Zähe Pastete

Shakespeare für Geduldige: Die aufstrebende deutsche Regisseurin Mizgin Bilmen knöpft sich für Konzert Theater Bern «Titus Andronicus» vor. Ihre Absicht bleibt diffus.

Drei Buchstaben und viel Personal: «Titus Andronicus».

Drei Buchstaben und viel Personal: «Titus Andronicus».

(Bild: zvg)

Michael Feller@mikefelloni

«Titus Andronicus»? Die Ausgangslage ist ambivalent. Zum einen wird im Stück selbst für Shakespeare-Verhältnisse viel gemordet und geschändet, es werden in hoher Kadenz Hände abgeschnitten, es wird gemeuchelt und gerächt. Es ist also ganz schön was los. Doch, zum anderen, hat das frühe Werk des Meisters (1564–1616) längst nicht die Tragik und Kühnheit seiner späteren Stücke.

Erst mal zerstückeln

Tragisch ist die Rachegeschichte durchaus, aber herzzerreissend trotz aller Brutalität nie. Die Goten sind geschlagen, Feldherr Titus Andronicus (Chantal Le Moign) kehrt als Held zurück nach Rom und lässt, so will es die Tradition, den ältesten Sohn von Gotenkönigin Tamora (Irina Wrona) zerstückeln.

Titus soll danach Kaiser werden, lässt aber dem älteren Sohn des verstorbenen Kaisers, Saturninus (Stéphane Maeder), den Vortritt und gibt ihm darüber hinaus seine Tochter Lavinia (Milva Stark) zur Frau, wobei diese bereits verlobt ist. Durch eine wunderliche Wendung wird Tamora zur Kaiserin und will sich an Titus rächen. Seine Tochter wird vergewaltigt, und damit sie die Tat weder erzählen noch sonst wie beschreiben kann, wird ihr die Zunge raus- und beide Hände abgeschnitten.

Ihr gelingt es trotzdem, die Täter zu benennen, worauf sich Titus (der sich von selbst die Hand abgehackt hat), rächt, indem er Tamoras Söhne zwei und drei zu Pastete verarbeitet und diese danach unter anderem Tamora auftischt. Am Schluss sind fast alle tot.

Wie haucht man diesem nicht eben lebensnahen Setting Leben ein? Konzert Theater Bern hat damit Mizgin Bilmen beauftragt, eine aufstrebende deutsche Schauspiel- und Opernregisseurin. Bilmen hat das Stück gekürzt und dafür um Passagen aus Heiner Müllers «Anatomie Titus Fall of Rome» ergänzt. Ein Zug, der nichts zur Erhellung der wirren Schlachterei beiträgt, wie die Premiere in der Vidmar 1 zeigte. Für das Publikum ist es ein Kraftakt, dranzubleiben in dieser knapp zweistündigen Inszenierung. Eine zähe Sache.

Die zehn Schauspielerinnen und Schauspieler schaffen es nicht, das Publikum zu packen. Die Geschichte bleibt so unglaubwürdig wie in der Vorlage. Offen bleibt im kargen Bühnenbild von Cleo Niemeyer (drei Leuchtbuchstaben bilden das Wort Rom), was Bilmen will. Ein feministisches Statement, dass sie die Hauptrolle zur Hosenrolle macht? Für diese These spricht als weiteres Indiz, dass sie gegen Ende des Stücks zwei Protagonisten unten ohne über die Bühne hampeln lässt. Aber weshalb nur?

McShakespeare für alle

«Zu Mehl zermahl ich eure Knochen und back den Teig dann knusprig zu Pasteten.»Rache-Rezept von Titus Andronicus
à la Shakespeare

Aufregend ist dann immerhin der Schluss mit der besagten Leichenschändung. «Zu Mehl zermahl ich eure Knochen und back den Teig dann knusprig zu Pasteten», liess Shakespeare seinen Titus sagen.

Der Berner Titus serviert Hamburger-Brötchen statt Pasteten und steckt dabei im Ronald-McDonald-Gewand (Kostüme: Alexander Djurkov Hotter). Ein Bild, das bleibt. Wie die Frage, warum das alles.

Berner Zeitung

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