Wer Formeln sucht, verpasst das Leben

Mit «Die Formel» zeigt Konzert Theater Bern ein ­kurzweiliges Musiktheater mit so vielen Berühmtheiten, dass einem schwindlig ­werden müsste. Tut es aber trotzdem nicht.

Begegnung voller Spannung: Der Maler Paul Klee (mit Geigenkasten) trifft in der Oper «Die Formel» auf den gestrengen Revolutionär Lenin (am Tischchen) und dessen Frau (links).

Begegnung voller Spannung: Der Maler Paul Klee (mit Geigenkasten) trifft in der Oper «Die Formel» auf den gestrengen Revolutionär Lenin (am Tischchen) und dessen Frau (links).

(Bild: Phillipp Ziniker)

Einstein, Klee, Lenin, Walser, Goethe, Newton, Karl V., Tizian – sie alle (und noch ein paar mehr) kommen in diesem Stück vor. Philosophieren über Formeln und Weltanschauungen. Kann das gut gehen? Kann das unterhalten?

Es kann: Einstein, Lenin und Klee treffen sich im Jahr 1905 zufällig in Bern. Eine Begegnung, die erfunden ist. Die Anknüpfungspunkte mit Bern sind aber wahr: Lenin und seine Frau Nadeschda kamen in die Hauptstadt, um die Papiere zu besorgen, die sie für ihre Rückkehr nach Russland benötigten. Klee und Lily Stumpf kehrten nach mehreren Auslandaufenthalten nach Bern zurück. Einstein lebte mit seiner Frau Mileva Maric in der Kramgasse.

Um diese erfundene Begegnung baut sich das im Stadttheater Bern uraufgeführte Musiktheater «Die Formel oder die Erfindung des 20. Jahrhunderts» von Doris Reckewell (Libretto) und Torsten Rasch (Musik) auf.

Wobei Bern am Ende eigentlich gar keine Rolle spielt. Einstein, Klee und Lenin hätten sich auch in München, Hamburg oder Mümliswil treffen können. Das, was die drei verbindet und umtreibt, ist nicht ein Ort, sondern der innere Drang, die Welt auf ihre Weise erklären und erfassen zu wollen.

Sie alle sind Suchende und Getriebene zugleich. Während der eine die kommunistische Revolution vorantreibt, revolutioniert der andere die Malerei und entwickelt der Dritte die Relativitätstheorie. Dabei werden sie in «Die Formel» von einer weiteren Berühmtheit begleitet und hinterfragt. Es ist der Spaziergänger Robert Walser.

«Es gibt keine Formel!»

Der Schriftsteller steht den dreien freundschaftlich, aber auch befremdet amüsiert gegenüber. Auch er fühlt sich fremd in der Welt, aber seine Sicht auf das Leben ist eine andere. «Sie, Sie alle drei verpassen das Leben! Seine Sonderbarkeiten. Das Schöne an seiner Ungewissheit und seinem Ratlosmachenden. Es gibt keine Formel!», sagt Walser einmal. Walser ist in diesem Musiktheater der Hofnarr, der aussen vor und doch mittendrin steht, das Herzstück des Werks.

Diese Rolle ist Sänger Todd Boyce wie auf den Leib geschneidert. Er gibt «seinen» Walser mit tänzelnder Leichtigkeit und Schalk, kombiniert mit sonorem und wendigem Bariton. Während er seine Partien singt, werden die anderen Rollen – ausser die Frauenfiguren im Traum – von Schauspielern dargestellt.

Diese spielen ihre berühmten Figuren ausnahmslos überzeugend, ohne kopieren zu wollen: Luka Dimic als Klee, David Berger als Lenin und Gabriel Schneider als Einstein. Leicht kokettierend und schalkhaft geben sich Jonathan Loosli und Jürg Wisbach, die jeweils in kurzen Sequenzen als Saint-Just/Goethe/Tizian respektive Savonarola/Newton/Karl V. auftreten.

Die von Torsten Rasch komponierte Musik bettet das Werk in dissonante und düstere Klänge ein. Wie die Figuren wabern sie suchend umher, bleiben oft im Ungefähren. Hin und wieder tauchen wie Geistesblitze bekannte Motive auf, erinnern etwa entfernt an Tango, um gleich wieder im Klangrausch zu verschwinden.

Die Camerata Bern spielt unter der Leitung von Jonathan Stockhammer mit beeindruckender Klarheit und Eleganz. Die Chorsequenzen, interpretiert vom Vokalensemble Ardent, geben der «Formel» den roten Faden. Gerd Heinz (Regie) und Lilot Hegi (Bühne, Kostüme) geben dem Stück den nötigen Drive und finden ausdrucksstarke Bilder – besonders in den gesungenen Traumsequenzen von Evgenia Grekova, Marielle Murphy und Eleonora Vacchi.

Ein Männerstück?

Wichtige Männer entwickeln wichtige Theorien: Ist «Die Formel» ein reines Männerstück? Nein. Auf kluge und bildstarke Weise thematisiert die Autorin Doris Reckewell die Rolle der Ehefrauen. Zeigt auf, wie sie leiden, während ihre Männer versuchen, die Welt zu verstehen. Wie sie sich selbst mit dem Werk ihrer Männer identifizieren, ihre eigenen Ziele dafür opfern und doch am Ende Zaungäste bleiben.

Milva Stark (als Nadeschda Krupskaja), Irina Wrona (als Lily Stumpf) und Mariananda Schempp (als Mileva Maric) spielen die berühmten Ehefrauen mit Verve und Bühnenpräsenz.

«Die Formel» ist in Bern also in guter Form: als kurzweiliges Musiktheater mit starken Bildern, das – dank der vielen gesprochenen Passagen – auch für jene geeignet ist, die modernen Opernklängen bisher nicht viel abgewinnen konnten.

Weitere Vorstellungen: bis 14. April, Stadttheater Bern.

Berner Zeitung

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