Theaterereignis der Abgründe

Konzert Theater Bern zeigt Lars Noréns «3.31.93»: Szenen von Versagern, die man einen nach dem andern in sein Herz schliesst. Das ist unbedingt sehenswert.

Will sich totsaufen:?Die alte Frau (Heidi Maria Glössner) in «3.31.93».

Will sich totsaufen:?Die alte Frau (Heidi Maria Glössner) in «3.31.93».

(Bild: zvg)

Michael Feller@mikefelloni

«Gestern ist er ohne Hose mit dem Hund raus.» – «Ihr habt doch gar keinen Hund.» – «Er ist vor sieben Jahren gestorben, den letzten, den wir hatten.»Verlassene, Gescheiterte, Verwirrte, Säufer: Lars Norén lässt die Verlierer sprechen. «3.31.93» ist ein Gruselkabinett der privaten Abgründe. Mit solchen Dingen möchte man sich lieber nicht zu sehr befassen. Und doch reissen Noréns Dialoge mit, dass man sich bald nicht mehr von ihnen losreissen kann.

Die Schweizer Erstaufführung von «3.31.93» wird zum Theaterereignis, das einen nicht so schnell wieder loslässt. Der schwedische Lyriker, Theaterautor und Regisseur hat es mit den Randfiguren.

Neonazis spielen sich selbst

Vor allem in seiner Heimat ist der 72-Jährige längst eine grosse Nummer. International sorgte in den 1990er-Jahren seine Inszenierung «7:3» für Aufsehen. Nicht nur, weil er Neonazis sich selbst spielen liess, sondern, weil zwei von ihnen, kaum war ausgespielt, eine Bank überfielen und zwei Polizisten ermordeten.

Für «3.31.93» bietet Konzert Theater Bern Schauspieler mit, so weit bekannt, tadellosem Leumund auf. 26 Rollen umfasst Noréns Riesenwerk, gespielt von vier Schauspielerinnen, vier Schauspielern und zwei Kinderstatisten. Heidi Maria Glössner spielt unter anderen eine alte Frau, die sich zu Tode saufen will. Sophie Melbinger schiebt einen an den Rollstuhl gefesselten Cellisten herum. Viele Figuren mehr treten nach und nach auf.

Eine Geschichte nach der anderen

Zunächst ploppen die kurzen Dialoge aus dem Dunkel der mittig platzierten Bühne auf. Zwei Figuren erscheinen, sprechen miteinander, dann geht das Licht aus, nach ein paar Sekunden wird es wieder hell. Da stehen andere Schauspieler und Requisiten, und die nächste beklemmende Geschichte wird angerissen. So geht es immer weiter. Zunächst ist das verwirrend, doch dann sehen wir die Figuren wieder. Die Frau auf dem Krankenbett.

Den durchgeknallten 35-jährigen Sohn, der von seiner schwangeren Frau rausgeworfen wurde und nun seine Eltern anschreit: «Ich kann die Falte im Tischtuch nicht ertragen, ich gehe kaputt!» Beim Mann im Rollstuhl stellt sich heraus, dass sein Vater mit seiner Frau ein Verhältnis hatte, während er im Spital lag.

Serienfieber

Nun erschliessen sich ungeahnte Zusammenhänge zwischen den Figuren, die man ins Herz schliesst, obwohl sie nichts auf die Reihe kriegen. Die Sicht auf die Abgründe reicht tiefer, man will immer mehr sehen, eine Art Serienfieber stellt sich ein.

Im Original hat Noréns Dreiakter (à je 31 Szenen) 93 Szenen ­– daher der Titel «3.31.93». Regisseur Ingo Berk hat den 300-Seiten-Text auf 100 Seiten gekürzt. Das ist noch immer viel. Doch als die Inszenierung nach zweieinhalb Stunden fertig ist, möchte man noch mehr haben.

Dem Regisseur gelingt eine begeisternde Inszenierung, bei der vom Bühnenbild (Damian Hitz) über die düsteren Videosequenzen zwischen den Szenen (Janosch Abel) bis zur schauspielerischen Leistung alles stimmt.

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