV-Spektakel, auch in der Schweiz, wie die fette Selbstzufriedenheit zeigt, die dem Betrachter aus Varlins Ölgemälde «So lebt die Schweiz» entgegenspringt. Den Krieg im Fernsehformat frei Haus – das können wir wohl bald wieder haben, diesmal aus der syrischen Provinz Idlib, wo sich ein Massenmord auf Ansage ankündigt – so viel zur Aktualität dieser Ausstellung.

Auch die Konsumkritik gehörte zum Repertoire der Bewegung. Jürg Gassers Film «Lock» lässt Kriegsherren, Opfer und Wohlstands-Accessoires im Sekundentakt aufeinanderfolgen. Zum Gestaltungsprinzip wird die ­Collage im grössten (und am schwersten zu bespielenden) Raum der Schau. Hier laufen oben an den Wänden einschlägige Klassiker der Filmgeschichte ab, von Kubrick, Antonioni oder Coppola, neben Doku-Aufnahmen von Pariser, Berliner oder mexikanischen Demonstrationszügen. Man fläzt sich in von der Decke hängende, damals futuristisch, heute rührend wirkende Plexiglas-Sessel und kombiniert im 360-Grad-Horizont seine Blicke: Kopulationen in freier Natur, Polit-Ikonen, Gewaltausbrüche.

Sigmar Polkes Losung für die Schweiz der 70er. Foto: The Estate of Sigmar Polke (1976)

Unter künstlerischem Aspekt fällt die Nachbetrachtung uneinheitlich aus; neben Ikonen der politischen Kunst findet sich auch Unausgegorenes. Aber es waren eben auch Zeiten des Gärens, des Experimentierens, des schnellen Reagierens. Zu den Höhepunkten der Ausstellung wie der gesamten Pop-Art, gewissermassen mit Ewigkeitswert, gehört Claes Oldenburgs «Lipstick (Ascending) on Caterpillar Tracks», ein aus Panzerraupenketten wachsender Lippenstift, der auf dem Gelände Universität Yale steht. Ihn nach Zürich zu bringen – utopisch. Aber der 91-jährige Künstler steuerte ein Modell der Installation bei. Jean Tinguelys «Rotazaza II», eine Maschine, die Bierflaschen zertrümmert, ist dagegen in voller Lebensgrösse zu sehen (und wird regelmässig ihre «Arbeit» machen).

Die Globus-Krawalle

Die Schweiz kommt durchaus nicht zu kurz, was Künstler oder Ereignisse betrifft, von Franz Gertsch, der mit einem Vietnam- und einem idyllischen Familiengemälde vertreten ist, bis Alex Sadkowsky. Ein Schwerpunkt gilt den Globus-Krawallen, illustriert mit Fotos von Willy Spiller, Postern und Plakaten, und das minutiös dokumentierte juristische Nachspiel: Polizeigewalt wurde nicht oder kaum geahndet, die Opfer mussten zehn Jahre auf Genugtuung und Entschädigung warten. Die Konfrontation vom Welt-Pop eines Andy Warhol mit Schweizer Künstlern wie Markus Müller ist gewagt, aber Collagen müssen ja nicht Gleichwertiges kombinieren.

Gegen Ende, nach dem Kapitel Frauenbewegung, als es um das Begraben der politischen Träume und den Rückzug ins Private geht, verläppert die Ausstellung etwas; was da alles von H.R. Giger, Dieter Roth oder Friedrich Kuhn hängt, wirkt etwas beliebig – die Gefahr jeder Collage. (Wie spektakulär die Schau die Besucher ganz zu Anfang oberhalb der grossen Treppe empfangen hat, sei hier nicht verraten.)

Wer das Landesmuseum verlässt, hat zweierlei begriffen: zum Ersten die Dialektik von Konsum und Kunst. Als Utopie oder Akt der Revolte gestartet, werden Kunstwerke, die Konsum persiflieren, karikieren, kritisieren, selbst zum teuren, edlen Konsumgut. Zum Zweiten – «Imagine» heisst auch: Stell dir dein Achtundsechzig vor. Mach dir deine eigene Ausstellung.

Bis 20. 1. 2019. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.09.2018, 18:06 Uhr

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