Zwei im Bettenland

Das Stück «Unsere Seelen bei Nacht» am Theater an der Effingerstrasse ist ergreifend, gut gespielt gewiss, aber dennoch stellenweise einschläfernd.

Ein Traumpaar unter der Decke: Heidi Maria Glössner und Florentin Groll als Addie und Louis.

Ein Traumpaar unter der Decke: Heidi Maria Glössner und Florentin Groll als Addie und Louis.

(Bild: pd)

Michael Feller@mikefelloni

Keine schlechte Idee: Die rüstige Ü-70-Witwe Addie (Heidi Maria Glössner) klingelt beim ebenfalls verwitweten Nachbarn Louis (Florentin Groll), mit einer Bitte: Er soll doch hin und wieder bei ihr übernachten, zwecks Bekämpfung von Einsamkeit und Langeweile. Ohne sexuelle Hintergedanken. Er willigt ein, und die beiden Bewohner in einer amerikanischen Kleinstadt erleben einen zweiten Frühling erster Güte.

Das kann nicht alles sein

«Unsere Seelen bei Nacht» von Kent Haruf, zu sehen im Theater an der Effingerstrasse, scheint ein Feelgood-Theater von der ersten Minute bis zur letzten zu werden – doch das kann doch nicht das Ende sein! Das ist es dann auch nicht, sonst brauchte sich niemand dafür zu interessieren. Der US-Schriftsteller ­­Haruf (1943–2014) schrieb den Roman, der sein letzter war und als Vorlage für das Schauspiel dient, als Hommage an seine Frau. Händchenhaltend vor dem Einschlafen Gott, die Welt und die Geschehnisse des Tages zu verhandeln, sei ihm das Liebste gewesen, wie ein im Programmheft abgedrucktes Interview mit seiner Frau verrät.

Richtig viel passiert nicht im Stück. Addie und Louis erzählen aus ihren Leben. Wie bei jeder Biografie kommen auch bei den beiden Mittsiebzigern Brüche zum Vorschein. Routine in der Ehe. Fremdgehen. Auch der Tod. Die Schäferstündchen verlaufen bis fast zum Schluss platonisch. Spannung bringen weitere Figuren, die die Senioren auf die Probe stellen, sie werden allesamt durch Anna Rebecca Sehls und Aaron Frederik Defant gespielt.

Erfrischend reduziert kommt die Bühne von Peter Aeschbacher ­­daher. Eine US-Flagge im Hintergrund verortet das Schauspiel, warum eigentlich? Im Vordergrund kommen in wechselnder Anordnung 20 Matratzen zum Einsatz.

Heidi Maria Glössner ist eine hervorragende Besetzung für die Rentnerin Addie, die noch einmal etwas erleben will, den Mut in die Hand nimmt und mit zwischenzeitlichen Hochgefühlen dafür belohnt wird. Und Bühnenpartner Florentin Groll, der von 1979 bis 2010 zum Ensemble des Burgtheaters Wien gehörte, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit einer der stärksten Schauspieler, die schon im Theater an der ­­Effingerstrasse aufgetreten sind.

Sohn gegen die Liebe

Die zwei schaffen es dann aber auch nicht, die etwas seichte Anordnung von Kent Haruf vergessen zu machen. Schliesslich scheitert die Liaison daran, dass Addies Sohn Einwände dagegen hat, dass sich seine Mutter den Nachbarn geangelt hat. Weil die Leute in Holt (in dieser fiktiven Kleinstadt Colorados spielen ­­Harufs Geschichten) schon hintenrum sprechen.

Ist die Liebe im Alter ein Tabu in diesem kleinen Nest? Mit unseren Realitäten hat es wohl nicht so viel zu tun, vielleicht deshalb die US-Flagge im Hintergrund, die die Handlung weit weg von uns verortet. In Kombination mit einer ermüdenden ­­Ereignisarmut bis zur Pause (­­Regie: Alexander Kratzer) lässt das Duett auf der Matratze deshalb weitgehend kalt. Trotz des Traumpaars Glössner-Groll.

«Unsere Seelen bei Nacht»: Bis 25. Mai, Das Theater an der Effingerstrasse, Bern.

Berner Zeitung

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