Wenn Mitleid wie Morphium wirkt

Gelungene Saisoneröffnung im Theater an der Effingerstrasse: Die Bühnenfassung von Stefan Zweigs Roman «Die Ungeduld des Herzens» ist unheimlich wie ein Hitchcock-Film.

Klaustrophobische Situation: Die behinderte Edith (gespielt von Anne Welenc) und Leutnant Hofmiller (Jeroen Engelsman).

Klaustrophobische Situation: Die behinderte Edith (gespielt von Anne Welenc) und Leutnant Hofmiller (Jeroen Engelsman).

(Bild: Severin Nowacki)

Helen Lagger@FuxHelen

«Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.» Mit diesen Worten verabschiedete sich der Schriftsteller Stefan Zweig von seinen Freunden, als er sich 1942 im brasilianischen Exil das Leben nahm. Nur wenige Jahre vor seinem Freitod schrieb der österreichische Autor («Schachnovelle») mit «Ungeduld des Herzens» seinen einzigen beendeten Roman.

Die Handlung spielt kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Ein verkrüppeltes Mädchen aus gutem Hause verliebt sich in einen Leutnant, der sie aus Mitleid immer wieder besucht. Es kommt zur Katastrophe.

Fokus auf die Abgründe

Zur Saisoneröffnung präsentiert das Theater an der Effingerstrasse als Schweizer Erstaufführung die Bühnenfassung von Thomas Jonigk. Geschickt hat Jonigk den dichten Roman verknappt und das Abgründige der Geschichte verstärkt. Das Unheimliche liegt vor allem in der Figur der Frau Engelmayer (Christiane Warnecke), die hier nicht nur Betreuerin der gelähmten Tochter Edith (stark: Anne Welenc) ist, sondern auch allwissende Erzählerin. Sie nimmt persönliche und weltgeschichtliche Ereignisse vorweg und greift immer wieder in die Handlung ein.

Das sorgt für Momente wie in einem Hitchcock-Film, erinnert die Frau doch an die zwielichtige Haushälterin aus «Rebecca». Engelmayer weiss nicht nur, wer als Nächstes stirbt, sie steckt dem Soldaten auch immer wieder Blumen zu, die er Edith bringt und damit fatale Hoffnungen schürt.

Zu Beginn präsentieren sich die Protagonisten als Tableau vivant auf der Bühne. Von klassischer Musik zum Leben erweckt, wird über Europas Zukunft schwadroniert. Leutnant Hofmiller (Jeroen Engelsman), der zu Gast ist, möchte bei den Herrschaften punkten und bittet die Tochter des Hauses zum Tanz. Die Gelähmte bricht lamentierend in seinen Armen zusammen. Der Fauxpas kommt ihn teuer zu stehen. Mitleid und Eitelkeit treiben ihn dazu, das Mädchen, das er nicht lieben kann, immer wieder zu besuchen.

Mitleid sei wie Morphium. Es könne für Linderung sorgen, schlecht dosiert würde es allerdings zu einem mächtigen Gift werden. Das erklärt Doktor Condor (Helge Herwerth) dem Leutnant, als es längst zu spät ist. Der junge Mann ist in die Fänge einer verzweifelten Familie geraten. Der reiche Herr von Kekesfalva (Peter Balmer) hadert damit, seiner gelähmten Tochter nicht helfen zu können. Hofmiller wird zu seiner letzten Hoffnung, das Mädchen glücklich zu machen.

Tyrannisches Opfer

Dabei hat der Soldat längst ein Auge auf die schöne Ilona (Sophie Arbeiter) geworfen. Regisseur Stefan Meier schafft eine unheilschwangere, beinahe klaustrophobische Situation, bei der man sich mit Hofmiller, der ebenfalls ab und zu als Erzähler fungiert, identifiziert. Anne Welenc spielt Edith nicht als hilfloses Opfer, sondern verleiht der Figur mitunter auch tyrannische Züge. «Wann kommst du wieder?» – das klingt aus ihrem Mund wie eine Drohung. Und der vielseitige ­Helge Herwerth punktet als verschrobener Arzt, der zunehmend zur moralischen Instanz wird.

Zwei Arten von Mitleid gebe es. Das eine stehe alles durch bis zum Letzten. Das andere sei bloss Ungeduld des Herzens. «Es wäre Mord», das Mädchen im Stich zu lassen.

Vorstellungen: bis 15. 9., Theater an der Effingerstrasse, Bern. www.dastheater-effingerstr.ch

Berner Zeitung

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